Neues Sachbuch "Der Klang von Paris" – Volker Hagedorn lauscht einem ganzen Jahrhundert

Wenn einer der führenden Musikpublizisten dem "Klang von Paris" im 19. Jahrhundert nachspürt, lässt er sich nicht nur auf eines der meist erforschten und vielgesichtigsten Sujets der europäischen Musikgeschichte ein, sondern nähert sich zugleich einem halluzinatorisch aufgeladenen Stadtmythos. Nach jahrelangem Quellenstudium und zahllosen Recherchereisen hat Volker Hagedorn die unterschiedlichen Aspekte des Themas zu einem eminent informativen und dennoch kurzweiligen Band gefügt.

von Martin Hoffmeister, MDR KULTUR-Musikredakteur

Metropolen stehen seit jeher exemplarisch für intellektuelle resp. künstlerische Verdichtung. Ob Rom, London, Tokio, Prag, New York, Sydney oder Madrid: Entlang des Grossstadtlebens entwickelten sich unterschiedliche geistige und kulturelle Stränge zu einem stilbildenden, spannungsgesättigten Amalgam. Dass sich im weitgehend zentralistisch organisierten Frankreich die bedeutenden intellektuellen Bewegungen insbesondere in Paris konzentrierten, verwundert kaum.

Mehr als ein Diskurs über Musik

Volker Hagedorn: Paris als Musikmetropole
Volker Hagedorn: Paris als Musikmetropole Bildrechte: Rowohlt Verlag

Beispielhaft dafür steht das 19. Jahrhundert, in dem sich, im Nachgang der Revolution, die Kunstgenres neu sortierten und den Aufbruch probten. Begünstigt durch bedeutende Institutionen wie das Pariser Conservatoire, zahllose Theater- und Opernhäuser und das allemein kulturaffine geistige Klima der Stadt, zog es im 19. Jahrhundert sukzessive mehr Komponisten und Musiker aus Frankreich und Europa in die Metropole. Man wollte teilhaben am weitdimensionierten Musik-Diskurs der Stadt, man wollte ihre 'Klang'-DNA prägen. So versammelten sich denn in Paris Protagonisten der europäischen Musikszene wie Berlioz, Wagner, Chopin, Meyerbeer, Offenbach, Rossini, Paganini und viele andere. Hier konnten sie in Austausch treten mit den Kollegen ebenso wie mit Malern, Schriftstellern, Theater-Machern, Photographen, Architekten, Wissenschaftlern und Intellektuellen.

Vor allem aber ließ sich in der Metropole das eigene Schaffen vorantreiben. Das dichte Geflecht von Beziehungen, gegenseitigen Beinflussungen und Inspirationen unter den handelnden Figuren aufzufalten und gegebenenfalls zu entschlüsseln, und dabei sowohl Menschlich-Allzumenschliches als auch historische Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen, ist die Haupt-Intention von Volker Hagedorns Buch "Der Klang von Paris".  

Hagedorn lässt das Who is Who der europäischen Musikgeschichte Revue passieren. Er kennt das einschlägige Quellenmaterial, zitiert oder collagiert Briefe, Romane. Er lässt seine Figuren in direkter Rede oder Dialogen auftreten und scheut auch nicht, die, wie er sagt, 'fiktionale Nahaufnahme'. Er schöpft alle rhetorischen und sprachlichen Mittel aus, um seine Protagonisten authentisch ins Bild zu setzen.

Martin Hoffmeister Über "Der Klang von Paris"

Angesichts der überbordenden Materialfülle beschränkt sich der Autor auf die musikgeschichtlich exemplarischen Jahre zwischen 1821 und 1867. Anhand ausgewählter Protagonisten wie dem Komponisten Hector Berlioz beschreibt Hagedorn detailliert Lebenswege, Erfolge oder Schaffenskrisen, benennt musikalische Diskurse und stellt Phänomene wie Personen in zeitgeschichtlichen Kontext. En passant erfährt der Leser mehr über die Entwicklung der Eisenbahn und die Elektrifizierung, über Pariser Salons und Klavierbau ebenso wie über Epidemien, Armut, Zensur und die Auswirkungen der Revolution. Hagedorns opulentes Pariser Musik-Panorama weist damit weit über die Szenerien des 19. Jahrhunderts hinaus.

Über den Autor Volker Hagedorn, Jahrgang 1961, zählt zu den führenden Musikpublizisten Deutschlands. Der studierte Bratscher war zunächst Feuilletonredakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung. Seit 1996 arbeitet er als freier Autor u.a. für Die Zeit, diverse Tagezeitungen und Magazine sowie Kulturradios. Umfassende Beachtung fand sein Buch „Bachs Welt“ (2016). Hagedorn ist Preisträger der Ben-Witter-Stiftung (2015) und des Gleim-Literaturpreises (2017).

Angaben zum Buch Volker Hagedorn: Der Klang von Paris . Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts
410 Seiten
Rowohlt Verlag
25.- Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juni 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 04:00 Uhr

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