vorn Mitte, v.l.: Ho-Yoon Chung (Gustavo), Paolo Rumetz (Anckarström), Magnus Piontek (Horn), Eric Ander (Ribbing), Herren des Opernchores
Zahlreiche Chor- und Ensembleszenen sind geradezu ein Markenzeichen dieser Oper. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Rezension: "Ein Maskenball" Calvo dirigiert mit Verdis "Maskenball" seine erste Oper in Chemnitz

Verdis Oper über den Mord am schwedischen König Gustav III. feierte in Chemnitz keine normale Premiere, sondern war gleichzeitig die erste Oper am Haus unter der Leitung des neuen Generalmusikdirektors Guillermo García Calvo.

von Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Opernredakteurin

vorn Mitte, v.l.: Ho-Yoon Chung (Gustavo), Paolo Rumetz (Anckarström), Magnus Piontek (Horn), Eric Ander (Ribbing), Herren des Opernchores
Zahlreiche Chor- und Ensembleszenen sind geradezu ein Markenzeichen dieser Oper. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Im sinfonischen Bereich ist der neue Chemnitzer Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo vom Chemnitzer Publikum bereits gefeiert worden. Seine erste Opernproduktion, Verdis "Maskenball", hat Calvo musikalisch-sensibel, oft mit großen, weich-schwingenden Bewegungen dirigiert. Dabei war er mental nah an den Sängern, dem Chor und dem Bühnengeschehen dran, indem er das Situative dieser Musik fabelhaft umgesetzt hat und großen Wert auf Präzision legt. Man merkte natürlich auch, wie er bei der Schumann-Philharmonie in die großen Fußstapfen des früheren Generalmusikdirektors Frank Beermann tritt.

Dieses Orchester weiß einfach, worauf es in der Oper ankommt.

Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Opernredakteurin

Winzige musikalische Trübungen betrafen allerdings den ersten Teil, wo es punktuell zu Tempo-Unstimmigkeiten zwischen Graben und Bühne kam und ich mir gelegentlich einen Hauch mehr an Italianita, an Dringlichkeit, hätte vorstellen können. Verdis Musik hat enormes dramatisches Potential, insofern war der zweite Teil für mich musikalisch noch schlüssiger.

Solisten in Höchstform

Die zahlreichen Chor- und Ensembleszenen, ein Markenzeichen dieser Oper, hat Calvo bis ins Detail ausgearbeitet. Andererseits stellt Calvo sich wunderbar auf die Solisten ein, er trägt sie. Sehr überzeugende Gesamtleistungen haben sowohl das Liebespaar Gustavo (Ho-Yoon Chung) und Amelia (Maraike Schröter) geboten als auch der Page Oscar – den Silvia Micu mit ihrem ebenso beweglichen, wie absolut höhensicheren Sopran sang. Überzeugend war auch Altistin Alexandra Ionis als Zigeunerin Ulrica, die viel Tiefe und Höhe braucht.

Silvia Micu (Oscar)
Die Sopranistin Silvia Micu in der Rolle des Pagen Oscar überzeugte mit ihrem höhensicheren Gesang. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Eine Chemnitzer Verdi-Produktion, die sich hören lässt!

Bettina Volksdorf

Bei Ho-Yoon Chung als König Gustav von Schweden gefiel mir zudem die schauspielerische Intensität und Leichtigkeit dieses Tenors, bei Maraike Schröter hingegen eher die lyrischen Qualitäten dieses Sopran. Graf Anckarström (gespielt von Paolo Rumetz) ist der Freund und Sekretär des Königs, zugleich Ehemann Amelias und fühlt sich von beiden hintergangen, denn Amelia und Gustavo haben ein Liebesverhältnis, wenngleich ein platonisches. Hier überzeugte mich vor allem die menschlich-tief empfundene Figurengestaltung des älteren, betrogenen Ehemannes. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, denn auch in kleineren Partien überzeugten Ensemblemitglieder, wie der junge Magnus Pointe oder Edward Randall.

Ästhetisch stimmiges Ambiente

"Un ballo in maschera" hat eine politische Ebene, denn es geht um den gewaltsamen Tod eines Monarchen, eben jenen König Gustav III. von Schweden. Das war den neapolitanischen Zensurbehörden auf der Opernbühne zu viel, weshalb Giuseppe Verdi immer neue Fassungen vorlegen musste, bis der Maskenball dann 1859 in Rom uraufgeführt werden konnte. Diesen politischen Hintergrund hat Regisseurin Arila Siegert in einem ästhetisch sehr stimmigen und beeindruckenden Ambiente auf die Bühne gebracht. Hans Dieter Schaal hat ein multipel-bespielbares Bühnenbild entworfen, das mit seinen klotzig-hohen, fahrbaren Mauern, mit begehbaren Türen und Galerien ganz unterschiedliche Spielorte bot. Zugleich wird einiges über eine Gesellschaft erzählt, in der Anzugträger zu mordlüsternen Verschwörern mutieren, eine Welt zudem, aus der es kein Entrinnen gibt und die im Grunde keinen Raum für Liebe bietet.

Inszenierung zeitlos verortet

Die Personenführung, wie präzise die Regisseurin mit dem Chor gearbeitet hat, all das überzeugte. Allerdings belässt es das Regie-Team konzeptionell auch ein wenig im Ungefähren: Da mischen sich in den Kostümen und der Ausstattung Stile, Zeiten und Anmutungen, so dass man das Geschehen nur bedingt verorten kann. In Summe bleibt als zentrales Moment der Dreieckskonflikt zwischen Amelia, Gustavo und Graf Anckarström als menschliche Tragödie von archaischem Ausmaß, womit das Regieteam nah an Verdi und seinem Librettisten ist, denn die mussten sich damals aus politischen Gründen ebenfalls genau darauf konzentrieren. 

Die Chemnitzer Verdi-Produktion lässt sich sehen und hören und ist eine unbedingte Empfehlung!

Informationen zur Aufführung "Ein Maskenball" in Chemnitz Musikalische Leitung: Guillermo García Calvo
Inszenierung: Arila Siegert
Bühne: Hans Dieter Schaal
Kostüme: Marie-Luise Strandt
Chor: Stefan Bilz
Dramaturgie: Susanne Holfter

Besetzung:

Gustavo: Ho-Yoon Chung (02.12./08.12./15.12.2017/14.01./27.01.2018) und Sung Kyu Park (17.03./08.04./10.05.2018)
Anckarström: Paolo Rumetz
Amelia: Maraike Schröter
Ulrica: Alexandra Ionis
Oscar: Silvia Micu (02.12./15.12.2017/14.01./08.04./10.05.2018), Guibee Yang (08.12.2017/27.01./17.03.2018)
Cristiano: Andreas Beinhauer
Horn: Magnus Piontek
Ribbing: Eric Ander
Richter: Edward Randall
Diener: Hubert Walawski

Weitere Aufführungen:

08.12.2017, 19:00 Uhr
15.12.2017, 19:00 Uhr
14.01.2018, 15:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 03. Dezember 2017 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2017, 11:51 Uhr