Ausstellung Wir sind König! - Quedlinburg feiert Heinrich I. multimedial

"Hochkultur trifft Lichtkultur" – unter diesem Motto feiert Quedlinburg König Heinrich I., der vor rund 1.100 Jahren lebte. Ihm ist nun eine Doppelausstellung auf dem Schlossberg gewidmet, die am 19. Mai eröffnet wurde. Doch wer war eigentlich dieser Heinrich, der bis heute als Reichsgründer gilt – und was zeigen die Ausstellungen "919 - plötzlich König" im Schlossmuseum und "Am Anfang war das Grab" in der Stiftskirche Quedlinburg?

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (M, CDU) sieht sich im Schlossmuseum der Welterbestadt Quedlinburg das "lebende Buch".
Blick ins "lebende Buch" - Ministerpräsident Haseloff (2.v.r.) besucht das Schlossmuseum Quedlinburg Bildrechte: dpa

"919 - plötzlich König"? Angeblich soll Heinrich am Quedlinburger Finkenherd gerade Vögel gejagt haben, als ihn die Botschaft erreicht: Er, der Herzog von Sachsen, ist zum deutschen König erhoben. Der Legende nach liegt das 1.100 Jahre zurück. Das Jubiläum gibt den Anlass für zwei Ausstellungen auf dem Schlossberg in Quedlinburg, die Licht ins ferne Dunkel der Geschichte bringen sollen. Angesichts der wenigen gesicherten Quellen scheint das keine leichte Aufgabe.

Mittelalter multimedial

Urkunde in der Schau "919 - plötzlich König" in Quedlinburg.
Erstmals in Quedlinburg zu sehen. Die Gründungsurkunde von 922 Bildrechte: Städtische Museen der WES Quedlinburg / Foto: Doreen Klinger

Im Schlossmuseum greift die Schau unter dem Titel "919 - plötzlich König" auf die Möglichkeiten einer multimedialen Installation und einige authentische Objekte zurück. Geblättert werden kann in einem "lebenden Buch", um mehr über Leben und Wirken des Sachsenherzogs, über die Umstände seiner Erhebung in den Königsstand oder seine Gegenspieler zu erfahren. Zunächst wirkt dieses Buch wie ein mittelalterlicher, pergamentener Band, doch auf den Seiten bewegen sich Figuren, die Geschichten erzählen.

Aus der Zeit Heinrichs stammt nur ein einziger Originalgegenstand. Aber der wiegt alles auf, meint zumindest die Quedlinburger Museumschefin Uta Siebrecht: Quedlinburgs Gründungsurkunde von 922 wird erstmals vor Ort zu sehen. Den Kontext liefert eine interaktive Kopie an der Wand, per Knopfdruck erzählt eine Stimme, was da Zeile für Zeile geschrieben steht oder was es mit einem Fleck, einem Knick in der Urkunde auf sich hat. 

In der benachbarten Stiftskirche heißt es "Am Anfang war das Grab", wurden doch Heinrich und seine zweite Frau Mathilde dort beigesetzt. Wie sich Stift, Kirche und Stadt in den Jahrhunderten nach Heinrichs Ägide entwickelten, wird an diesem Ort, der Krypta und Domschatz beherbergt, auf Stelen erzählt.

Die Legenden

Heinrich wird gern gefeiert als Gründer des Deutschen Reiches, als Städtebauer und Retter des Abendlandes vor den Ungarn. Nichts davon stimmt – vor allem nicht, wenn man sich klarmacht, dass von einem deutschen Nationalbewusstsein im 10. Jahrhundert nicht zu reden ist. Heinrich hat auch keine Städte gegründet, sondern lediglich eine Reihe von existierenden Fluchtburgen ausbauen lassen. Was wahr ist: Er hat eine Schlacht gegen die Ungarn gewonnen. Irgendwo an der Unstrut, da streiten die Historiker noch, wie bedeutend die war.

Kamm Heinrichs I. in der Schau "919 - plötzlich König" in Quedlinburg.
Ein Kamm Heinrichs I. - auch er ist in der Ausstellung zu sehen Bildrechte: Domschatzverwaltung Quedlinburg / Elmar Egner M.A.

Und die Geschichte mit der Vogeljagd, die auf 919 datiert wird, erzählt man sich erst seit 12. Jahrhundert, was Orte wie Quedlinburg, Pöhlde und Memleben nicht daran hindert, zu behaupten, sie hätte sich zu dieser Zeit in ihren Gefilden zugetragen. Dabei gilt das 10. Jahrhundert als die quellenärmste Zeit des Mittelalters, auch archäologisch sind die Spuren dürftig. Immerhin führte die Legende aus dem 12. Jahrhundert dazu, dass Richard Wagner "den Vogler" wiederentdeckt. Der Komponist lässt Heinrich als solchen im "Tannhäuser" auftreten, von Carl Löwe gibt es eine Ballade über den Vogeljäger Heinrich. Er wird in eine Traditionslinie mit Hermann dem Cherusker gestellt, der die Römer im Teutoburger Wald schlug.

Machtpolitiker und Reformer

Burgberg mit Stiftskirche St. Servatius
Blick auf den Burgberg mit der Stiftskirche St. Servatius Bildrechte: IMAGO

Kaiser ist und wird Heinrich nicht. Zum König wird er gewählt in Fritzlar, ein halbes Jahr nach dem Tod von Konrad I. Allein die lange Zeit verrät – den deutschen Herzögen fällt es schwer, sich auf einen Kandidaten zu einigen, auch wenn Geschichtsschreiber später behaupten, der sterbende Konrad hätte Heinrich zu seinem Nachfolger erkoren. Das ist ebenso ungewöhnlich wie Heinrichs Weigerung, sich nach der Krönung salben zu lassen. So soll er laut dem Geschichtsschreiber Widukind verkündet haben:

Es genügt mir (…) vor meinen Vorfahren das voraus zu haben, dass ich König heiße und dazu ernannt worden bin.

Heinrich nach Widukind von Corvey

Heinrich ist ungefähr 43 Jahre alt, als er gekrönt wird, als Herrscher Sachsens ist er einer der bedeutendsten Fürsten des Reiches. Erst heiratet er Hatheburg, die Witwe Erwin von Merseburgs, obwohl sie Nonne geworden ist. Heiratsgrund ist laut dem Chronisten Thietmar von Merseburg die "Schönheit und Brauchbarkeit ihres reichen Erbes". Der clevere Machtpolitiker lässt die Ehe denn auch bald für ungültig erklären, eben weil Hatheburg ja Nonne war. Er heiratet Mathilde, laut Thietmar wiederum "ob ihrer Schönheit und ihres Vermögens". Land und Macht  als Voraussetzung für eine Königsherrschaft hat er also.

Begründer der Dynastie der Ottonen und Begründer des deutschen Reiches

Die Franken und Sachsen, nicht aber die Schwaben und Bayern wählen Heinrich zum König. Letztere erklären gar ihren Herzog Arnolf selbst zum König. Das ostfränkische Reich steht vor dem Zerfall. Heinrich marschiert erst gen Schwaben, Herzog Burkard unterwirft sich "mit all seinen festen Plätzen und seinem gesamten Volk", wie Thietmar festhält. 921 erkennt dann der in Regensburg eingeschlossene Bayer Arnolf Heinrichs Herrschaft an.

Hörstation Heinrich in der Schau "919 - plötzlich König" in Quedlinburg.
Hörstation in der Ausstellung Bildrechte: Städtische Museen der WES Quedlinburg

Anders als seine glücklosen Vorgänger bindet Heinrich die Herzöge nach ihrer Unterwerfung in seine Herrschaft ein. Sie bekommen Privilegien, dürfen Bischöfe einsetzen und Heinrich lässt für sie als seine "Freunde" beten. Der innenpolitische Friede wird durch außenpolitische Erfolge abgesichert: die seit Jahrzehnten einfallenden Ungarn werden 933 an der Unstrut geschlagen. Neuangelegte Burgen, wie in Meißen, begründen Heinrichs Ruf als "Burgenbauer". Entscheidender ist ist aber anderes:

Wir haben es für passend gehalten, auch über unser Haus mit Gottes Beistand in geordneter Weise Vorsorge zu treffen.

Heinrich, nach Thietmar von Merseburg

Heinrich bricht nämlich mit der karolingischen Tradition, das Reich unter seinen Söhnen zu teilen und bestimmt Otto, den Erstgeborenen aus seiner Ehe mit Mathilde zum Nachfolger. So gilt er als der Begründer des deutschen Reiches. Am 2. Juli 936 stirbt der deutsche König und sächsische Herzogs Heinrich I. (876-936) aus dem Haus der Liudolfinger in der Königspfalz Memleben/Unstrut.

Die Grablege Heinrich I. kann noch heute als authentischer Ort in der Krypta der Stiftskirche besichtigt werden.
Blick in die Krypta der Stiftskirche Quedlinburg Bildrechte: Domschatzverwaltung Quedlinburg / Elmar Egner M.A.

Über Quedlinburg und die Ausstellung Die Stadt erlebt in diesem Jahr ein "Superfestjahr". Am Wochenende vom 18./19. Mai gibt es ein Stadtfest mit dem Titel "Hochkultur trifft Lichtkultur".

Vom 31. Mai bis 2. Juni 2019 ist die Harzstadt Gastgeber des Sachsen-Anhalt-Tages, außerdem werden bis Jahresende der Welterbetitel und 30 Jahre Friedliche Revolution gefeiert. Quedlinburgs historische Altstadt ist seit 25 Jahren Unesco-Welterbe.

Doppelausstellung:
"919 - plötzlich König" im Schlossmuseum Quedlinburg
"Am Anfang war das Grab" in der Stiftskirche Quedlinburg

Bis 2. Februar 2020
06484 Quedlinburg
Schlossberg 1

Öffnungszeiten:
Von April bis Oktober
Di bis So | 10-18 Uhr, ab November von 10-16 Uhr
Eintritt: Stiftsbergticket 9,50 Euro / ermäßigt 7,50 Euro

Online: Katrin Schlenstedt, MDR KULTUR

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Sendungsbild + Video
Stadtansicht des Fachwerk-Welterbe-Städtchen Quedlinburg; ansicht vom Finkenheerd Bildrechte: MDR/Studio DD
MDR FERNSEHEN Do, 30.05.2019 18:05 18:50
  • Stereo
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel
  • VideoOnDemand

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Mai 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Mai 2019, 04:00 Uhr

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