Julia Ebner
Die Sachbuch-Autorin Julia Ebner Bildrechte: imago images/Future Image

Neues Sachbuch von Julia Ebner "Radikalisierungsmaschinen": Wie das Netz Extremisten bei der Arbeit hilft

Für ihre Recherchen in rechten oder islamistischen Netzwerken legte sich Julia Ebner fünf Identitäten zu. So studierte die 28-jährige für ihr Buch "Radikalisierungsmaschinen" aus nächster Nähe, wie sich Menschen im Cyberspace mit Hass und Hetze rekrutieren und mobilisieren lassen. Das wichtigste Buch zum Thema Extremismus derzeit, sagt unser Kritiker: "Hut ab für diese Recherche!" Exzellent geschrieben ist es auch.

von Bastian Wierzioch, MDR KULTUR

Julia Ebner
Die Sachbuch-Autorin Julia Ebner Bildrechte: imago images/Future Image

Für ihr Buch "Wut", das erst im vergangenen Jahr erschien, schleuste sich die Extremismus-Forscherin in Netzwerke wie die islamistische Organisation Hizb ut-Tharir oder die rechtsextreme English Defense League. Für die Recherche zu "Radikalisierungsmaschinen" legte sich Julia Ebner, die für die Londoner Denkfabrik Institute for Strategic Dialoque arbeitet, gleich fünf unterschiedliche Identitäten zu. So konnte sie beobachten, wie Extremisten Terroranschläge planen, Desinformations- und Einschüchterungskampagnen organisieren und koordinieren.

Das Spektrum, in dem sie sich bewegte, reicht von Dschihadisten über Verschwörungstheoretiker bis hin zu christlichen Fundamentalisten. Anders als in ihrem ersten Buch liegt der inhaltliche Schwerpunkt diesmal überwiegend auf rechtsextremen Gruppen. Wie sie neue Technologien nutzen, das ist die zentrale Frage ihrer aufschlussreichen und gefährlichen Recherche.

"Reconquista Germanica" oder: Undercover in der Troll-Armee

Julia Ebner: Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren
Neues Sachbuch von Julia Ebner Bildrechte: Suhrkamp

So untersucht die 28-Jährige, welche Rolle der Cyberspace in den unterschiedlichen Phasen von Radikalisierungsprozessen spielt: über geschlossene Chatgruppen und Online-Foren, über Apps, Blogs und Bots, über Videokanäle, aber auch Computerspiele. Sie vollzieht nach, wie neue Mitglieder gewonnen und Unterstützer mobilisiert werden. Sie beschreibt die soziale Dynamik in extremistischen Gruppen, deren Vernetzung, um Botschaften nach außen zu bringen und Angriffe durchzuführen.

Wie die Rekrutierung läuft, analysiert sie am Beispiel einer US-amerikanischen Neonazigruppe sowie der rechtsextremen Identitären Bewegung, die es auch in Deutschland gibt, zum Beispiel in Halle. Dabei wird deutlich, welch hohen Hürden es zu überwinden gilt, wenn man mitmischen möchte in diesen Gruppen. Bei Sicherheitschecks werden die Hintergründe der Bewerber genau überprüft. Manche dieser geschlossenen Zirkel verlangen Abstammungs- oder Gentests von denjenigen, die mitmachen möchten bei den weißen Rassisten und Nationalisten.

Um zu verstehen, wie die Kommunikation mit einem möglichst breiten externen Publikum organisiert wird, schleuste sich Julia Ebner ein bei "Reconquista Germanica" auf der Gaming-App Discord. Generalstabsmäßig werden dort Desinformationskampagnen gefahren und Angriffe auf politische Gegner orchestriert. Ebner wurde Teil der größten Internet-Troll-Armee Europas, von denen jeder gleich mehrere Accounts bedient, um Fake News zu verbreiten. Am Beispiel von "Reconquista Germanica" zeigt die Autorin ganz konkret, welchen Einfluss dieser Kanal auf die Bundestagswahl 2017 ausübte, genauer gesagt welchen Einfluss zugunsten der AfD.

Der Spaßfaktor als Dreh- und Angelpunkt

Zugleich beschreibt sie den Appeal eines Angebotes wie "Reconquista Germanica", das aufgebaut ist wie ein Videospiel. Klare Ziele werden da gesteckt, schreibt Ebner, Erfolge werden gefeiert und durch gute Leistungen steigt man auf in der Hierarchie der Gruppe. Die Autorin spricht von Gamification und schreibt: "Der Spaßfaktor ist der Dreh- und Angelpunkt, wenn man vorhat, rechtsextreme Ideologien und Verschwörungstheorien gesellschaftlich hoffähig zu machen." Radikale Ideologien in die Köpfe und Herzen der Menschen in der Mitte der Gesellschaft zu verpflanzen, das gelingt Ebner zufolge mit spielerischen Ansätzen ganz gut.

Neonazis beziehen sich auf Spiele wie "God of War", daraus wird dann "God of Race War". Islamisten bedienen sich bei ihrer Propaganda populärer Computer-Spiele wie "Call of Duty". Allen extremistischen Gruppen ist dabei eines gemein, macht sie deutlich: Sie verwenden neueste zukunftsorientierte Technologien, um gestrige und altbackene Denkgebäude zu verbreiten.

Wenn man von innen heraus sieht, wie solche Kampagnen und Aktionen koordiniert werden, dann sind solche Einschüchterungsstrategien gar nicht mehr so effektiv. Weil man dann sieht, dass es sehr oft nur von einer kleinen Minderheit ausgeht, aber einen überproportionalen Einfluss auf die öffentliche Debatte hat. Mir war es auch ein Anliegen, das aufzuzeigen, um dem durchschnittlichen Nutzer und der Nutzerin das Gefühl zu geben: Eigentlich sind die Extremisten nicht in der Mehrzahl, selbst wenn sie viel lauter erscheinen im Online-Raum.

Juilia Ebner

Hut ab für diese Recherche!

Gelungen ist Julia Ebner ein enorm faktenreiches Buch mit sehr hohem Erkenntnisgewinn. Außerdem ist es exzellent geschrieben: Sehr sachlich, distanziert, manchmal schwingt ein cooler, abgebrühter Unterton mit.

Julia Ebner ist nicht die Erste, die sich mit der Nutzung neuer Technologien in extremistischen Kreisen beschäftigt. Da gibt es zahlreiche lesenswerte Titel, wie zum Beispiel "Rechte Hetze im Netz" von Patrick Gensing. Ebners Alleinstellungsmerkmal dürfte ihr konsequenter und aufwendiger Undercover-Recherche-Ansatz sein. Die Erkenntnisse, die sie so zutage fördert, gehen über andere Sachbücher hinaus.

Das Risiko, das sie dafür in Kauf nimmt, ist hoch. Bei "Reconquista Germanica" flog sie auf, mit der Folge, dass sie massiv bedroht wurde.

Angaben zum Buch Julia Ebner: "Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren"
Suhrkamp Verlag, 2019
337 Seiten
ISBN: 978-3-518-47007-7

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2019, 04:00 Uhr

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