Tanztheater von Ester Ambrosino. Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und schaut auf eine leere Schubkarre.
"Reprise" wird am 22. März noch einmal in Erfurt gezeigt. Bildrechte: Susann Nuernberger

Kritik Tanztheater "Reprise" in Weimar - dieses Konzept geht nicht auf

Anlässlich von hundert Jahren Weimarer Verfassung wollte das Deutsche Nationaltheater das Werden und Vergehen der Weimarer Republik mit einem Tanztheaterabend vermitteln - ein Experiment, das schief gegangen ist, wie Kritiker Wolfgang Schilling meint. Er war bei der Uraufführung dabei.

Tanztheater von Ester Ambrosino. Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und schaut auf eine leere Schubkarre.
"Reprise" wird am 22. März noch einmal in Erfurt gezeigt. Bildrechte: Susann Nuernberger

"Reprise" ist eine kleine Auftragsproduktion, die im Rahmen der "Woche der Demokratie" am Nationaltheater Weimar stattfindet, anlässlich hundert Jahren Weimarer Verfassung. Ester Ambrosino, Tänzerin mit italienischen Wurzeln und Gründerin des Tanztheaters Erfurt, spürt in einer Collage aus Musik, Bewegung und allerlei Texten dem Geist dieser Zeit, der Weimarer Republik, den goldenen 20er-Jahren nach.

Wir befinden uns also im Deutschen Nationaltheater - aber nicht auf der großen Bühne, sondern im kleinen Studio unterm Dach, das drei Akteuren Platz bietet: den beiden Tänzern Veronica Bracaccini und Daniel Medeiros und dem Schauspieler Manolo Palma. Diese drei, so der Anspruch, sollen uns nun einen bewegten Bilderbogen bieten und das Werden und Vergehen der Weimarer Republik emotional vermitteln.

Anspruch und Wirklichkeit

Szene aus 'Reprise' am DNT Weimar
Szene aus 'Reprise' am DNT Weimar. Bildrechte: Susann Nuernberger

Leider erreichen die Akteure dieses Ziel aber nicht. Ester Ambrosino denkt zu kurz und beschränkt sich in ihrer Auseinandersetzung mit der Zeit viel zu sehr auf nur einen Aspekt der 20er-Jahre: auf das Klischee von der Wildheit und Verworfenheit dieser Zeit. Da wird nach einem weltkriegsdüsteren Text zu Beginn als nächstes aus einem aufatmenden Brief der Dada-Künstlerin Hannah Höch zitiert: "Wir waren alle wie in ein Korsett eingeschnürt und wurden nun in die Freiheit entlassen."

Diesen Satz nimmt Ester Ambrosini gleich ganz wörtlich, lässt ihre Solistin Veronica Bracaccini sozusagen aus dem Korsett ins teilweise brustenblöste ekstatische Tanzen im Stile einer Anita Berber springen. Und der eben noch als Proletariersinnbild Mauersteine aus der Schubkarre packende Daniel Medeiros findet nach ersten Kommentaren wie "Ihr Schweine" dann doch auch Gefallen an ihr. Manolo Palma, der so etwas wie den bürgerlichen Intellektuellen gibt, gesellt sich zum mal weniger, mal mehr flotten Dreier, der dann im Stile von Babylon Berlin präsentiert wird.

Ein simples Bild

Weißer Kunstkoks macht sich gut auf schwarzem Bühnengrund vor wahlplakatiertem Bühnenhintergrund. Zum Auf- und Durchatmen gibt’s dann immer mal ein paar Informationen zu Zeit und Raum. Leicht konsumierbar, bleibt das alles im Klischee-Bild, das man so von den wilden Jahren hat. Und wenn die Tänzer dann wieder zu Luft gekommen sind, zieht das Tempo an und ab geht’s in Richtung neuer sexueller Höhepunkte und Erfahrungserweiterungen.

Das hat nichts mit Prüderie zu tun, aber man ist teilweise schon froh, wenn mal eine mit Spielwitz vorgeführte Stummfilmdrehszene einer wilden Autofahrt gespielt wird und die Darsteller zeigen können, dass sie mehr draufhaben als notgeiles und dabei trotzdem jugendfreies Übereinanderherfallen.

Tänzer und Schauspieler hängen sich rein   

Gut, es gibt auch noch ein bisschen Hindemith zu hören. Eine zeitgenössische Bearbeitung seiner Komposition "Des kleinen Elektromusikers Lieblinge" dient als Soundtrack für ein recht kleines Pas de Deux der beiden Tänzer. Dazu gibt's dann Zitate aus einem Brief des Neutöners, in dem dieser zum nötigen Ernst beim Komponieren hinweist, um mit der neuen Musik auch Ernst genommen zu werden. Aber mehr als ein intellektuelles Feigenblatt für die ansonsten vorherrschende Tollerei ist dies am Ende auch nicht.

Der Schluss geht dank des Einsatzes der drei Akteure nicht ganz nach hinten los, verhallt aber wegen des Horizonts der Vorlage, der nicht über die Lotterbettkante hinausreicht, ziemlich schnell.

Eine sinnvolle Ausgabe?

Noch ein Wort zum Titel. "Reprise" bedeutet ja Wiederholung. Eine solche ist am Deutschen Nationaltheater von vorneherein nicht vorgesehen. Ich habe noch einen weiteren Aufführungstermin in Erfurt recherchieren können, am 22. März auf der Studiobühne des Theaters Erfurt. Soviel zum Thema Nachhaltigkeit von aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanzierten Auftragskunst.

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Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2019, 15:33 Uhr

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