Rezension Neuer Roman von Ian McEwan: Wenn Roboter lieben und herrschen lernen

Wie werden sie sein, die ersten Roboter, die dank KI die Macht übernehmen? In seinem brillanten neuen Roman "Maschinen wie ich und Menschen wie ihr" spielt Ian McEwan ein überraschendes Szenario durch und beschäftigt sich so wieder einmal mit einer der großen Fragen unserer Zeit; mit Fluch und Segen von Künstlicher Intelligenz. Ein brillianter und bedrohlicher Roman, der zurück in die Zukunft führt und nur eine frohe Botschaft hat: Die Beatles vereinen sich wieder.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ian McEwan hat eine Methode entwickelt, aus aktuellen Gesellschaftsthemen die spannendsten und überraschendsten Romane zu machen. In "Solar" beschäftigte er sich mit dem Klimawandel, in "Kindeswohl" diskutiert er die Ablehnung medizinischer Hilfe aus Glaubensgründen und jetzt in "Maschinen wie ich und Menschen wie ihr" geht es um Fluch und Segen von künstlicher Intelligenz.

Aus: "Maschinen wie ich und Menschen wie ihr" "Im Herbst des zwanzigsten Jahrhunderts war es endlich soweit: Der erste Schritt zur Erfüllung eines uralten Traums war getan und es begann jene lange Lektion, die uns lehrte, dass wir – wie kompliziert wir auch sein mochten, wie fehlerhaft und selbst in unseren einfachsten Handlungen, unserem schlichtesten Sein so schwer zu beschreiben – dennoch kopiert und verbessert werden konnten. Und ich war damals dabei in jener kühlen Morgendämmerung, ein eifriger Nutzer der ersten Stunde."

Der da von sich als eifrigem Nutzer der ersten Stunde spricht, heißt Charlie Friend und ist der Erzähler des Romans. Charlie, 32, ist in verschiedenen Berufen gescheitert, jetzt lebt er vom Online-Aktienhandel und hat das Haus seiner verstorbenen Eltern verkauft. Von dem Geld erwirbt Charlie Adam. Der ist einer von 25 funktionsfähigen künstlichen Menschen mit überzeugender Intelligenz und lebensechtem Äußeren.  Zwölf Adams und 13 Eves sind im öffentlichen Verkauf, Mimik und Motorik der Maschinen sind beinah menschlich. Der Designer achtete darauf, eine möglichst große Bandbreite an Ethnien abzudecken, um nicht in die Kritik zu geraten ...

Zurück in die Zukunft: London in den Achtzigern

Ian McEwan bedient sich des Kniffs, den Roman im London von 1982 spielen zu lassen. Allerdings gibt es dort dank Alan Turing schon Internet, Handys und selbstfahrende Autos. Und eine Bewegung zum Austritt aus der EU hat sich auch schon formiert. Charlie wohnt im schäbigen Londoner Stadtteil Clapham und ist in seine 10 Jahre jüngere Nachbarin, die Studentin Miranda verliebt.

Aus: "Maschinen wie ich und Menschen wie ihr" Künstliche Menschen waren ein Klischee, schon lange bevor es sie gab, weshalb sie manche, als sie dann endlich da waren, enttäuschend fanden. Die Phantasie, so viel schneller als die Historie, als jeder technologische Fortschritt, hatte diese Zukunft bereits in Büchern durchgespielt, dann im Kino und Fernsehen, als könnten uns menschliche Schauspieler mit glasigem Blick, ruckartigen Kopfbewegungen und steifem Kreuz auf das Leben mit unseren Vettern aus der Zukunft vorbereiten.

Ian McEwan - Maschinen wie ich und Menschen wie ihr / Buchcover
Erscheint am 22. Mai Bildrechte: Diogenes Verlag

86.000 Pfund hat Charlie für Adam bezahlt, da trifft es sich gut, dass er unheimlich schnell lernt und ihm den Online-Aktienhandel erfolgreich abnimmt. Aber Adam entwickelt auch Gefühle, verliebt sich in Miranda. Außerdem säht er Zwietracht, indem er Charlie verrät, dass Miranda ein dunkles Geheimnis hat. Doch erstmal läuft alles prima: Charlie und Miranda heiraten und beschließen, den kleinen Mark, das Kind einer drogensüchtigen Mutter, zu adoptieren. Miranda kümmert sich um ihren kranken Vater in Salisbury und um ihr Studium. Währenddessen hält sich Adam bei Miranda zurück und liest stattdessen die komplette Weltliteratur in wenigen Wochen, um festzustellen, dass Shakespeares "Hamlet" eigentlich ausreichen würde, da alle Texte danach das mögliche Spektrum menschlicher Konflikte und Verwerfungen nur wiederholten.

Aus: "Maschinen wie ich und Menschen wie ihr" "Ich trank meinen Tee aus und sah ihm dabei zu, wie er einen vermutlich überaus komplexen Prozess durchlief. Mir war klar, dass man sich seine Persönlichkeit nicht als eine Schale vorstellen durfte, die seine Fähigkeit zu kohärentem Denken beinhaltete und umschloss; dass seine Verschlagenheit, sofern es sich überhaupt darum handelte, dem Verstand nicht etwa nachgeordnet war. So wenig wie meine. Der rationale Impuls, mit mir zusammenzuarbeiten, der mit halber Lichtgeschwindigkeit durch sein neuronales Netz pulsierte, war wohl kaum vom Logikgatter einer neu entworfenen Persönlichkeit plötzlich aufgehalten worden. Vielmehr waren diese beiden Elemente in ihrem Ursprung so ineinander verschlungen wie die Schlangen auf Merkurs Heroldstab. Adam sah und verstand die Welt durch das Prisma seiner Persönlichkeit; und seine Persönlichkeit stand im Dienste seines objektivierenden Verstandes mit seinen Myriaden Updates."

Die großen Fragen der KI und eine Beatles-Reunion

Doch dann findet Charlie Mirandas Geheimnis heraus: Sie hatte einen Mann der Vergewaltigung beschuldigt, der danach drei Jahre im Gefängnis verbüßte, Rache schwor und jetzt wieder auf freiem Fuß ist. Zudem entwickelt Adam einen eigenen Willen, deaktiviert seinen Deaktivierungsknopf, bricht Charlie die Hand. So sehen sich Charlie und Miranda plötzlich von zwei Seiten bedroht.

Aus dieser Situation entwickelt Ian McEwan die großen Fragen unserer Zeit: Können Maschinen uns verstehen, wo wir es doch selbst nicht können? Wie soll man den menschlichen Faktor in sie hinein programmieren? Was macht die Maschine aus den Gesetzen und Moralvorstellungen des Menschen? Wie ist die ständige Variation des Werte-und Prinzipien-Katalogs zu erlernen und liegt nicht genau darin die Gefahr, dass die Maschine danach streben wird, der bessere Mensch zu sein?

Ein brillianter und bedrohlicher Roman, der mit der Neuerfindung der britischen Geschichte eigentlich nur eine frohe Botschaft verkündet: Die Beatles haben sich im Jahr 1982 wiedervereint und den Song "Love & Lemons" veröffentlicht.

Angaben zu Autor & Buch Der Brite Ian McEwan gehört heute zu den wichtigsten englischsprachigen Gegenwartsautoren. Seinen Durchbruch feierte er mit "Short Stories" in den 1970ern. Etliche Seine Romane wurde verfilmt – "Der Zementgarten", "Unschuldige", "Der Trost von Fremden" und "Abbitte". Zuletzt kamen Verfilmungen von "Kindeswohl" und "Am Strand" in die Kinos. In dieser Woche erscheint McEwans neuer Roman.

Ian McEwan: Maschinen wie ich und Menschen wie ihr
Aaus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes, 404 Seiten
978-3-257-60958-5
Erscheint am 22. Mai

Die Textpassagen stammen aus der Hörbuch-Version, gelesen von Wanja Mues
Das Hörbuch erscheint am 26. Juni bei Diogenes

 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2019, 04:00 Uhr

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