"Roma" von Alfonso Cuaron
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón Bildrechte: 75. Internationale Filmfestspiele Venedig / Carlos Somonte / Netflix

Nur 38 deutsche Kinos zeigen Cuaróns Epos in Schwarz-Weiß "Roma" - der beste und ungewöhnlichste Film des Jahres kommt ins Kino, aber nur für kurze Zeit

"Roma" - das ist der beste Film des Jahres. Darin sind sich viele Kritiker seit der Weltpremiere in Venedig einig. Das Werk von Alfonso Cuarón bekam am Lido den Goldenen Löwen. Zum ersten Mal ging der Preis an eine Netflix-Produktion, die nun für wenige Tage ins Kino kommt, und das wohl auch nur, damit der Film ins Rennen um den Oscar gehen kann. Wir haben Regisseur Alfonso Cuarón getroffen und stellen den in vieler Hinsicht außergewöhnlichen Film vor.

von Anna Wollner, MDR KULTUR

"Roma" von Alfonso Cuaron
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón Bildrechte: 75. Internationale Filmfestspiele Venedig / Carlos Somonte / Netflix

Ein Besen auf Steinplatten, Putzwasser, Schrubb-Geräusche. Wir sehen eine Frau, die eine Einfahrt wischt. Die Kamera beobachtet sie minutenlang, in einer Pfütze spiegelt sich ein vorbeifliegendes Flugzeug ...

Es sind die ersten Szenen des Films "Roma" von Alfonso Cuarón, eine Liebeserklärung des Regisseurs an sein ehemaliges Kindermädchen. "Für Libo" steht im Abspann, im Film heißt sie Cleo und ist das Herz einer mexikanischen Familie der Oberschicht im Jahr 1971. Dazu gehören vier Kinder und ein paar Hunde, die Mutter und der Vater, der sich von der Familie entfremdet, der immer wieder und immer länger wegbleibt. Mittendrin: Cleo, deren Leben eng mit der Familie verbunden ist. Vor allem als die indigene Frau schwanger und von ihrem Freund verlassen wird. Für Cuarón war es dieser persönliche Ansatz, der ihn getrieben hat, den Film zu machen, Cleos Geschichte zu erzählen.

Sie ist gleich mehrfach ausgeschlossen: Weil sie arm ist, weil sie Ureinwohnerin ist und weiblich. Man hinterfragt nicht die Menschen, die man liebt. Gerade als Kind sieht man sie nicht als Individuen mit ihren eigenen Bedürfnissen.

Alfonso Cuarón, Regisseur
Alfonso Cuaron, Regisseur aus Mexiko
Regisseur Alfonso Cuarón nimmt den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig entgegen. Bildrechte: dpa

Außergewöhnlich ist vor allem auch die audiovisuelle Umsetzung dieser intimen Geschichte. "Roma" ist in Schwarz-Weiß gehalten, neben aufwendigen Kamerapositionen und -Fahrten arbeitet Cuarón mit Dolby Atmos. Schon über den Ton und die Geräuschkulisse wird man als Zuschauer Teil der Familie. Der Film sollte nicht aussehen wie aus den 1970-ern , sondern zeitgenössisch, deswegen sehen wir keine grobkörnigen, sondern klare Bilder: "Ich wollte, dass es sich subjektiver anfühlt. Um diese Weichheit der Bilder herstellen zu können, mussten wir unser eigenes System entwickeln. " Cuarón selbst hat die Kamera geführt, auf eine sehr zurückhaltende Art und Weise. Er überstilisiert nicht, findet aber trotzdem epische Bilder. "Roma" ist sein erster Film nach dem Oscar-prämierten Weltraumdrama "Gravity" und der aufwendigste seiner Karriere.

Es war ein Tanz zwischen meinen technischen und kreativen Ansprüchen. Allein die Szene am Meer am Ende. Ich wollte mit der Kamera bis ans Wasser, aber keine verwackelten Bilder. Der Zuschauer soll vielmehr vergessen, dass er überhaupt durch eine Kamera sieht.

Alfonso Cuarón, Regisseur

Neben dem visuellen Ansatz ist es die Beiläufigkeit, mit der Cuarón Handlung und mexikanische Geschichte verknüpft, und die "Roma" zu einem Meisterwerk werden lässt. Nie wird über Politik geredet, aber über das, was im Hintergrund geschieht, das Fronleichnam-Massaker von 1970 zum Beispiel. So spiegelt sich im Drama von Cuaróns Figuren das Drama des Landes. Für Cuarón war "Roma" eine Rückkehr zu seinen Wurzeln:

Ich wollte den Film unbedingt machen, um meine eigenen Erinnerungen zu entdecken. Aber eben auch um zu erinnern.

Alfonso Cuarón, Regisseur

Schließlich musste er in der Vorbereitung zurück in seine eigene Vergangenheit, in die Vergangenheit seiner Geschwister, auch in die der echten Cleo. Und: "In den eigenen Erinnerungen zu wühlen, tut immer weh. Denn in der Gegenwart ist die Vergangenheit immer anders."

Dass der Film nur eine Woche im Kino und ab 15. Dezembert bei Netflix zu sehen sein wird, ist Fluch und Segen zu gleich. Eigentlich gehört der Film auf die größtmögliche aller Leinwände, aber Cuarón selbst sieht die Grenzen seiner Vermarktbarkeit und findet den Vertrieb über die Streamingplattform deswegen durchaus positiv:

Ein Film wie dieser - nicht in englischer Sprache und ohne Stars - wird es schwer haben im Kino. Überall. Jetzt ist er (für kurze Zeit) im Kino zu sehen und auf der Plattform selbst. Diese Struktur hilft, dass der Film überall auf der Welt gesehen werden kann. Das ist ein tolles Geschenk.

Genauso wie "Roma" ein Geschenk ist. Oder anders gesagt: der beste Film des Jahres.

Termine "Roma" läuft in 38 deutschen Kinos, auch einige Lichtspielhäuser in Sachsen zeigen den Film für kurze Zeit:

Görlitz: Filmpalast | 06.12. | 09.12.2018 mit deutschen Untertiteln

Leipzig: CineStar | 06.12. | 09.12. und 12.12. mit deutschen Untertiteln

Zwickau: Filmpalast | 06.12. | 09.12. mit deutschen Untertiteln

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Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2018, 09:01 Uhr

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