Neues Album "Unfollow the Rules" Rufus Wainwrights neues Album hat die richtige Dandy-Dosis

Eigentlich hatte sich Rufus Wainwright aus dem Popgeschäft zurückgezogen und zuletzt Opern geschrieben. Doch auf dem opulenten neuen Album "Unfollow the Rules" zeigt er, dass er noch immer ein brillanter Songwriter ist.

"Unfollow The Rules": Verantwortlich für dieses Motto ist Wainwrights neunjährige Tochter Viva – ein wahrscheinlich sehr kreatives Kind, denn der schwule Künstler zeugte es mit Lorca Cohen, der Tochter Leonard Cohens. Mit der Mutter und zwei Vätern lebt die kleine Viva in Laurel Canyon, im Dunstkreis von Los Angeles. Dort entstand auch das neue Album ihres Vaters, Rufus Wainwright.

"Ich bin 46 und an einem Punkt, von dem aus ich – in vielerlei Hinsicht – auf Lebensläufe zurückblicken kann", sagt Rufus Wainwright – etwa auf seine künstlerische Karriere und 14 Jahre Ehe, außerdem sei er Vater eines neun Jahre alten Kindes. Seine Mutter sei bereits tot, sein Vater Loudon noch am Leben. "Ich denke an all diese Dinge und ziehe Bilanz: Was ist der Grund dafür, dass ich hier gelandet bin? Was muss passieren, damit es weitergeht?", fragt Wainwright.

Mit "Unfollow the Rules" schließt sich für ihn ein Kreis. 22 Jahre nach seinem Debütalbum, das ebenfalls in einigen legendären L.A.-Studios aufgenommen wurde, kehrt er zurück, um die große Songwriter-Kunst der West Coast zu feiern. Aus seinen neuen Songs hört man die späten Beach Boys und Joni Mitchell heraus, gemischt mit der Liebe zur Oper und schwulem Dandytum à la Oscar Wilde, das Rufus Wainwrights Kunst schon immer prägte.

Es ist wohl sein bestes Werk seit Langem.

Eric Leimann, MDR KULTUR-Musikkritiker

Ein ausgewogenes Album mit sehr starken Songs

Entscheidend ist allerdings, dass Wainwright gemeinsam mit legendären L.A.-Tonkünstlern wie Produzent Mitchell Froom oder Schlagzeuger Jim Keltner ein konzentriertes, ausgewogenes Album mit sehr starken Songs geschaffen hat. Es ist wohl sein bestes Werk seit Langem – und vielleicht schon eine Art Abschied?

Rufus Wainwright: "Unfollow The Rules"
Rufus Wainwrights Album "Unfollow the Rules" – kunstvolle Musik mit ausgefeilten Texten Bildrechte: BMG Rights Management GmbH

"Ich bin Traditionalist, ich glaube mit ganzem Herzen an die Kunstform des Songs und auch an die des Musikalbums", so Wainwright. Doch diese beiden Kunstformen seien vom Aussterben bedroht. "Das Konzept 'Album' sagt jüngeren Generationen nichts mehr – oder es wirkt zumindest sehr archaisch und altmodisch auf sie. Auch die Dichtkunst ist nicht besonders weit vorn, wenn man mich fragt und sich aktuelle Musik anhört."

Ein bisschen kokettiert Rufus Wainwright nach acht Jahren Pop-Pause also schon wieder mit Abschied, weil seine Art Songwriting, das Kunstvolle, Opulente und textlich Ausgefeilte vielleicht nicht mehr gefragt sind.

Am Ende wird es depressiv

Dafür hat er nun noch einmal ein Opus Magnum geschaffen: 12 Songs, die auf der sehr opulent ausgestatteten Vinylversion auf drei Seiten verteilt sind und die Kennzeichnung Akt eins bis drei tragen.

Dass dieses Album ohne festen Vertrag bei einem Label entstanden und aus finanziellen Gründen relativ schnell aufgenommen werden musste, hört man ihm nicht an. Wohl aber dem letzten Akt des Albums seinen dunklen, ja bisweilen depressiven Ausklang. Schließlich lebe man in dunklen Zeiten, findet Wainwright.

"Viele Leute fragen mich, ob man depressiv sein muss als Künstler, ob das eigene Leben absolut unglücklich sein muss. Ein Teil von mir sagt: Das ist ein Klischee. Aber irgendwie ist auch etwas dran", so der Kanadier. Denn wer sich in der Dunkelheit auskenne, finde dort Dinge, die andere nicht sehen könnten. "Man stößt auf Geheimnisse in der Dunkelheit", so Wainwright.

Die richtige Dosis Dandytum

Dass Rufus Wainwright ein begnadeter Sänger, Songwriter und Arrangeur ist, wurde nie bestritten. Manche Menschen nervte er ein bisschen mit allzu großen Gesten und manchmal zu viel dandyesker Selbstreflexion.

Auf "Unfollow the Rules" findet sich nun alles in richtiger Dosis und am richtigen Ort. Rückkehr und privater Umzug nach Kalifornien haben Rufus Wainwright offenbar gut getan. Bleibt zu hoffen, dass seine Art, Song- und Album-Kunst zu feiern, demnächst nicht tatsächlich ausstirbt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Juli 2020 | 06:15 Uhr