Ari Folman, David Polonsky: 'Das Tagebuch der Anne Frank'
Die Motive der Graphic Novel greifen viele Details aus Anne Franks Tagebuch-Einträgen auf. Bildrechte: S. Fischer

Sachbuch der Woche Anne Franks Tagebuch als Graphic Novel

Anne Franks Tagebuch gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen des Holocausts. Nun ist dieses Dokument als Graphic Novel erschienen – oder als "Graphic Diary", wie der israelische Regisseur Ari Folman und der Zeichner David Polonsky gerne sagen. Das Künstler-Duo ist international mit dem Film "Waltz with Bashir" bekannt geworden. Die Anne-Frank-Adaption der beiden wurde vom Anne-Frank-Fonds in Basel initiiert.

von Niels Beintker, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ari Folman, David Polonsky: 'Das Tagebuch der Anne Frank'
Die Motive der Graphic Novel greifen viele Details aus Anne Franks Tagebuch-Einträgen auf. Bildrechte: S. Fischer

An manchen Tagen war die Hoffnung so groß. Etwa am 6. Juni 1944, als die Bewohner im Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht von der Landung der Alliierten hörten. In der Graphic Novel, die Ari Folman und David Polonsky ausgehend von Anne Franks Tagebuch geschrieben und gezeichnet haben, gehört dieser Tag zu den Schlüsselmomenten.

Man sieht – auf einer Doppelseite und aus der Vogelperspektive – einen Teil Europas, den Ärmelkanal, die Alliierten, ihre Flugzeuge und Schiffe hell, die Deutschen dagegen dunkel, überall Explosionen. Und am oberen Bildrand einen Tisch. Auf ihm stehend die neun Menschen, die da schon zwei Jahre lang im Verborgenen lebten. Im Tagebuch, so erinnert der israelische Regisseur Ari Folman, werden Gerüchte über den möglichen Militärschlag schon etliche Seiten zuvor erwähnt.

"Plötzlich ist der D-Day wirklich da. Das wollten wir mit der Gestaltung dieser Doppelseite zeigen. Die Gruppe um Anne Frank kann man aus diesem Geschehen nicht heraushalten. Die Menschen gehören in das Bild. Dazu dann die vielen Details, die Anne Frank – nachdem sie davon im Radio gehört hat – in ihrem Tagebuch festgehalten hat. Wir wollten nicht so tun, als würden wir die realen historischen Meldungen über die Landung der Alliierten imitieren. Im Comic ist so etwas möglich."
Ari Folman

Die Gefahr, an der künstlerischen Bearbeitung eines so kanonisierten Textes zu scheitern, ist groß. Ari Folman und David Polonsky, seit Jahren schon ein eingespieltes künstlerisches Team, haben, um das zu umgehen, einen interessanten Weg gewählt. Sie weichen in der Geschichte, die sie erzählen, nicht vom Originaltext ab: Die Bilderfolgen werden immer wieder auch von längeren Textpassagen unterbrochen, ein eigener Rhythmus entsteht dabei.

Die Bilder, die David Polonsky gefunden hat, sind immer wieder beeindruckend.

Niels Beintker, MDR KULTUR

Trotzdem haben sie das Tagebuch verdichtet, haben gekürzt und fiktive Dialoge erfunden und manche Szene wiederum gestreckt. Einzelne Bilder gehen – in Motiv und Idee – weit über Annes Aufzeichnungen hinaus. Über Anne Franks Tagebuch sagt David Polonsky, es sei voller starker Bilder. Eigentlich müsse man es gar nicht illustrieren.

"Die Bilder können trotzdem eine besondere Kraft erzeugen. In einem Bild kannst du eine Menge an Informationen unterbringen. Du kannst dramatische Szenen darstellen und die Atmosphäre wiedergeben. Du kannst in kurzer Zeit ein Bild malen und so etwas wiedergeben, für das es im Text mehrere Seiten braucht. Es gibt aber noch etwas anderes: Das Tagebuch zeigt ja, dass Anne Frank an der ganzen Situation nicht verrückt wurde. Sie war so phantasievoll, voller Erkundungsdrang. Das habe ich als Einladung verstanden, mit dieser Welt zu spielen."
David Polonsky

Weniger Comic, mehr Neue Sachlichkeit

Die Bilder, die David Polonsky bei diesem Spiel gefunden hat, sind immer wieder beeindruckend. Die ihn prägenden künstlerischen Bezüge liegen weniger im Comic, vielmehr in der Bildenden Kunst, etwa bei den Malern der Neuen Sachlichkeit oder auch bei Otto Dix. Das ist den Motiven, die, ganz nebenbei, auch viele Details aus dem Tagebuchtext aufgreifen, oft auch anzusehen: in den Hell-Dunkel-Kontrasten, ebenso in der Darstellung der Figuren.

Zudem haben David Polonsky und Ari Folman versucht, Anne Frank in all den Facetten darzustellen, von denen sie auch in ihrem Tagebuch erzählt: Ein Mensch wird – in den Bildern und Texten – wenn nicht lebendig, so doch wenigstens greifbar. Ari Folman erzählt, er habe als Leser im Erwachsenenalter entdeckt, wie genau Anne Frank die Welt der Erwachsenen beschrieben hat.

"Wenn man selbst Kinder hat, blickt man ganz anders auf das, was den Kindern während des Zweiten Weltkriegs widerfahren ist. Man liest dieses Tagebuch aus der Perspektive der Erwachsenen, die Anne Frank fortwährend beschrieben hat. Und man fragt sich: Was würde ich – als Vater – machen in einer solchen Situation?"
Ari Folman

Eine Ergänzung zum Original

Immer wieder spielen Blicke eine besondere Rolle: Anne Franks Augen, dunkel, groß und tief - einnehmend. Ihre Blicke beschließen das "Graphic Diary", es endet – wie das Tagebuch – am 1. August 1944, kurz vor der Verhaftung von Anne Frank, ihrer Familie und den anderen Bewohnern des Verstecks in der Prinsengracht.

Die Lektüre des Original-Tagebuches macht die vielschichtige Comic-Adaption von Ari Folman und David Polonsky nicht überflüssig. Im Gegenteil: Man lese diese am besten parallel mit der kommentierten Ausgabe. Die Graphic Novel ist eine überzeugende Anstiftung.

Ari Folman, David Polonsky: 'Das Tagebuch der Anne Frank'
Bildrechte: S. Fischer

Angaben zum Buch Ari Folman, David Polonsky: "Das Tagebuch der Anne Frank"
übersetzt von Mirjam Pressler, Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
160 Seiten, gebunden
20 Euro
ISBN: 978-3-10-397253-5
Verlag: S. Fischer

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Oktober 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2017, 13:17 Uhr

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