Jesper Juul
Jeesper Juul hat seine Autobiografie in einer schweren Phase seines Lebens verfasst. Bildrechte: IMAGO

Sachbuch: "Das Kind in mir ist immer da" Die besondere Tragik des Jesper Juul

Wenn Jesper Juuls Name auftaucht, dann weiß man, es geht um eine bestimmte Art von Erziehung – eine, die Kinder bestärkt. Von dem Dänen, dessen Bücher Bestseller sind, kommt jetzt eine Autobiografie auf den Markt, die der Faszination "Jesper Juuls" ein Stück auf den Grund geht und dazu ergründet, wie man mit dem umgeht, was einen als Kind geprägt hat.

von Regine Schneider, MDR KULTUR-Bildungsedakteurin

Jesper Juul
Jeesper Juul hat seine Autobiografie in einer schweren Phase seines Lebens verfasst. Bildrechte: IMAGO

Jesper Juul hat das Buch in einer für ihn sehr schwierigen Situation geschrieben: Er sitzt seit sechs Jahren im Rollstuhl, gelähmt von der Brust abwärts. Grund dafür ist eine Autoimmunkrankheit, die das Rückenmark angreift und blockiert. Zudem hatte er zwei Jahre lang seine Stimme verloren. Erst Spezialisten in Deutschland konnten ihm helfen, so, dass er nun wieder sprechen kann – und auch widersprechen. In dieser Situation diktierte er seine Autobiografie und auf den letzten Seiten wird dem Leser klar, was für eine besondere Tragik gerade in diesem Altersabschnitt – er ist 70 Jahre alt – liegt.

Denn er, der so vielen Menschen helfen konnte, erfährt im Alter am eigenen Leib Grenzen menschlichen Mitgefühls.

Regine Schneider, MDR KULTUR-Redakteurin

Das bedeutet, er muss erleben, dass Krankenschwestern, Therapeuten und Ärzte mit ihm so umgehen, wie Eltern mit ihren Kindern, bevor sie in seine Familienberatung kamen: Sie wissen alles besser, sie setzen sich über seinen Willen hinweg durch. Wenn er protestierte, dann kam dieser Satz: "Wir wollen doch nur dein Bestes!" Dieser große gewichtige Mann, der so eine Ruhe ausstrahlte, von dem man immer meinen konnte, er gäbe anderen Halt, wurde nun selbst wie ein unmündiges Kind behandelt. Dabei hat er doch sein Leben lang genau dagegen gearbeitet.

Problematische Eltern-Kind-Beziehung

Jesper Juul, 2012
Jesper Juuls Lebensmaxime: "Ein gleichwürdiges Leben." – hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2012. Bildrechte: IMAGO

Jesper Juul galt immer als Anwalt des Kindes und er hat die Verbindung zu seinem inneren Kind tatsächlich nie verloren. Daher hat es mich sehr erstaunt, was er über seine Kindheit schreibt, weil ich anderes vermutet hätte. Bei so einer klaren, dem Kind Würde gebenden Haltung, die er ausstrahlt, könnte man folgern, es hätte eine wertschätzende Beziehung gegeben zwischen Sohn und Eltern – aber nichts davon. Die Mutter sieht in ihm ihren Traum, ihr Projekt, besitzergreifend. Der Vater wird zitiert mit der Bemerkung: "Bring ihn fort, er stört", als sich der vierjährige Jesper am Abend auf seinen tagsüber abwesenden Vater freut.

Geprägt durch frühe Unabhängigkeit

So wird schon aus dem kleinen Jungen ein einsames Kind, das für sich allein sorgen kann, sich selber nährt und nicht auf Beziehungen zu anderen angewiesen ist. Er selbst beschreibt diesen Zustand als asozial – was man ja überhaupt nicht denkt von ihm – und was ihn, so schreibt er: "Einerseits stärkt, andererseits sein Leben lang anhängen wird", in Beziehung zu Frauen zum Beispiel. Er selbst folgert, dass auch die spätere Beziehung zu seinem Sohn davon geprägt ist. Seine einzige soziale Aktivität ist das Kochen. Leidenschaftlich gern kocht er für große Gesellschaften:

Es ist mir tatsächlich am liebsten, andere zu bedienen oder ihnen zu dienen.

Jesper Juul, aus "Das Kind in mir ist immer da"

Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre, beginnt für Jesper Juul die sozialpädagogische Tätigkeit in Dänemark. Damals gibt es noch keine gesellschaftliche Bewusstheit von einem Erziehungsstil – der Begriff selbst ist noch gar nicht eingeführt. Juul macht damals einfach das, was er für richtig hält: Gleichwürdig mit den Menschen und Kindern über das Leben sprechen.

"Gleichwürdig" als Maxime

Buchcover des Sachbuchs "Das Kind in mir ist immer da" von Jesper Juul.
Das Buch bietet überraschende Einblicke in seine eigene Kindheit. Bildrechte: Verlagsgruppe BELTZ

Er meint damit, dass alle Äußerungen von Kindern – verbale, nonverbale, emotionale – gleich ernst genommen werden und dass jedem Menschen die gleiche Würde zugestanden werden soll. Wenn eine Beziehung nicht stimmt, dann liegt es oft daran, dass dieser würdevolle Umgang fehlt – ob in der Paarbeziehung oder erst recht in der Beziehung zwischen Kindern und Eltern.

Da der Leser ja zu diesem Zeitpunkt weiß, wie Juul aufgewachsen ist als Kind, klingt das alles sehr glaubwürdig, sehr richtig.

Regine Schneider, MDR KULTUR-Redakteurin

In "Das Kind in mir ist immer da" beschreibt Juul, wie man mit dem umgeht, das einen als Kind geprägt hat und widerfahren ist. Was sich seelisch festgesetzt hat und wie man dazu kommt, das Kind in sich würdevoll zu verabschieden. Es entpuppt sich als großer Vorteil, dass Juul das Buch auch auf deutsch geschrieben hat, denn so pflegt er einen kurzen knappen, bisweilen lakonischen Stil. "Wenn Du mit Deinem Leben nicht zufrieden bist, dann verändere es!" Und dann sagen seine Klienten: "Aber das ist so schwer." Und er: "Ja, das ist es!"

Er macht ihnen nichts vor und er lässt ihnen die Verantwortung - und damit hat er Erfolg.

Informationen zum Buch Jesper Juul: "Das Kind in mir ist immer da"
erschienen im BELTZ Verlag
ISBN: 978-3-407-86515-1
205 Seiten
16,95 Euro

Dieses Thema im Programm: 16. Mai 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 11:02 Uhr

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