Buchcover - Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte
Bildrechte: Knaus Verlag

Sachbuch der Woche | Susanne Schädlich: "Briefe ohne Unterschrift" Als die BBC DDR-Bürger zu Wort kommen ließ

Es war ein Spagat, den viele DDR-Bürger gut beherrschten, den zwischen behaupteter und tatsächlicher Wirklichkeit, zwischen verordneter Staatsmeinung und Alltagsleben. Ihrem Frust darüber machten viele im Privaten Luft, manche aber suchten auch die Öffentlichkeit, zum Beispiel in Leserbriefen an die westdeutsche Presse. Dass DDR-Bürger auch an die BBC schrieben, war jedoch bisher weniger bekannt. Die Schriftstellerin und Übersetzerin Susanne Schädlich hat die ungewöhnliche Geschichte der Sendung aufgeschrieben.

von Bettina Baltschev

Buchcover - Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte
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Nur durch einen Zufall stößt Susanne Schädlich In den Unterlagen ihres Onkels, einem IM der Staatssicherheit auf englische Namen und Hinweise auf eine BBC-Sendung in deutscher Sprache. Ihre Neugier ist geweckt und das Thema lässt sie nicht mehr los.

Je mehr ich mich auf die Suche nach Antworten begab, desto mehr Fragen stellten sich. Je mehr ich suchte, desto mehr Antworten fand ich, vor allem in den Stasiakten: 'Grundlage der Sendung bilden Hörerbriefe, die sowohl aus der DDR als auch anderen sozialistischen Ländern, Westdeutschland und Westberlin die BBC erreichen oder auch mit hoher Wahrscheinlichkeit frei erfunden sind.'

Zitat aus dem Buch

Grundrecht oder Verrat?

233 Ordner umfasst die Sammlung von Briefen zwischen 1955 und 1975, alle verwahrt in einem englischen Archiv. Susanne Schädlich liest hunderte, wenn nicht tausende davon und sichtet unzählige Stasi-Akten, die sich alle nur um eines drehen: "Briefe ohne Unterschrift". Es ist eine Rubrik der Sendung "Programm für Ostdeutschland", die jeden Freitagabend bei der BBC gesendet wird. 45 Minuten lang werden anonyme Briefe verlesen, die die Absender zuvor an eine Westberliner Deckadresse geschickt haben. Für die Engländer ist es eine unkomplizierte Hilfsaktion zu einem demokratischen Grundrecht: dem der freien Meinungsäußerung. Doch die Staatssicherheit kann darin nur einen Akt der Zersetzung der DDR und des Verrats erkennen, der nicht ungesühnt bleiben darf.

Schüler, Rentner, Studenten, Bauern, Lehrer, SEDler, NVAler, Hausfrauen, Arbeiter, Akademiker. Frauen und Männer. Aus Leipzig, Dresden, Berlin, dem Harz, Thüringen, Rostock, Greifswald. Aus allen Ecken der DDR. Von Ost nach West. Die Absender konnten nicht mit Sicherheit wissen, ob die Briefe den Empfänger erreichten, sie wussten nicht, ob der Empfänger daraus zitieren, sie vorlesen würden. Sie wussten nur, sie hatten geschrieben. Ich musste nur zuhören.

Zitat aus dem Buch

Engagiert und persönlich notiert Susanne Schädlich das Ergebnis ihrer sehr akribischen Recherche zwischen Ost-Berlin und London. Zu den zahlreichen, oft berührenden, oft verstörenden Zitaten aus den Briefen fügt Schädlich Porträts der Beteiligten hinzu. Unter anderem folgt sie dem BBC-Redakteur Austin Harrison bis nach Leipzig, wo er sich in den Messetagen ein eigenes Bild von der realsozialistischen Wirklichkeit macht.

Ein Schüler als Staatsfeind

Die Schriftstellerin Susanne Schädlich aufgenommen am 14.10.2012 in Köln.
Susanne Schädlich Bildrechte: IMAGO

Dass die netten Ehepaare beim Abendessen im Ratskeller rein zufällig an seinem Tisch sitzen, darüber macht er sich keine Illusionen. Doch obwohl Harrison von der Stasi als Geheimagent und Staatsfeind eingestuft wird, kann sie dem Engländer nichts anhaben. Anders ergeht es da den schreibenden Bürgern der DDR. Susanne Schädlich erzählt ausführlich, wie ein Mann aus Leipzig und ein Schüler aus Greifswald wegen einiger Zeilen an die BBC zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Der 16-jährige Karl-Heinz Borchardt hatte unter anderem geschrieben:

Ich bin noch Schüler und habe daher vielleicht nicht so den Durchblick, aber mich würde es doch interessieren, wie es kommt, dass dieser Staat sich so lange halten kann. Wenn man so mit den Leuten spricht, findet man doch kaum einen, der wirklich von diesem Staat begeistert ist. Ich kann mir diese Tatsache nur erklären, dass dies nur auf die Angst der einzelnen Bürger zurückzuführen ist.

Karl-Heinz Borchardt | Zitat aus dem Buch

1974 stellt die BBC die Sendung "Briefe ohne Unterschrift" ein, denn die DDR ist mittlerweile auch von Großbritannien als eigenständiger Staat anerkannt und man will diplomatische Verwicklungen vermeiden. Über 40 Jahre später zeugt Susanne Schädlichs Buch noch einmal anschaulich von der Absurdität und der Paranoia in einem Land, das seine Daseinsberechtigung mit allen Mitteln und immer wieder unter Beweis stellen musste, nur um am Ende genau daran zu scheitern.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: MDR KULTUR am Morgen | 21.06.2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2017, 14:38 Uhr

Buchcover - Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte
Bildrechte: Knaus Verlag

Informationen zum Buch

Informationen zum Buch

Susanne Schädlich: "Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte"
Erschienen im Knaus Verlag
288 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-8135-0749-2