Sachbuchempfehlung Auschwitz-Erzählung "Die Frauen von Birkenau" erscheint erstmals auf Deutsch

Die polnische Zeitzeugin und Schriftstellerin Seweryna Szmaglewska verbrachte zweieinhalb Jahre in Auschwitz-Birkenau. Unmittelbar danach begann sie mit der Niederschrift ihrer Erlebnisse. In Polen erschien ihr Buch schon 1945 – jetzt liegt es unter dem Titel "Die Frauen von Birkenau" erstmals auch auf Deutsch vor.

Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau, Buch, Cover
Das Cover zum Buch "Die Frauen von Birkenau" Bildrechte: Schöffling und Co.

Dieses Buch ist kein Roman, keine Reportage und kein Erlebnisbericht – und doch schwingt von alldem etwas mit. Eine Ich-Erzählerin taucht nicht auf, aber in den Beschreibungen, etwa des Krankenreviers, lassen sich die Erfahrungen der Autorin mitlesen, die im Lager an Typhus erkrankte.

Aus "Die Frauen von Birkenau" von Seweryna Szmaglewska

Nicht alle Kranken haben die Kraft, sich aus der Baracke zu schleichen oder überhaupt aus dem Bett zu steigen. (…) Die meisten liegen regungslos da, während sie leise und passiv die schlimmsten Schübe des Fiebers durchleben. Diese Kranken sind völlig hilflos. Niemand kommt zu ihnen, sie werden von niemandem besucht oder gepflegt. Ihr Tag ist von einem Nebel umhüllt, die Nacht voller Wahnvorstellungen. Der kraftlose Körper gibt langsam auf. Sich verlieren, vergessen, verschwinden – kann es angesichts der erfahrenen Leiden und Demütigungen etwas Wünschenswerteres geben?

Der kühle Blick auf das Grauen in Auschwitz-Birkenau

Seweryna Szmaglewska zählt zu den wenigen Überlebenden des Lagers Birkenau. Die Wirklichkeit der Vernichtungsmaschinerie – den Hunger, die Kälte, den Terror der Bewacher – beschreibt sie in einer Mischung von kühler Distanz und eindringlicher Expressivität.

Aus "Die Frauen von Birkenau" von Seweryna Szmaglewska

Der Geschmack von Freundschaft ist hier süß wie nirgendwo sonst – und bitter zugleich. Er besteht aus dem Bewusstsein, verwandte Seelen in dieser exotischen Wüste zu haben, und aus der Angst, ja fast Gewissheit, sie wieder zu verlieren.

Frauen in der Kaserne von Birkenau
Frauen in der Kaserne von Birkenau. Das Foto stammt aus einem sowjetischen Film über die Befreiung des Lagers. Bildrechte: imago/Reinhard Schultz

So zeichnen Beobachtungsgabe und eine große sprachliche Strahlkraft das Buch aus. Nicht von ungefähr: Vor dem Krieg studierte Seweryna Szmaglewska Soziologie in Warschau, verfasste Reportagen für den polnischen Rundfunk. Unter deutscher Besatzung schließt sie sich dem Untergrund an, gibt illegal Unterricht. Doch nicht deshalb wird sie verhaftet, sondern wegen eines Verdachts: Als sie auf offener Straße ihre Brille zurechtrückt, deutet dies ein SS-Mann als Zeichen zum Widerstand, wie dem vorzüglichen Nachwort der Übersetzerin Marta Kijowska zu entnehmen ist.

Zweieinhalb Jahre verbringt Szmaglewska in Birkenau, in dessen Lagerhierarchie, wie sie in ihre genauestens arrangierten Schilderungen schreibt, kriminelle Häftlinge eine verhängnisvolle Rolle spielen.

Aus "Die Frauen von Birkenau" von Seweryna Szmaglewska

Sie machten die berühmte "Organisation" in Auschwitz kaputt. "Organisieren" bedeutet im Jargon der Häftlinge: das Nötige beschaffen, ohne dabei jemandem zu schaden. Zum Beispiel: ein Hemd aus einem Magazin zu nehmen, das voller zerlumpter, von Ratten zerfressener Unterwäsche ist, die aufgrund der Knauserigkeit eines Kapos nicht an Gefangene ausgegeben wird – das ist Organisieren. Ein Hemd zu nehmen, das von jemandem gewaschen und zum Trocknen aufs Gras gelegt wurde – das ist Stehlen.

Beobachtungsgabe und eine große sprachliche Strahlkraft zeichnen das Buch aus.

Mechthild Baus, MDR KULTUR

Übersetzung nach 75 Jahren

KZ-Insassin im Museum des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz
Mit Blumen geschmücktes Porträt einer KZ-Insassin im Museum des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz Bildrechte: imago/anemel

Doch gibt es im Lager auch die Erfahrung von Gemeinschaft, Verbundenheit, ja sogar intellektuellem Austausch. Szmaglewska nennt Namen: da ist die hilfsbereite, optimistische Barbara; oder Walentyna, bei der abends über Theater diskutiert wird. Beide werden das Lager nicht überleben. Seweryna Szmaglewska dagegen gelingt es, im Januar 1945 zu fliehen, als sie auf einen Todesmarsch geschickt wird. Wieder zuhause, beginnt sie sofort mit der Niederschrift ihres Buches. Im Dezember liegt es – unter dem polnischen Titel "Rauch über Birkenau" – in den Buchhandlungen. Aufgrund ihrer Beschreibungen wird die Autorin – als eine von zwei polnischen Zeugen – zum Kriegsverbrechertribunal nach Nürnberg eingeladen. Nach dem Krieg erlangt Seweryna Szmaglewska Bekanntheit als Schriftstellerin, ihr Erstlingswerk "Die Frauen von Birkenau" ist in Polen lange Zeit Schullektüre. Dass es jetzt, 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers, endlich auch in deutscher Übersetzung erscheint, ist mehr als überfällig.

Informationen zum Buch Seweryna Szmaglewska:
"Die Frauen von Birkenau"
Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska

456 Seiten, gebunden.
Erschienen bei Schöffling & Co.
28 Euro
ISBN: 978-3-89561-536-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. August 2020 | 07:40 Uhr