Sachbuch-Neuauflage "Walden": Thoreaus 200 Jahre altes Achtsamkeitsexperiment

"Walden", Henry David Thoreaus ergreifendes Plädoyer für Naturnähe, gehört zu den Klassikern der Weltliteratur. Jetzt gibt es das 1854 erschienene Buch in einer neuen Ausgabe. Darin unterzieht Susanne Ostwald die Übersetzung aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger sozusagen einer Generalüberholung.

Wie nähert man sich einem Weltklassiker der Literaturgeschichte, wenn jedes noch so kleine Detail bereits auf seine Übertragbarkeit ins Heute geprüft scheint? Ist ein frischer Blick auf Werk und Autor da überhaupt noch möglich?

Die Antwort hierauf liefert der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau in seinem Meisterwerk "Walden oder vom Leben im Wald". Nicht ahnend, dass er gerade selbst im Begriff war, einen solchen Klassiker zu schreiben, sinniert er darin nämlich über die Frage, was ein Klassiker überhaupt ist:

Aus "Walden" von Henry David Thoreau

"Was ist denn ein Klassiker, wenn nicht ein Dokument des edelsten Denkens der Menschheit? Er ist das einzige Orakel, das nicht verfallen ist; man findet darin Antwort auf Fragen der Gegenwart, wie sie Delphi und Dodona niemals gaben."

Die Besinnung auf das Wesentliche

Historische Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert, Portrait von Henry David Thoreau, 1817 - 1862
Henry David Thoreau (1817–1862) Bildrechte: IMAGO

Als Thoreau diese Zeilen schreibt, lebt er allein im Wald. Sein Quartier, eine eigens gezimmerte Blockhütte, schlägt er am Ufer des Walden-Sees auf, nahe des amerikanischen Städtchens Concord. Für viele seiner Kritiker ein bisschen zu nahe, denn von der Stadt und deren Reichtümern trennte den Aussteiger gerade einmal ein 45-minütiger Fußmarsch. Doch was bewog Thoreau am 4. Juli 1845 – wohlgemerkt dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeit – zum Eremiten-Dasein?

Aus "Walden" von Henry David Thoreau

"Ich bin in den Wald gegangen, weil mir daran lag, mit Bedacht zu leben, es nur mit den wesentlichen Tatsachen des Daseins aufzunehmen und zu sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, damit mir in der Stunde des Todes die Entdeckung erspart bleibe, nicht gelebt zu haben."

Entschlossen, den "künstlichen Sorgen" der in seinen Augen "kränkelnden Gesellschaft" den Rücken zuzukehren, lebt Thoreau für insgesamt zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage die Utopie eines freien Mannes. Sein Credo lautet "Einfachheit ". Und mit "Walden" dokumentiert er diesen Selbstversuch.

Ein Buch, das jede Generation neu entdeckt

Kein Regelwerk, sondern ein Erfahrungsbericht, der heute, auch 166 Jahre nach Erstveröffentlichung, nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat. Mehr noch scheinen sich die Inhalte des Buches sogar Jahr für Jahr zu aktualisieren.

Grund genug für eine neue Edition, meint Dr. Horst Lauinger, Verlagsleiter des Manesse-Verlags: "Die faszinierende Zeitlosigkeit von 'Walden' besteht genau darin, dass es jeder Generation, die dieses Buch liest, so vorkommt, als habe Thoreau es genau für sie geschrieben." Gerade im Corona-Jahr 2020 sieht Lauinger viele aktuelle Bezüge in "Walden" – "auch solche, von denen Thoreau noch nichts geahnt hatte: social distancing zum Beispiel."

Nicht nur dieser Aspekt macht "Walden" zum Buch der Stunde. Mehr noch handelt es sich um ein brandaktuelles Plädoyer für Vegetarismus und Regionalismus, für Nachhaltigkeit und Antimaterialismus. Thoreau ist seiner Zeit weit voraus, wenn er ein Klima großer Extreme beschreibt, oder vor "Overtourism" und der zunehmenden Abholzung des Waldes mahnt.

Viele Aspekte des Buches erscheinen visionär

Viele andere Aspekte des Buches sind sogar zukunftsweisend, sagt Verleger Dr. Horst Lauinger: "Thoreaus Überzeugung, dass wir uns einen rücksichtsvollen Umgang mit der Natur angewöhnen müssen, dass wir sie in ihrer Schönheit und ihrer Verletzlichkeit sehen müssen; dass es nötig ist mit Augenmaß zu wirtschaften und vor allem verantwortungsvoll mit den Ressourcen unserer Erde umzugehen." Das sei visionär, findet Lauinger.

Jeder Leser wird aus der erstaunlichen Bandbreite an Themen schöpfen können, was ihn betrifft. Doch nicht zuletzt Thoreaus tiefempfundene Naturbegeisterung wird jeden in ihren Bann ziehen. Nicht selten hebt er diese auf eine politische Ebene:

Aus "Walden" von Henry David Thoreau

"Ein Krieg zwischen zwei Ameisenvölkern, Rot gegen Schwarz. Es war die einzige Schlacht, der ich je beigewohnt habe, das einzige Schlachtfeld, das ich je betreten habe. Ein Vernichtungskampf zwischen den roten Republikanern auf der einen Seite und den schwarzen Imperialisten auf der anderen."

Derartige Naturspektakel werden in dem mittlerweile touristisch erschlossenen Wäldchen bei Concord seltener. Das einst unberührte kristallklare Wasser des Walden-Sees ist heute trüblich grün verfärbt – nur eines der vielen Alarmsignale, die die Zeitlosigkeit von Henry David Thoreaus naturpoetischem Manifest einmal mehr unterstreichen.

Angaben zum Buch Henry David Thoreau: "Walden oder Vom Leben im Wald"
aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger
erschienen bei Manesse
608 Seiten
25 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2020 | 07:10 Uhr