Jens Bisky
Der Autor Jens Bisky Bildrechte: imago images / Gerhard Leber

Sachbuch: "Berlin. Biographie einer großen Stadt" 800 Jahre Berlin in einem Buch

Berlin hat viele Beinamen: "Spree-Athen", "Babylon", "Metropolis", "Pompeji der Zeitgeschichte" oder – ganz aktuell – "Werkstatt der Einheit". All diese Bezeichnungen verweisen auf die wechselvolle Geschichte der Stadt. Doch wie lässt sich das Besondere Berlins beschreiben, das manche provinziell oder arrogant, andere als "the place to be" empfinden? Der Journalist und Autor Jens Bisky hat auf 900 Seiten eine Gesamtdarstellung der Geschichte Berlins geschrieben – die "Biographie einer großen Stadt".

von Vera Linß, MDR KULTUR

Jens Bisky
Der Autor Jens Bisky Bildrechte: imago images / Gerhard Leber

Zu Berlin hat jeder eine Meinung. Für die einen ist es ein Sehnsuchtsort, für andere das reinste Chaos, und wieder anderen ist Berlin höchstens einen Kurzbesuch wert. Die Einwohner der Stadt sehen das gelassen. Wenn etwas typisch "berlinerisch" sei, dann die Tatsache, dass sich Berliner nicht so leicht beeindrucken ließen, sagt der Journalist Jens Bisky. Auch protzige Auftritte etwa könnten kaum imponieren: "Wenn Sie einen guten Witz erzählen, wenn Ihnen eine Geste gelingt, ein Musikstück, dann interessiert das die Leute viel mehr."

Bisky erinnert an das Lied "Bolle reiste einst zu Pfingsten" aus dem 19. Jahrhundert: "Da geht es um einen missglückten Ausflug. Alles geht zu Bruch, am Ende auch die Ehe, und dann kommt der Vers: Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert. Und das scheint mir so eine Eigenschaft der Berliner, dieses: Aber dennoch amüsieren wir uns ganz köstlich." Was mit Blick auf die Geschichte nicht selbstverständlich scheint.

Als Berlin sich mit Paris und Rom messen wollte

Jens Bisky: Berlin. Biographie einer großen Stadt
800 Jahre Berlin, komprimiert auf 900 Seiten Bildrechte: rowohlt

Jens Bisky beginnt sein Buch mit dem Aufstieg Berlins zu einer Stadt, die sich nicht mehr mit ihren märkischen Schwestern messen will, sondern mit Paris und Rom. Denn im 17. Jahrhundert setzen sich die Hohenzollern in Berlin fest und machen es zur Residenzstadt. Das Thema von da an: Überforderung. "Residenzstadt zu sein, ist eine ungeheure Anspannung", sagt Bisky.

Nach dem 30-jährigen Krieg habe der Kurfürst Berlin zur Festung ausgebaut und zur Garnisonsstadt gemacht: "Das heißt, die Leute müssen die Festung errichten, die Leute müssen die Soldaten beköstigen, es gibt Konflikte mit den Soldaten. Da ist etwas von Überforderung darin." Die Geschichte habe Berlin und die Berliner immer wieder überfordert, so Bisky: "Ich glaube, im 20. Jahrhundert weiß jeder sofort, warum das so ist."

Obrigkeit vs. Stadtgesellschaft

Noch eine weitere Besonderheit hat der Autor beobachtet. Mit dem Aufstieg zur großen Stadt entstanden in Berlin zwei parallele Welten – trotzdem oder weil der Einzug der Hohenzollern die Eigenständigkeit der Stadt stark beschränkt hat. Denn obwohl der Hof und das Militär eine so große Rolle gespielt hätten, habe sich in Berlin schnell eine eigenständige Stadtgesellschaft entwickelt, so Bisky: "Und dieses Nebeneinander, dieses Hin und Her, das interessiert mich immer besonders. Berlin als Ort der Macht und als Ort der Herrschaft. Und Berlin zugleich als Ort von einer Stadtgesellschaft und von Experimenten mit Lebensläufen."

In zehn Kapiteln folgt Jens Bisky dem Gang der Stadtgeschichte. Erzählt, wie Berlin zum Zentrum der Aufklärung wurde und welche neuen Mächte – los ging's mit Napoleon – im frühen 19. Jahrhundert die Stadt prägten. Er zeichnet ein Bild von der Berliner Moderne, also der Kultur im Kaiserreich von 1890 bis zum Ersten Weltkrieg, setzt dann fort mit der Weimarer Republik – dem "Weltaugenblick Berlins", wie Bisky es nennt. Denn Architektur und Kunst etwa wurden von außen mit Neugierde betrachtet. Dann folgen: Zerstörung, Teilung der Stadt und die Zeit nach dem Mauerfall bis heute.

Spannend und mit großer Sachkenntnis erweckt Jens Bisky die Stadt zum Leben, schreibt analytisch und lebendig zugleich, berichtet nicht nur über die Berliner, sondern lässt sie – wo möglich – selbst zu Wort kommen.

Vera Linß, MDR KULTUR

Berlin als ewiger Schmelztiegel

Bisky zeigt: Berlin war – politisch betrachtet – immer ein Schmelztiegel. Und gleichzeitig immer auch ganz gewöhnlich. Er zeigt, "dass Berlin ein Zentrum der Aufklärung wird im 18. Jahrhundert, der wichtigste Standort der Aufklärung in Norddeutschland. Dass Berlin ein Ort der Revolution von 1848 ist, dass hier die Sozialdemokratie besonders stark ist, dass Berlin ein Schauplatz der Revolution von 1918/19 ist, das scheint mir ganz interessant." Auf der anderen Seite müsse man aber sagen: "Es hat immer in Berlin auch die Tradition des Gehorsams gegeben, der Obrigkeitsvergötzung", so Bisky.

Spannend und mit großer Sachkenntnis erweckt Jens Bisky die Stadt zum Leben, schreibt analytisch und lebendig zugleich, berichtet nicht nur über die Berliner, sondern lässt sie – wo möglich – selbst zu Wort kommen. Das war ihm wichtig. 900 Seiten ist die Biographie lang, hinzu kommen weitere fünfzig mit Quellenangaben und Verweisen. Ein Mammutwerk!

Berlin entfremdet sich vom Rest des Landes

Wie sehr sich Berlin auch jetzt wieder abhebt, macht Bisky noch einmal klar, wenn es um die Stadt heute geht. Die Selbstzerstörung ab 1933 habe zu einem Bruch mit der bisherigen Geschichte geführt.

Etwas Besonderes sei auch, "dass man 1989 die Stadt neu erfinden musste und dass das auch gelungen ist. Es war die Stadt, in der jeder sein Leben verändern musste, weil die Mauer gefallen war." In dieser Zeit habe sich Berlin noch stärker von Gesamtdeutschland entfremdet als vorher. Was dramatischer klingt, als es ist. Denn, auch das macht Bisky klar: Berlin ist immer offen für Menschen, die dort leben wollen.

Angaben zum Buch Jens Bisky: "Berlin. Biographie einer großen Stadt"
Rowohlt Berlin
976 Seiten
38 Euro (Hardcover)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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