Sachbuch Josef Haslinger schreibt über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Vor zehn Jahren wurde der sexuelle Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg bekannt, einem von Jesuiten geleiteten Gymnasium. In der Folge erschütterte die Missbrauchsdebatte die katholische Kirche in Deutschland. Bis heute ist unklar, wie viele Kinder in Einrichtungen kirchlicher Orden sexuelle Gewalt erlitten haben. Zu ihnen zählt der Schriftsteller Josef Haslinger, der als Schüler eines kirchlichen Konvikts von mehreren Lehrern sexuell missbraucht wurde. In seinem Buch "Mein Fall" schreibt er über die Taten.

von Mechthild Baus, MDR KULTUR-Religionsredakteurin

Josef Haslinger ist zehn Jahre alt, als er ins niederösterreichische Kloster Stift Zwettl kommt. Tiefreligiös, nach eigener Erinnerung, und mit dem Wunsch, Priester zu werden. Die Atmosphäre im Kloster ist rau, Gewalt als Strafe an der Tagesordnung. Und dann gibt es noch diesen Pater, dessen sexuellen Annäherungen der Internatsschüler nicht entkommen kann.

Aus "Mein Fall" von Josef Haslinger "Ich hätte Angst gehabt, die Aufmerksamkeit und Zuwendung von Pater Gottfried zu verlieren. Ich sprach auch mit niemandem darüber. Ich hatte, in meiner damaligen Wahrnehmung, eine Art väterlichen Freund gefunden. Einen Erzieher, der mich nicht schlug und der sich für meine Probleme interessierte. Einen, der mich tröstete, wenn andere mich hänselten oder verdroschen."

Dieser Pater, schreibt Haslinger, habe ihn in ein inneres Dilemma gestürzt, das bis heute anhalte. Im Jahr 2010 wird in Österreich die sogenannte Unabhängige Opferschutzanwaltschaft eingerichtet. An sie können sich Betroffene wenden, die sexuelle Gewalt in der Kirche erlitten haben. Jahrelang ist der Schriftsteller nicht bereit, seine Erfahrungen – auch weitere Lehrer missbrauchten ihn später – offiziell zu Protokoll zu geben:

Aus "Mein Fall" von Josef Haslinger "Ich gab, wenn ich von Freunden darauf angesprochen wurde, warum ich nicht aussagen wolle, zynische Antworten: Ach, das ist ewig her. Irgendwer muss einen ja in die Sexualität einführen – bei mir waren es halt Zisterziensermönche."

Seine verstörenden Erfahrungen hat Josef Haslinger im Laufe seines Schriftstellerlebens zwar immer wieder thematisiert: in literarischen Texten und auch in der öffentlichen Debatte, als in der katholischen Kirche Österreichs die Missbrauchsdebatte losbrach. Doch erst jetzt, nachdem er weiß, dass alle Täter tot sind, gibt er ihre Namen preis.

Aus "Mein Fall" von Josef Haslinger "Ich habe allen Grund, eine große Wut auf diese Typen zu haben, die mich in der Kindheit behandelt haben, als wäre ich ihr Leibeigener oder ihr Spielzeug, stattdessen bin ich um ihren Ruf besorgt. Bis heute. Normal mag das nicht sein."

Kritisch gegenüber sich selbst und den Tätern

Josef Haslinger im MDR FIGARO-Studio
Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger Bildrechte: Olaf Parusel/MDR

So schildert Haslinger in nüchterner Sprache nicht nur die Gewalt und Bedrängnis, die ihm als Kind widerfuhr. Das Buch ist auch eine schonungslose Selbstprüfung des Erwachsenen, der erst spät erkennt, wie sehr er sich mit den Tätern identifiziert, wenn er nicht bereit ist, ihre Namen zu verraten. Die perfide Strategie der Täter – Nähe und Zuwendung vorzuspielen, um sich das Kind gefügig zu machen – geht noch nach Jahrzehnten auf.

Kritisch sich selbst gegenüber, im Urteil über andere ausgewogen – in diesem Ton schreibt Haslinger. Pater Gottfried, erinnert er sich, wurde schließlich versetzt, weil sich ein Mitschüler seinen Eltern anvertraut hatte. Herauszufinden, ob es noch andere Betroffene gab, machte sich die Kirche nicht die Mühe.

Und damit kommt eine dritte Erzählebene ins Spiel: Als sich der Schriftsteller fünf Jahrzehnte später an die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft wendet, um den erlittenen Missbrauch zu dokumentieren. Die beiden ersten Ansprechpartner machen sich keine Notizen, der dritte empfiehlt ihm, alles selbst aufzuschreiben. Andere Fragen dagegen bleiben offen.

Aus "Mein Fall" von Josef Haslinger "Es wäre Aufgabe des Klosters Stift Zwettl, Klarheit darüber herzustellen, ob die Gewalttätigkeiten und pädosexuellen Übergriffe im Konvikt nur in meiner Zeit verbreitet waren, wer wann in welcher Weise in solche Praktiken verstrickt war und wer die Opfer waren."

Eine wirklich konsequente Auseinandersetzung mit dem Missbrauch steht in der katholischen Kirche noch aus. Auch das macht Haslingers Buch deutlich. Dabei wäre eine solche "christliche Selbstreinigung", wie er sie nennt, für ihn die größte Entschädigung.

Josef Haslinger: „Mein Fall“
Cover des Buches "Mein Fall" von Josef Haslinger Bildrechte: S. Fischer

Informationen zum Buch Josef Haslinger: "Mein Fall"
erschienen bei S. Fischer
144 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-10-030058-4
Preis: 20 Euro

Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Januar 2020 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2020, 04:00 Uhr

Abonnieren