Kolja Mensing. Ein Mann mit kurzen Haaren und Brille schaut in die Kamera.
Der Autor Kolja Mensing betreibt in "Fels" Erinnerungskultur anhand der eigenen Familiengeschichte Bildrechte: imago/Future Image

Sachbuch-Kritik "Fels": Ein bewegendes Stück deutsch-jüdischer Geschichte

In seinem Sachbuch "Fels" durchforscht Autor Kolja Mensing die eigene Familiengeschichte. Sie ist verknüpft mit dem Schicksal eines Juden, der 1938 auf ungeklärte Weise zu Tode kommt. Ein genau recherchiertes und bewegendes Buch, findet unser Kritiker.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Kolja Mensing. Ein Mann mit kurzen Haaren und Brille schaut in die Kamera.
Der Autor Kolja Mensing betreibt in "Fels" Erinnerungskultur anhand der eigenen Familiengeschichte Bildrechte: imago/Future Image

In seinem Sachbuch "Fels" rekonstruiert der 1971 geborene Kolja Mensing ein Stück seiner eigenen Familiengeschichte, die sich im frühen 20. Jahrhundert verbindet mit der Geschichte einer jüdischen Familie, zu der wiederum der Viehhändler Albert Fels gehört. Ein Mann, der Anfang des Zweiten Weltkrieges in einer Heil- und Pflegeanstalt spurlos verschwindet. Zu sehen ist er auf einigen alten Fotos, und seine Geschichte wird zutage gebracht in Erinnerungen, in Akten und Archiven, die Kolja Mensing gesichtet hat.

Mensing erzählt zunächst die Geschichte einer geglückten Geschäftsbeziehung zwischen Deutschen und Juden, die zusammen einen Hof mit Schlachterei und Viehhandel in der Nähe von Oldenburg bewirtschaften. Diese Geschäftsbeziehung setzt ein zum Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts und ist ein Beispiel für ein erfolgreiches gemeinsames Wirtschaften in dieser Zeit. Kolja Mensing führt lange Gespräche mit seiner Großmutter, er folgt ihren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, in denen er aber bald einen blinden Fleck ausmacht – eben jenen Viehhändler Albert Fels.

Eine äußerst genaue Recherche

Das Ganze, und deshalb trägt und berührt diese Geschichte, wird von Mensing überaus genau recherchiert; er beginnt die Erinnerungen seiner Großmutter abzugleichen mit Dokumenten, mit Eintragungen in kommunalen Registern, und fügt alles wie ein Puzzle zusammen. Er tut das nicht, um seiner Großmutter im Nachhinein eine nationalsozialistische Gesinnung, einen untergründigen Judenhass nachzuweisen. Was Mensing interessiert, ist vielmehr: Wie funktioniert Erinnerung, wie setzt sich das Bild der Vergangenheit zusammen, und wo werden unter den Geschichten der kleinen Leute die großen Ereignisse und ideologischen Muster dieser Jahre sichtbar?

Und so kann der Autor über winzige Details die Erinnerungsmechanik seiner Großmutter entschlüsseln. Und die ähnelt wahrscheinlich der vieler anderer älterer Menschen, die den Krieg erlebt haben: Natürlich, man erinnert sich über Episoden, über besondere, leuchtende Momente, die womöglich dann auch die großen moralischen Fragestellungen überlagern. Und das ist hier nicht als ein Schuldspruch zu verstehen – es ist zunächst mal eine Feststellung.

Beinahe vergisst man bei der Lektüre, dass dieses Buch als Sachbuch angelegt ist, denn 'Fels' erzählt trotz aller Nüchternheit von zutiefst bewegenden menschlichen Dingen.

Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Die Großmutter erzählt gern, wie sie sich mit dem Großvater, der im Krieg war, verlobt hat: Sie haben zu einer vorher festgelegten Zeit aneinander gedacht und sich das Verlobungsversprechen gegeben – eine Notfall-Telepathie sozusagen. Daraus wird eine über Jahrzehnte gern erzählte Geschichte bei Familienfeiern. Was dagegen verblasst, ist das bittere Schicksal des Juden Albert Fels. Der wird am 8. April 1938 in eine Heil- und Pflegeanstalt eingeliefert und stirbt dort am 11. April. Also schon vor dem eigentlichen Kriegsbeginn im Jahr 1939. Was genau ist passiert?

Und das ist nun tatsächlich überaus spannend, was Kolja Mensing hier zutage bringt, und wie er die – übrigens noch in großer Zahl vorhandenen – Akten aus dieser Zeit deutet. Ohnehin ist der Leser erstaunt darüber, dass es zu einem Patienten aus dem Jahr 1938 doch noch sehr genaue Aufzeichnungen von den Ärzten dieser Heilanstalt gibt. Bürokratie kann auch von Nutzen sein.

Nüchtern geschrieben und doch zutiefst bewegend

Mensing erzählt, wie in dieser Dorfwelt bei Oldenburg spätestens mit der Machtübernahme der Nazis auch die antisemitischen Gesinnungen hochgespült werden – und das eben auch unter Menschen, die zuvor erfolgreich mit Juden zusammen gewirtschaftet haben. Diese Angriffe und Diskriminierungen treffen nun bei diesem Juden Albert Fels auf einen Menschen, der ohnehin gefährdet ist, gesundheitlich angeschlagen und gezeichnet vom Alkohol. Was genau dann geschieht, wo diese Geschichte mündet, soll hier nicht vorweggenommen werden.

Beinahe vergisst man bei der Lektüre, dass dieses Buch als ein authentisches Zeugnis, als Sachbuch angelegt ist, denn "Fels" erzählt trotz aller Nüchternheit von zutiefst bewegenden menschlichen Dingen. Und es führt vor, dass wir in unseren Erinnerungen immer auch dazu neigen, die Dinge zu verklären oder zu vereinfachen. Je schöner die Anekdote, desto genauer sollte man wohl draufklopfen: Vielleicht puckert und rumort da noch etwas, vielleicht wird da ein großes Unrecht verschwiegen.

Angaben zum Buch Kolja Mensing: "Fels"
Verbrecher-Verlag
176 Seiten
16 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. September 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2018, 04:00 Uhr

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