Sachbuchempfehlung Neue Forschung zu Mozarts Besuchen in Dresden und Leipzig

Über Mozarts Leben ist alles gesagt, meint man. Doch es gibt Kapitel, die bis heute eher wenig beachtet sind. So zum Beispiel seine Reise vom 8. April bis 4. Juni von Wien nach Potsdam und Berlin mit Aufenthalten in Dresden und Leipzig. Der Band "Wolfgang Amadeus Mozart in Dresden und Leipzig" versucht, diese wenigen Tage der Reise auszuleuchten.

Wolfgang Amadeus Mozart
Auch heute entdeckt die Forschung immer noch unbekannte Aspekte aus Mozarts Leben. Bildrechte: imago/United Archives International

"Sinfonie, Scene, Concert auf dem Pianoforte Sinfonie, Concert auf dem Pianoforte Scene, Fantasie auf dem Pianoforte Sinfonie" – so lapidar kündigte der Programmzettel am 12. Mai 1789 an, was da im Saal des alten Leipziger Gewandhauses stattfand: das Gastspiel von niemand geringerem als Wolfgang Amadeus Mozart. Der Auftritt blieb allerdings, wie Mozarts Stationen in Dresden und Leipzig insgesamt, eine Randnotiz der Musikgeschichte. Und doch bergen diese wenigen Tage des Aufenthaltes in unseren Breiten jede Menge Wissenswertes und Aufschlussreiches, wie Brigitte Richter erzählt, die sich in dem Band Mozarts Leipziger Aufenthalten widmet: "Es gab eine Menge Leute in Leipzig, die längst Bescheid wussten. Die nicht nur als Opern-und Konzertbesucher Bescheid wussten, sondern auch als Musiker. Der Thomaskantor Doles, das ist einer der Nachfolger Bachs, hat Mozart eingeladen zu einem Besuch in der Thomasschule und Mozart selbst hat Orgel gespielt in der Thomaskirche. All das erlebten Zeitgenossen aus nächster Nähe mit."

Der Band "Wolfgang Amadeus Mozart in Dresden und Leipzig" verfolgt die verschiedensten Spuren, die Mozart hinterließ; von seinem Vorspiel am kurfürstlichen Hofe in Dresden, über sein eher wenig begeistertes Urteil einer Dresdner Opernaufführung bis hin zu einem Orgelwettstreit in Dresden, den, wie könnte es anders sein, er für sich entschied.

Streiflichter werden auch auf die Gesellschaft geworfen, die der Kapellmeister aus Wien da traf – wie den Freimaurer-Logenbruder und eifrigen Freimaurerliedkomponisten Johann Gottlieb Naumann, den Hofkapellmeister, die höchst musischen Wettiner selbst und ihren kunstsinnigen Hofstaat, und den hohen Stellenwert, den man einem Mann wie Mozart beimaß. Immerhin sprang eine, so schreibt Mozart mit kleinem Hieb aufs Sächsische, eine "recht scheene" Dose heraus, ein Geschenk des Kurfürsten.

Vielfalt der Blickwinkel

Der Band versammelt Aufsätze namhafter Forschender der Musikgeschichte, die sich jeweils besonderen Gesichtspunkten von Mozarts Durchreise durch Mitteldeutschland widmen. So entsteht ein interessantes Kaleidoskop, wenngleich, dem Subjekt geschuldet, einige Redundanzen vorhanden sind, Anekdoten wiederholt angeführt werden etc. Sei's drum – die Vielfalt der Blickwinkel entschädigt dafür mehr als genug. So erfährt man bspw. über Kapitel Leipziger Musikgeschichte, die sonst eher gar nicht oder nur am Rande erwähnt werden – wie Mozarts Verhältnis zu Carl Immanuel Engel. "Carl Immanuel Engel war Organist an der katholischen Hofkirche in Leipzig", erklärt die Musikwissenschaftlerin Brigitte Richter. Und weiter: "Offenbar war Engel vielleicht sogar der Gastgeber Mozarts."

Überliefert ist das durch ein Albumblatt, das Mozart hinterließ: "Zum Zeichen wahrer ächter Freundschaft und brüderlicher Liebe. Wolfgang Amadé Mozart, Capellmeister seiner k und k Majestät, Leipzig den 16. Mai 1789", und anbei notierte er auf 38 Takten die sogenannte "Leipziger Gigue", ein Stück voller kompositorischer Raffinessen. "Es wird vermutet, dass sowohl Engel, als auch Mozart Bach und die Bachsche Fugenkunst verehrt haben." Erläutert Richter. Und weiter: "Aus diesem Grund kann diese Komposition auch als eine Widmung oder eine Huldigung der beiden jungen Leute an den Thomaskantor in Leipzig verstanden werden."

Spannende Dokumente und Spekulationen

Die Quellenlage hinsichtlich Mozarts Dresdner und Leipziger Tage ist eher schlecht, einige Leipziger Briefe nach Wien sind verschollen, mit den Leipziger Verlagen kam er nicht ins Geschäft, vieles ist nur anekdotisch überliefert. Es spricht für dieses Buch, sich diesen Umständen mit wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit anzunehmen, Wahrscheinlichkeiten abzuwägen, anzunehmen oder auch zu verwerfen. So bleibt manches Spekulation, einiges auch These mit durchaus schlüssigen Beweisführungsversuchen. Und es gibt spannende Dokumente in dem schön bebilderten Band, so die erstveröffentlichte freundschaftliche Widmung an die Leipziger Arztgattin Eleonore Henriette Vincentia Ludwig, die drauf schließen lässt, dass Mozart in Leipzig sehr freundschaftlich aufgenommen wurde und sich offenbar wohlfühlte in der bürgerlichen Messestadt.

Mozart in Dresden und Leipzig – ein immer noch viel zu wenig beachtetes, wenn auch nur kurzes Kapitel im Leben des Genies. Schön, dass man ihn nun literarisch auf dieser Reise ein wenig begleiten kann.

Informationen zum Buch: "Wolfgang Amadeus Mozart in Dresden und Leipzig"
Herausgegeben von Helmut Loos,
erschienen im Eudora-Verlag Leipzig

2020, 288 Seiten, 90 meist farbige Abbildungen, Festeinband,

ISBN: 978-3-938533-70-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. April 2020 | 10:15 Uhr