Stephen Greenblatt
Der US-amerikanische Autor Stephen Greenblatt Bildrechte: IMAGO

Sachbuch: "Die Geschichte von Adam und Eva" von Stephen Greenblatt Adam und Eva - eine alte Geschichte neu erzählt

Adam und Eva im Paradies, die Geschichte mit der Schlange, dem Apfel und dem Baum der Erkenntnis ist weithin bekannt - und auch, dass nach dem sogenannten Sündenfall die Vertreibung der beiden ersten Menschen aus dem Paradies folgte. Fortan sollte Adam im Schweiße seines Angesichts die Feldarbeit verrichten und Eva unter Mühen ihre Kinder gebären. So steht es im 1. Buch Mose im Alten Testament. Nun ist ein Buch erschienen, das sich dieser Geschichte auf wissenschaftlicher Grundlage annimmt.

von Eva Gaeding, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Stephen Greenblatt
Der US-amerikanische Autor Stephen Greenblatt Bildrechte: IMAGO

Nein, die Geschichte muss nicht umgeschrieben werden. Zumindest wird Stephen Greenblatt in seiner "Geschichte von Adam und Eva" nichts zu Tage befördern, was die Bibelverse über den Haufen wirft. Doch mit Sicherheit sieht man die biblische Schöpfungsgeschichte nach der Lektüre seines Buches in einem anderen Licht. Für Greenblatt, Professor für Englische und Amerikanische Literatur an der Harvard Universität, ist sie eine der außergewöhnlichsten Erzählungen, die je erfunden wurden:

Wir Menschen können nicht leben ohne Erzählungen. Wir erfinden sie im Schlaf, erzählen sie unseren Kindern, zahlen sogar dafür, dass uns Geschichten erzählt werden.

Stephen Greenblatt: "Die Geschichte von Adam und Eva"
Cover: Stephen Greenblatt: Die Geschichte von Adam und Eva
Ein Buch für alle, die sich für die Kraft der menschlichen Fantasie begeistern können, findet unsere Kritikerin Eva Gaeding Bildrechte: Siedler Verlag

Nur wenige Zeilen, überdies nicht sonderlich ausschmückend geschrieben, umfasst die Erzählung der ersten Menschen in der Genesis. Futter für den Literaturwissenschaftler bieten sie dennoch – Greenblatt erkennt in der Geschichte von Adam und Eva fundamentale und allgemein menschliche Motive wieder: die Beziehung zwischen Mann und Frau, sexuelles Begehren, Schuld, Verantwortung und vor allem den schwer zu ertragenden Fakt der eigenen Sterblichkeit.

Die Wucht, mit der diese uralte Erzählung solche großen Menschheitsfragen in wenigen, knappen Sätzen verhandelt, beeindruckt den Autor tief. Nahezu unmöglich, sich dieser Geschichte, die in Tora, Bibel und Koran enthalten ist, zu entziehen.

Deren Grundzüge seien, allen Bearbeitungen und Interpretationen zum Trotz, unverändert geblieben – und das immerhin über einen Zeitraum von ungefähr 2.500 Jahren. Greenblatt spricht sogar davon, dieser Kern sei "radioaktiv" und strahle noch immer. Deshalb, so schlussfolgert der Autor, beeinflusse sie bis heute unser Verständnis von Sterblichkeit und Sexualität, von Geschlechterrollen, Arbeit und Verantwortung.

Der radioaktive Kern

Im Städel-Museum in Frankfurt am Main hängt an einer Wand, Albrecht Dürers Adam und Eva.
So hat Albrecht Dürer sich Adam und Eva vorgestellt ... Bildrechte: IMAGO

In seinem Buch verfolgt Stephen Greenblatt dieses radioaktive Strahlen weit zurück – bis zu den Umständen und Zutaten seiner Entstehung. Noch ältere Geschichten tauchen in diesem Zusammenhang auf: die babylonischen Dichtungen des Gilgamesh Epos und des Schöpfungsmythos Enuma Elisch. Greenblatt widmet ihnen viel Aufmerksamkeit und macht schon hier Lust auf weiterführende Lektüre.

Doch damit fängt die Zeitreise erst an: Stephen Greenblatt greift sich aus der Geschichte immer wieder einzelne Personen heraus, die sich prominent und folgenreich mit Adam und Eva beschäftigt haben, und stellt sie in seinem Buch vor. Zum Beispiel Augustinus von Hippo. Der spätantike Bischof gilt als Urheber des Konzeptes der Erbsünde. Damit belud er nicht nur Generationen von Christen mit einem Schuldkomplex, Greenblatt erzählt auch, wie Augustinus durch die wörtliche Auslegung der Bibelverse zu einem vehementen Gegner körperlichen Begehrens wird:

Damit hat er (Augustinus) die Schleusentore für einen Strom der Misogynie geöffnet, der die Gestalt der ersten Frau jahrhundertelang umspülte.

Stephen Greenblatt: "Die Geschichte von Adam und Eva"

Eva als role model für ein negatives Frauenbild war geschaffen.

Poetische Sprache und viel Fantasie

Häuserrelief in Görlitz mit Adam und Evas Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies
... und so blicken sie in Görlitz von einer Fassade herab. Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Das alles erzählt Stephen Greenblatt in einer sehr literarischen, bildlichen Sprache, scheut dabei weder anekdotische Zuspitzungen noch Übertreibungen. Das macht ihn in den USA zu einem kleinen Star. Für sein letztes Buch "Die Wende", eine Arbeit über die Renaissance, bekam er den Pulitzerpreis und den National Book Award.

Auch in der "Geschichte von Adam und Eva" spürt man seine Neugier und Lust an guten Geschichten. Das ist in vielen Momenten mitreißend, führt aber auch streckenweise dazu, dass sich Greenblatt in Einzelheiten verliert.

Lesenswert ist das Buch vor allem, weil es auch weniger bekannte Personen vorstellt, wie den Priester John Ball. Der sorgte im 14. Jahrhundert mit der Losung "Als Adam pflügte, Eva spann, wo war denn da der Edelmann?" für einen Bauernaufstand und wurde dafür hingerichtet.

Stephen Greenblatt erzählt in einer sehr literarischen, bildlichen Sprache, scheut dabei weder anekdotische Zuspitzungen noch Übertreibungen.

Eva Gaeding, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Insgesamt wirkt Stephen Greenblatt in "Die Geschichte von Adam und Eva" versöhnlich, bedenkt man, dass in Greenblatts Heimat, den USA, ein handfester Konflikt zwischen Befürwortern der Evolutionstheorie und den christlich fundamentalen Kreationisten existiert.

Greenblatt behandelt den Bibeltext als Literatur und bringt ihm, losgelöst vom religiösen Kontext, Wertschätzung entgegen. Und das nicht als "mächtigstem Mythos der Menschheit", diesen etwas reißerischen Untertitel hat das Buch im amerikanischen Original nicht, sondern als eine Geschichte von vielen, die uns helfen können, uns und die Welt zu verstehen. "Die Geschichte von Adam und Eva" ist somit ein Buch für alle, die sich, wie Greenblatt selbst, für die Kraft der menschlichen Fantasie begeistern können.

Angaben zum Buch Stephen Greenblatt: "Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit"
Siedler Verlag
448 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-8275-0041-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. April 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2018, 08:10 Uhr

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