Wolfram Eilenberger, 2010
Wolfram Eilenberger (2010). Bildrechte: IMAGO

Sachbuch: "Zeit der Zauberer" Wolfram Eilenberger und die große Zeit der Philosophie

Auch in der Philosophie - die ja doch zumeist an Schreibtischen und in Bibliotheken entwickelt wird, kann es zu regelrechten Duellen kommen. So geschehen in Davos im Jahr 1929, wo zwei große deutsche Philosophen bei einem Kongress über philosophische Grundfragen streiten. Und diese Debatte zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer nimmt ein Philosoph unserer Tage, Wolfram Eilenberger, zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung: "Zeit der Zauberer - Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 bis 1929".

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Wolfram Eilenberger, 2010
Wolfram Eilenberger (2010). Bildrechte: IMAGO

Vier Denker sind es, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die Philosophie durcheinanderwirbeln - mit Thesen und neuen Denkbildern, aber auch mit gänzlich neuen Methoden und neuen philosophischen Frage- und Antwort-Techniken. Ludwig Wittgenstein hat 1921 seine "Logisch-philosophische Abhandlung", den berühmten sprachphilosophischen Traktat, veröffentlicht. Martin Heidegger arbeitet an seiner Theorie vom ins Dasein geworfenen Menschen, der sich über die Erkenntnis von Tod und Endlichkeit als Mensch überhaupt in der Welt verortet. Walter Benjamin konstruiert eine völlig neue Form der Literaturkritik. Und der Vierte, Ernst Cassirer, entwickelt bereits im frühen 20. Jahrhundert Ideen über Sprache und menschliche Kommunikation, die bis heute nachhallen.

Sachbuch: "Zeit der Zauberer" Die Philosophen: Benjamin, Cassirer, Heidegger & Wittgenstein

Zeitgenössische Aufnahme des deutschen Literatur- und Kulturkritikers und Essayisten Walter Benjamin.
Der Literaturkritiker und Essayist Walter Benjamin (1892-1940). Bildrechte: dpa
Zeitgenössische Aufnahme des deutschen Literatur- und Kulturkritikers und Essayisten Walter Benjamin.
Der Literaturkritiker und Essayist Walter Benjamin (1892-1940). Bildrechte: dpa
Ernst Cassirer
Der Philosoph Ernst Cassirer (1874-1945). Bildrechte: IMAGO
Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976).
Der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976). Bildrechte: dpa
Ludwig Wittgenstein
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951). Bildrechte: IMAGO
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Zäsur in der deutschen Philosophie

Wolfram Eilenberger schreibt kühn und mit belletristischer Lust und Laune über seinen Gegenstand. Natürlich sind die vier Philosophen allesamt höchst eigenständige Denker – und zumindest Benjamin, Heidegger und Wittgenstein definieren sich ja ein Stück weit auch über das subtil Einmalige ihres jeweiligen Werkes. Aber: Mit diesen Denkern gibt es doch eine große Zäsur in der deutschen Philosophie, die Eilenberger als übergreifenden Ansatz beschreibt. Von nun an soll es nämlich nicht mehr darum gehen, im Sinne des deutschen Idealismus eine umfassende Erkenntnistheorie, ein allgemein gültiges Welt-Modell zu liefern und daraus dann ein zweckdienliches moralisches Prinzip zu zimmern. Genau diese Ideenlehre ist ins Wanken geraten.

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 - 1929
Wolfram Eilenberger: "Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 - 1929" Bildrechte: Verlag Klett-Cotta

Auch kann der Mensch Raum und Zeit nicht mehr als feste Größen zusammendenken, wie Einstein 1905 bekannt gegeben hat – und überhaupt: überall klirrt und kracht es. Und hier nun setzen diese vier so verschiedenen Denker an – wobei man den älteren, akademisch gut bestellten Cassirer etwas rausnehmen muss, der ist in gewisser Weise ein Kontrapunkt, weshalb es dann 1929 in Davos auch zum intellektuellen Schlagabtausch zwischen ihm und Heidegger kommt. Aber die anderen drei eben, die setzen die Philosophie nun als ein Prinzip, das vor allem persönlich erlitten, gelebt werden muss, das die Welt also nicht zu kitten versucht, sondern sich den Brüchen und Sprüngen auszuliefern hat. Nur so kommen der Einzelne und die ganze Gesellschaft zu sich selbst.

Der Einzelne auf sich gestellt

Wolfram Eilenberger erzählt elegant und schlüssig. Etwa wenn er erklärt, wie der studierte Ingenieur Ludwig Wittgenstein davon besessen ist, die Sprache, die einzelnen Sätze auf ihre formalen und logischen Möglichkeiten zu untersuchen - und darüber zu der berühmten Erkenntnis kommt: "Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Und weil man eben die letzten Fragen nicht logisch und objektiv beantworten kann, muss sie jeder für sich selbst ganz allein lösen. Was wiederum weiter zu Martin Heidegger führt, der den Einzelnen auch in solche unlösbaren Fragen geworfen sieht.

Die Biografien der Denker

In Eilenbergers "Zeit der Zauberer" wird all das ziemlich rasant kurzgeschlossen mit den Biografien dieser Denker: Wittgenstein, der sein gesamtes Millionenerbe verschenkt, um als einfacher Dorfschullehrer den Menschen zu dienen, Benjamin, der auch über seine erotische Getriebenheit die Zerrissenheit der menschlichen Existenz erfährt - und Martin Heidegger, der mit seiner Lehre sogar seinen eigenen Ehebruch sozusagen theoretisch begründet.

Philosophen Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger
Bildrechte: IMAGO, dpa

Angaben zum Buch Wolfram Eilenberger: "Zeit der Zauberer - Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 bis 1929"
431 Seiten, gebunden, 25 Euro
ISBN: 978-3-608-94763-2
Klett-Cotta-Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 14. März 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 04:00 Uhr