Sachbuchkritik Nicholas Kulish und Souad Mekhennet: "Dr. Tod"

Auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs müssen sich noch immer hochbetagte Männer und Frauen für ihre Verbrechen während des Nationalsozialismus verantworten. Einer, der sich ganz besonders widerwärtiger Verbrechen schuldig gemacht hat, konnte sich jedoch zeitlebens jeglicher Anklage entziehen: Aribert Heim. Der SS-Arzt galt zeitweise als der meist gesuchte NS-Verbrecher überhaupt. Die JournalistInnen Nicholas Kulish und Souad Mekhennet haben die Geschichte der jahrzehntelangen Jagd nach diesem Mann aufgeschrieben.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

"Dr. Tod. Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher", der Titel klingt reißerisch und wurde bereits für den KZ-Arzt Josef Mengele wie für den Plastinator Gunther von Hagen verwendet. Hier ist nun aber der Gynäkologe Aribert Heim gemeint, der in den Jahren 1941 und 1942 im KZ Mauthausen auf sehr brutale Weise Menschen umgebracht hat.

Der Originaltitel dieses ursprünglich in den USA erschienenen Buches lautet weniger reißerisch "The Eternal Nazi", also: "Der ewige Nazi". Wenn man das Buch gelesen hat, wird schnell klar, warum die beiden AutorInnen, die deutsche Journalistin Souad Mekhennet und der amerikanische Journalist Nicholas Kulish, es so genannt haben. Aribert Heim hielt bis zu seinem Lebensende - er ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit 1992 gestorben - an den Ideen des Nationalsozialismus und an einem ausgeprägten Antisemitismus fest.

47 Jahre lang nicht gefasst

Der Österreicher Aribert Heim studierte in Wien Medizin und war Mitglied der SS. Zwar hatte er vermutlich nur einige Monate im KZ Mauthausen als Lagerarzt gearbeitet, doch diese kurze Zeit reichte ihm aus, den Ruf als "Dr. Tod" oder auch als "Schlächter von Mauthausen" zu erwerben. Er operierte Menschen bei vollem Bewusstsein, spritzte ihnen Benzin und köpfte sie, um ihre Schädel an Kollegen zu verschenken. Seine äußerst grausamen Taten wurden von mehreren Zeugen belegt.

Nach dem Krieg wurde Aribert Heim von den Amerikanern kurzzeitig inhaftiert. Doch weil er seine Zeit im KZ Mauthausen verschwieg, wurde er als Mitläufer eingestuft, entlassen und konnte bis Anfang der 60er-Jahre in Baden-Baden als Frauenarzt praktizieren. Er gründete eine Familie, lebte in einer Villa und führte ein solides bürgerliches Leben. Dann allerdings tauchte sein Name auf den Listen gesuchter NS-Verbrecher auf. Als Aribert Heim das erfuhr, floh er über Umwege nach Kairo, wo er bis 1992 unbehelligt in einem einfachen Hotelzimmer lebte.

Drei Gründe für die vergebliche Suche

Dass man Aribert Heim zu Lebzeiten nicht fassen konnte, hatte drei Gründe. Simon Wiesenthal, der sich der Suche nach NS-Verbrechern verschrieben hatte, nahm sehr lange an, dass sich Heim wie andere Verbrecher auch, untern ihnen Josef Mengele und Adolf Eichmann, in Südamerika aufhalte. Dazu kam, dass Aribert Heim zeitlebens von seiner in Deutschland zurückgebliebenen Familie finanziell unterstützt wurde, auch weil sie von Heims Unschuld fest überzeugt war. Und zu guter Letzt ist Aribert Heim zum Islam konvertiert. Weil er sich nun Tarek Hussein Farid nannte, konnte er seine Spuren erfolgreich verwischen. Erst 2009 wurde überhaupt bekannt, dass Aribert Heim bereits tot ist.

Endlich: die späte Aufklärung

Es ist den AutorInnen Souad Mekhennet und Nicholas Kulish zu verdanken, dass Aribert Heims Versteck doch noch bekannt wurde. Die Journalisten hatten einen vagen Hinweis bekommen, dass Heim in Ägypten sein sollte. Mit einem Foto liefen sie durch Kairo und sprachen so lange Leute an, bis tatsächlich jemand sagte: Ja, der hat hier gelebt und zufällig haben wir auch noch eine Aktentasche mit Dokumenten von ihm aufgehoben, darunter von Heim verfasste Texte, die davon zeugen, dass er sich keiner Schuld bewusst war.

Überzeugend und spannend geschrieben

Souad Mekhennet, die einer deutsch-arabischen Familie entstammt, und der Amerikaner Nicholas Kulish erzählen sehr sachlich und gleichzeitig sehr engagiert zwei Geschichten. Zum einen die von Aribert Heim selbst, und zum anderen die von der vergeblichen Suche nach ihm. Wie Behörden versagt haben, weil sie nach Heribert statt Aribert suchten, wie es mit den Jahren immer schwieriger wurde, Zeugen für seine Verbrechen zu finden, wie die Familie und der Anwalt Heims immer wieder Tricks und Methoden fanden, den Mann zu decken. Es klingt wie ein Klischee, aber hier schlägt tatsächlich einmal die Wirklichkeit jede Fiktion.

Zu empfehlen ist dieses Buch, weil es einmal mehr den Beweis antritt, dass in Bezug auf den Nationalsozialismus längst nicht alles gesagt ist, weil es die Tragödie des 20. Jahrhunderts anhand von Schlüsselfiguren bloßlegt und weil es nicht zuletzt richtig gut geschrieben ist.

Angaben zum Buch "Dr. Tod. Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher"
Von Nicholas Kulish und Souad Mekhennet

C.H. Beck Verlag
350 Seiten, 24,95 Euro
ISBN 978-3-406-67261-3

Über die AutorInnen Nicholas Kulish, Journalist und Schriftsteller, ist Korrespondent der "Times" in New York. Er berichtete 2013 und 2014 aus Ostafrika und leitete von 2007 bis 2013 das Berliner Büro der "New York Times".

Souad Mekhennet, Journalistin und Politikwissenschaftlerin, arbeitet für die "Washington Post", für das ZDF und ist Fellow an der School of Advanced International Studies (SAIS) in Washington DC. Für die Dokumentation "9/11" wurde sie 2012 gemeinsam mit Elmar Theveßen mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, das World Economic Forum ernannte sie zum "Young Global Leader 2014".

Über das KZ Mauthausen Das Konzentrationslager Mauthausen war das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten auf dem Gebiet des damaligen Österreichs. In diesem KZ und in seinen Nebenlagern kamen rund 100.000 Menschen ums Leben. Seit 1947 befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eine Mahn- und Gedenkstätte der Republik Österreich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Februar 2015 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2015, 10:38 Uhr