Besucher auf dem Petersplatz in Rom machen mit einem iPad ein Selfie
Reisen scheint heute vor allem aus Selfies und Sehenswürdigkeiten zu bestehen. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Sachbuchempfehlung Die Schattenseiten des Massentourismus

Selfies, Sehenswürdigkeiten, lange Schlangen: Die Zeiten sind vorbei, als die meisten lediglich einmal im Jahr verreist sind. Der nächste Urlaub steht immer schon kurz bevor, der interessierte Reisende ist längst vom sehenswürdigkeitssammelnden Touristen abgelöst. Für die betroffenen Städte ist das nicht nur vorteilhaft. In seinem Buch "Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters" entwirft der Italiener Marco d'Eramo eine Gesellschaftskritik, die den Tourismus als kapitalistische Geldmaschine entlarvt.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Besucher auf dem Petersplatz in Rom machen mit einem iPad ein Selfie
Reisen scheint heute vor allem aus Selfies und Sehenswürdigkeiten zu bestehen. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Marco d'Eramo ist Römer. Und sein Buch beginnt mit einem bekannten Bild aus der "Ewigen Stadt": Durch die im August von Einheimischen verlassene, sonnendurchglühte Metropole strömen Scharen erhitzter Besucher, vertieft in eine anstrengende Pflicht: Sie sammeln Sehenswürdigkeiten. Es gibt wohl kaum ein zweites Land, das derart von Touristen überrannt wird, wie Italien. In Venedig kommen auf einen Einwohner 600 Touristen. Kein Wunder also, dass dieser Autor die Besucher als Plage betrachtet.

Touristen vor dem St. Peters Dom in Rom.
Touristen stehen Schlange vor dem St. Peters Dom in Rom Bildrechte: imago/Westend61

Sein umfangreicher Essay konzentriert sich ganz auf Städte und beschreibt voller Schärfe und Bitterkeit deren touristische Zurichtung. Er erzählt davon, wie Gebäude umfunktioniert werden und etwa Kirchen Eintrittsgelder verlangen. Der Laden in der Nachbarschaft muss dem nächsten Souvenirshop weichen. Die Einheimischen werden aus den Innenstädten vertrieben, die derart zu Servicewüsten verkommen.

Das Welterbe-Siegel der Unesco betrachtet Marco d'Eramo keineswegs als Segen, weil Altes bewahrt wird, sondern als Etikett einer künstlichen, leblosen Welt, vor deren Kulissen massenhaft Touristen posieren und Selfies machen. Dieses Buch ist ein furioser, hitziger Rundumschlag. Doch wer zum Beispiel einmal die Altstadt von Rhodos gesehen hat, der kann d'Eramo nur zustimmen: "So wie es zugerichtet wurde, könnte es meinethalben zur Hölle fahren."

Selfies und Sehenswürdigkeiten sammeln

Touristenbashing ist beliebt. Bereits im 19. Jahrhundert, darauf weist d'Eramo hin, kam die Unterscheidung auf zwischen dem Reisenden und dem Touristen, der mit der Erfindung der Eisenbahn rasch über ganz Europa kam. Der Reisende war demnach einer, der sich vorbereitete auf die Fahrt, die fremde Sprache lernte, um dann mit Muße und Zeit das andere Land zu studieren. Der von Beginn an negativ besetzte Begriff des Touristen stand indes für einen Typus, der hektisch Sehenswürdigkeiten abhakt.

Wenn alle in die Berge fahren oder ans Meer, um dort Ruhe zu finden, dann ist es mit der Stille bald vorbei.

Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Vor allem ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Reiselust zum Massenphänomen ausgewachsen. 1950 wurden 25 Millionen Touristen gezählt, heute sind es weit über eine Milliarde. Neu sind diese Zahlen nicht. Doch dieser Essay belässt es nicht dabei, markante Eckpunkte einer Entwicklung zu benennen, sondern weitet sich zunehmend zu einer Gesellschaftskritik. Er zeigt das Tourismusgewerbe als Geldmaschine und bestimmende Industrie unserer Zeit.

Hotels, Fluggesellschaften, Autovermieter – sie alle profitieren von der Reiselust. Alles wird dem Zweck der Geldmaximierung unterworfen, argumentiert d'Eramo. Kapitalismus pur also. Tröstlich erscheint da womöglich nur, dass die Entwicklung ganz von selbst an ein Ende kommen wird. Das glaubt zumindest der Autor. Denn wenn alle in die Berge fahren oder ans Meer, um dort Ruhe zu finden, dann ist es mit der Stille bald vorbei.

Touristen vor dem Louvre in Paris.
Mit mehreren Millionen Besuchern jedes Jahr ist das Louvre das meistbesuchte Museum der Welt. Bildrechte: imago/Xinhua

Die Welt in Sprungweite

Doch woher kommt die Reiselust überhaupt? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Hans Magnus Enzensberger hat in seiner "Theorie des Tourismus" eine Flucht aus der Wirklichkeit diagnostiziert. Für Mark Twain, selbst ein Vielreisender, bestand der Nutzen des Reisens darin, die eigene Vorstellung mit der Wirklichkeit abzugleichen, sich Dinge also nicht auszudenken, sondern sie so zu sehen, wie sie sind. Andere sprachen von einer Neugier auf die Welt beziehungsweise sogar einem Hunger nach Welt. Für Marco d'Eramo ist das alles nicht falsch, aber er glaubt an eine simplere Motivation:

Menschen reisen, ganz einfach weil sie es können. Durch die Revolution der Transportmittel steht die Welt zur freien Verfügung. Und immer mehr Menschen können es sich leisten, ins Flugzeug zu steigen oder aufs Schiff.

Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Gesellschaftskritik statt Ratgeber

"Die Welt im Selfie" gehört nicht zum Ratgeber-Genre. Das Buch gibt keine Tipps, wie man besser und anders reisen sollte. Hilfreich ist es trotzdem. Nicht allein, weil es womöglich auf Enttäuschungen vorbereitet. Denn die Realität, davon erzählt d'Eramo auch, ist durchaus nicht immer deckungsgleich mit dem, was Reiseführer versprechen. Vor allem aber macht der Autor aufmerksam auf Auswirkungen der Reiselust und skizziert das Entstehen einer gigantischen Industrie. All das ist sorgfältig recherchiert. Vorhalten könnte man dem Buch sein mangelndes Interesse dafür, dass der Tourismus manchen Regionen nicht zuerst Verwüstung beschert, sondern sie vor allem aus bitterer Armut erlöst hat. Doch Marco d'Eramo geht es nun einmal entschieden ums große Ganze.

Eine Touristin in Venedig macht mit einem Smartphone ein Selfie
Reisen ohne zu fotografieren? Ob das eine Lösung des Problems sein kann, bleibt fraglich. Bildrechte: imago/ZUMA Press
Buchcover: Marco d'Eramo - Die Welt im Selfie
Bildrechte: Suhrkamp

Informationen zum Buch Marco d' Eramo:
"Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters"
Aus dem Italienischen von Martina Kempter
Suhrkamp Verlag
364 Seiten
26 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 13. Juni 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2018, 00:00 Uhr

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