Sharon Jones
Sharon Jones ist 2016 an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Bildrechte: dpa

Neue Alben | 20.11.2017 Sharon Jones' letztes Album: "Soul of a Woman"

von Johannes Paetzold und Michael Kuhlmann, MDR KULTUR

Sharon Jones
Sharon Jones ist 2016 an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Bildrechte: dpa
Cd-Cover: Sharon Jones & The Dap-Kings: “Soul of a Woman” (DAP050-2 – Daptone Records)
Sharon Jones & The Dap-Kings: “Soul of a Woman” (DAP050-2 – Daptone Records) Bildrechte: Daptone Records

Das Album "Soul of a Woman" entstand mit Gevatter Tod in der Rhythmussektion. Soul-Sängerin Sharon Jones hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs und sah ihr Ende nahen. Ihre letzten Tage verbrachte sie zwischen Chemo-Therapie und Aufnahmestudio. Was für Lieder singt man im Angesicht des eigenen Endes? Soul, Funk und Blues, unbeschwert, Uptempo-Stücke und Balladen, Love-Stories und Einsichten ins Leben. Natürlich bekommt jeder Song unwillkürlich einen neuen Subtext wie "Call on God". Aber gerade diesen Song schrieb Jones als Teenager für ihren Gospelchor., schon damals war sie ein Riesentalent. Aber andere zogen an ihr vorbei. "Ich war zu klein, zu schwarz, zu dick", kommentierte sie das später.

So arbeitet sie zunächst im berüchtigten Gefängnis von Rikers Island als Wärterin. Bis dann doch der späte Durchbruch kamt. Aber Sharon Jones war in ihrer kurzen Glanzzeit das Maß der Dinge in authentisch gesungener Soulmusik, begleitet von der besten Soul-Backing Band, den Dap-Kings. Sharon Jones ist jetzt im Olymp oben neben den Großen der Soul-Musik. Mit "Soul of a Woman" hinterlässt sie ein Wahnsinns-Vermächtnis. "Just Give me Your Time", "Come and Be A Winner", "Sail On", jeder Song eine Anweisung und Lebensversicherung, für und gegen das, was uns "da draußen" erwartet. "Immer dran bleiben!" ist das Lebensmotto, bis zum Schluss das Beste geben. Sharon Jones bleibt eine Quelle der Inspiration. Aber eine Soul-Ära ist nun endgültig zu Ende.

Jonas Alaska: "Fear is a Demon"

Cd-Cover: Jonas Alaska: “Fear is a Demon” (BH201703 – popup media)
Jonas Alaska: “Fear is a Demon”
(BH201703 – popup media)
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Wenn ein Landstrich sich auf diesem Planeten mit dem Winterblues auskennt, dann sicher der Norden Europas - und da wiederum blasen die Norwegen besonders traurig ihren Blues über die Fjorde hinaus, so wie Jonas Alaska. Ihm gelingt mit dem Eröffnungssong seines neuen Albums "Fear is a Demon" eine Kombination aus Schwere und Leichtigkeit, wie bei einem Schneespaziergang am Neujahrstag. John Lennon hätte die Mischung aus einfachem Rock'n'Roll, Pop und der hohen Kitschstimme bestens gefallen. Alaska ist ein Multi-Instrumentalist, der noch dazu auch die Produktion des Albums selbst übernahm. Manchmal sehr intim, manchmal mit Pomp und einer großen Liebe für Streicheleinheiten der Streicher. Dies ist wunderschöner Melancholie-Pop.

MC Solaar: "Geopoétique"

Cd-Cover: MC Solaar: „Géopoétique“ (941.B519.020 / PIASB519CD – Osmose Inverse) (Import Album bzw. Download
MC Solaar: „Géopoétique“
(941.B519.020 / PIASB519CD – Osmose Inverse)
Bildrechte: Osmose Inverse

Vor 25 Jahren überraschte ein junger Franzose senegalesischer Herkunft die Hip Hop- und die Jazz-Welt mit einem "Prose Combat", der Rap mit Poesie verband, der Worte und Sprachspiele über die Welt sinnierend verknüpfte: Es war Claude M'Baralis, besser bekannt als MC Solaar. Zehn Jahre sind seit seinem letzten Album verstrichen, inzwischen hat sich die französische Hip-Hop-Szene rasant weiterentwickelt. Es sieht aber danach aus, dass die Nachfolger den alten König als den Neuen begrüßen müssen. MC Solaar tritt mit "Geopoétique" selbstbewusst auf die Bühne zurück. Er geht in kein Rap-Geschwindigkeits-Battle mit den jungen, er reimt und schmiedet in seinem eleganten Tempo weiter, mit dieser warmen, weichen, vom Jazz beeinflussten Stimme, die jede Menge Soul atmet. MC Solaar ist wie der Sternekoch Alain Ducasse in seiner Küche: Ein Magier. Wo die jungen Rapper eher Banalitäten ins Mikrophon plärren, meißelt Solaar gefühlvoll und filigran Klein-Ode. MC Solaar gibt den Glauben an diese große afro-amerikanische Musikstradition namens Hip Hop zurück und ist einfach traumhaft gut.

Schaghajegh Nosrati & Deutsches Kammerorchester Berlin: "Johann Sebastian Bach - Keyboard Concertos BWV 1052 – 1054"

Cd-Cover: Johann Sebastian Bach Keyboard Concertos BWV 1052 – 1054 Schaghajegh Nosrati Deutsches Kammerorchester Berlin Genuin Classics   GEN 17482
Bildrechte: Genuin Classics

2014 gewann die damals 25-jährige Schaghajegh Nosrati den Bach-Wettbewerb in Leipzig. Ein Jahr später legte sie ihre Solointerpretation der Bachschen "Kunst der Fuge" vor und erntete dafür höchstes Lob: Rezensenten verglichen ihr Spiel mit demjenigen Glenn Goulds, lobten die Klarheit und Transparenz. Auch das neue Album der in Bochum geborenen Pianistin mit iranischen Wurzeln enthält Musik Johann Sebastian Bachs.

An das vielgespielte Konzert BWV 1054 schließen sich zwei gleichfalls bekannte Werke an, die hier aber in einer ungewohnten Gestalt erscheinen: in den schnellen Sätzen ergänzt um drei Holzbläserstimmen. Mit Hilfe des Komponisten Frank Zabel hat Schaghajegh Nosrati die Stimmen aus vier Kantaten extrahiert, die musikalisch als Vorläufer der Konzerte gelten können. Erklärtermaßen geht es der Pianistin weder um eine Vervollkommnung, noch um eine Rekonstruktion, sondern darum, "das Werk klanglich neu erlebbar zu machen". So bekommt das Orchester bei den Konzerten BWV 1052 und 1053 hier Zuwachs in Gestalt einer Oboe, einer Oboe d'amore und eines Englischhorns. Einen Zuwachs, der aber nicht lediglich als zusätzlicher Klangfülle-Spender fungiert, sondern an vielen Stellen eigenständige Beiträge zum Gesamtbild leistet.

Eingefleischte Fans von Tasteninstrumenten mögen sich ab und an daran stören, wie selbstbewusst die Holzbläser das Klavier flankieren oder Gegenstimmen beisteuern; und auch die hohen Register der Streicher bekommen klangliche Gesellschaft – doch spätestens die Spielfreude, die dieses Album durchzieht, sollte auch hartnäckige Kritiker besänftigen. Die schlanke Orchesterbesetzung und der Umstand, dass Nosrati sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, rücken das Klavier immer wieder in den Vordergrund. Unter dem Strich ist das Vorhaben, drei bekannte Bachsche Werke um eine zusätzliche Klangfacette anzureichern, in einer geschmackvoll ausgewogenen Form unternommen worden.

Céline Moinet: "Schumann Romances"

Cd-Cover: Celine Moinet Schumann Romances Florian Uhlig   Norbert Anger Berlin Classics   0300991 BC
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Seit einem Jahrzehnt profiliert sich die Französin Céline Moinet als eine der wichtigen europäischen Oboistinnen: Sie wurde 2006 Solistin beim Orchester der Mannheimer Oper, 2008 fungierte sie als solche auch bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Seit 2013 ist sie Professorin an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in der sächsischen Landeshauptstadt. Auf ihrer neuen Aufnahme lebt Céline Moinet einmal mehr ihr Faible für Kammermusik aus: In Werken Clara und Robert Schumanns. Neben Robert Schumanns "Drei Romanzen für Oboe und Klavier op. 94" sind Bearbeitungen von Zyklen und Einzelminiaturen vertreten: unter anderem Claras "Romanzen für Violine und Klavier op. 22" sowie Roberts "Fünf Stücke im Volkston op. 102", die "Studien für den Pedalflügel op. 56" und zwei der bekanntesten Miniaturen aus den Kinderszenen op. 15.

Die Bearbeitungen, zumeist für Oboe und Klavier, im Falle des op. 56 für Oboe, Klavier und Violoncello, stammen unter anderem von dem Schumann-Adepten Theodor Kirchner und von dem schwedischen Oboisten und Komponisten Emilius Lund, die ihre Arbeit nicht allzu lange nach Schumanns Tod abschlossen. Lund stellte seine Adaption der "Träumerei" und des folgenden "Am Kamin" gemeinsam mit Carl Reinecke 1863 im Leipziger Gewandhaus vor.

Einfühlsam begleitet vom Pianisten Florian Uhlig und vom Solocellisten der Dresdner Staatskapelle, Norbert Anger, präsentiert sich Céline Moinet mit viel Sinn für Lyrik: Ihr warmer Ton bringt die Melodik der sensiblen Kompositionen voll zur Geltung. Auch an der so viele Male gespielten "Träumerei" hört man sich in dieser Form nicht leid. Und diejenigen, die sich fragen könnten, ob man die letzten Takte des Stücks in einem derartigen Husch-Husch-Tempo absolvieren musste – sie sind schon ein paar Sekunden zuvor besänftigt worden durch die Manier, in der Florian Uhlig den weitgefächerten Dominantseptnonakkord in G-Dur anschlägt: einfach nur delikat.

Philippe Jordan & Wiener Symphoniker: "Beethoven Symphonies 1/3"

Cd-Cover: Beethoven  Symphonies 1/3 Wiener Symphoniker, Philippe Jordan Wiener Symphoniker    WS 013
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Eine Kombination von Beethovens 1. Symphonie mit der "Eroica": Philippe Jordan, der Chefdirigent der Wiener Symphoniker, hat sich seine Gedanken darüber gemacht – und die drehen sich um Prometheus. Denn Beethovens harmonischer Weg zum Thema des Kopfsatzes der "Ersten" ähnele demjenigen in der "Prometheus"-Ouvertüre op. 43 – und deren geistiger Hintergrund wiederum sei derselbe wie derjenige der 3. Symphonie: Prometheus, der den Menschen das Feuer und damit Zivilisation und Kultur gebracht habe. Für Jordan ist eben nicht Napoleon, sondern Prometheus der Held der 'Eroica'.

So erscheinen die beiden Werke aus den Jahren 1799/1800 und 1803/04 hier zusammen auf einem Album – in einer Form, die sich auf der Höhe der Zeit zeigt: Historisch informiert gehen die Wiener Symphonier unter Jordans Leitung zu Werke. Eine Interpretation, die im Falle der 1. Symphonie an vielen Stellen noch einen Tick straffer klingt als etwa diejenige des Netherlands Symphony Orchestra unter Jan Willem de Vriend aus dem Jahre 2012.

Hinzu gesellen sich Schmankerl im Detail: etwa der Wert, den Jordan im 1. Satz der Eroica auf dynamische Abstufungen im Detail legt. Oder ein Staccato in den Holzbläsern an einer Stelle im Finale, das so zwar nicht im Notentext steht – doch die Schärfe hat durchaus ihren Reiz. Eine im besten Sinne klassizistische Aufnahme zweier Beethovenscher Symphonien, die schon vor über 200 Jahren dem Publikum der jeweiligen Uraufführungen lebhaft im Gedächtnis blieben sind - als entweder originell (im Falle der ersten) oder (im Falle der dritten) zwar als "bizarr" und "regellos", aber immerhin als wertvoll.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 20. November 2017 | 18:05 Uhr

Schallplatten, Musik, Platten, Plattensammlung, DJ
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