Der Maler Sighard Gille
Wenn es ihm zu bunt wird, zieht er mit der Lochkamera los. Bildrechte: dpa

Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig Wenn's dem Maler zu bunt wird: Sighard Gille greift zur Lochkamera

Sighard Gille, Jahrgang 1941, gehört zum "agilen Altbestand" der Leipziger Schule. Bekanntlich malt er farbstark und expressiv, ein echtes "Malschwein" ist er sozusagen. Doch manchmal wird es selbst ihm zu bunt in seinem Atelier. Dann zieht es ihn zum Licht selbst. Mit der Lochkamera. Seit mehr als 40 Jahren schon fängt er damit Bilder ein, die wirken wie aus einer anderen Zeit. Das Stadtgeschichtliche Museum in Leipzig zeigt sie jetzt in der Schau unter dem Titel "Camera obscura".

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Der Maler Sighard Gille
Wenn es ihm zu bunt wird, zieht er mit der Lochkamera los. Bildrechte: dpa

Manchmal wird es selbst dem Bilder-Maler Sighard Gille alles zu bunt in seinem Atelier, dann zieht es ihn zum Licht selbst. Als Fotograf. Wenn Sonne lacht, nimm Blende Acht? Was aber, wenn sich die Blende gar nicht einstellen lässt wie an seiner Lochkamera.

In Zeiten, in denen Bilder bis zum perfekten digitalen Fake manipuliert werden, überlässt Gille die Entstehung des Bildes quasi dem Licht selbst.

Alles, was da entsteht, ist unberechenbar. Ungefähr 30 Prozent sind brauchbar, alles andere ist daneben.

Sighard Gille, Maler und Lochkamera-Fotograf

Das Licht erschafft alles

Völkerschlachtdenkmal, fotografiert von Sighard Gille
Völkerschlachtdenkmal, fotografiert von Sighard Gille Bildrechte: Sighard Gille

Im Leipziger Stadtgeschichtlichen Museum sind Sighard Gilles Lochkamera-Fotos jetzt ausgestellt. Manchmal macht das Licht, was es soll – manchmal, was es will. Ganz abgesehen von ungeplanten Doppelbelichtungen einer Fassade, in der ein Park aufscheint.

Die Blende ist unschuldig. In den Apparaten lenkt kein Spiegel, keine Linse das Licht. Nichts wird getrimmt oder gezüchtet. Denn Gille hat die Apparate "entkernt":

Alles muss raus, die Optik ist ja nicht kompliziert, das sind ein bis zwei konvexe Linsen. Dann wird ein schwarzes Papier eingeklebt und da hinein wird ein kleines Löchlein gepiekst, mit einer Stecknadel.

Sighard Gille, Maler und Lochkamera-Fotograf
Naschmarkt Leipzig, fotografiert von Sighard Gille
Naschmarkt Leipzig Bildrechte: Sighard Gille

Licht – erschafft alles, ist ja klar. Manchmal wirkt es etwas wirr, es wird unerklärlich herumgeweht und zerteilt, es spricht in tausend Zungen. Gilles Licht-Bilder verraten die ältere Sehnsucht nach dem überwirklich-wahren Bild, das sich dem Maler von irgendwo einschreibt wie dem heiligen Lukas das Bild der Madonna:

Nicht-von-Menschen-Hand-gemacht. Nüchtern betrachtet ist da nur ein Loch im Pantheon.

Das Interessante ist ja die lange Belichtungszeit, im Durchschnitt 20 Sekunden, aber es geht bis zu einer halben Stunde oder Dreiviertelstunde. Da verschwinden eben Menschen und alles, was sich bewegt, was man ja besonders gut in den New York-Fotos sieht.

Sighard Gille, Maler und Lochkamera-Fotograf

Die Form selbst: Bande zwische Malerei und Lichtbildnerei

Fünfundvierzig Minuten New Yorker U-Bahn: Fülle und Lärm – und nur Lichtspuren bleiben, Bündel von reflektierenden Brillen der vorbeihastenden Passanten. Was vorbei geht, ist vergänglich: Die lange Belichtungszeit treibt es hinaus und saugt die Zeit in die Fotos selbst hinein. Freilich ist es auch die Form selbst, die einen Maler fasziniert: "Ja, vor allem der Raum, die Räumlichkeit, der Blick durch die Brücke und dann das Wasser, das vollkommen spiegelglatt wird in der Spiegelkamera.“

Sighard Gille, Jahrgang 1941, gehört zum "agilen Altbestand" der Leipziger Schule. Sein Deckengemälde für das Leipziger Gewandhaus – "Gesang vom Leben" – ist weithin bekannt. Darin setzt er die expressive Malerei des Bernhard Heisig fort, immer als kritische Zeitdiagnose verstanden. Viele Jahre hat auch er die neuen MalerInnen der Leipziger Kunstakademie ausgebildet. Er pflegt eine teils delikate, teils derbe Erotik, wie das Leben so drängt. Selbstverständlich hat Gille auch seine Malerei-Modelle "abgelichtet" – mit ausgestellt werden sie jetzt nicht.

Zwischen Malerei und Licht-Bildnerei gibt es weitere Bande: "Ja, wenn scharfes Helldunkel da ist, scharfe Bedeutung, dann ist das sehr günstig. Das ist manchmal wie ein Gerüst, dass sich da bietet, und so interessiert natürlich auch die abstrakte Bildsituation."

Die Fotos lassen weg – und komprimieren. Gewiss: Auch das Stecknadelloch und der Film sind eine optische Apparatur. Doch ihr nostalgischer Charme legt sich auf die Bilder. Deren räumliche Raffinesse können unsere Augen, an zweckmäßige Schärfe gewöhnt, vielleicht gar nicht genauso würdigen wie ein Maler.

Für mich ist das Interessante, dass die Lochkamera das ganze Bild aufnimmt, ohne einen Schärfepunkt zu haben, einen Fokus auf eine Stelle zu legen, eigentlich auch so, wie man als Maler vor sich hat, das wird komplett aufgenommen.

Sighard Gille, Maler und Lochkamera-Fotograf
Freiheitssäule in Leipzig, fotografiert von Sighard Gille
Bildrechte: Sighard Gille

Doch ist das ganze Bild nicht immer unscharf?

Zumindest ein guter Überblick über die Lochkamera-Bilder des Sighard Gille von Jerusalem bis New York ist jetzt zu erhalten.

Es muss ja nicht immer nur Farbe sein.

Über Gilles Passion Die Liebe Gilles zum Medium der Fotografie reicht weit zurück. Vor seinem Studium 1965 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig absolvierte er eine Ausbildung zum Fotografen. Schon als Kind faszinierte ihn ein physikalisches Spielbuch mit Fotografien und einer Anleitung der Camera obscura so sehr, dass er diese Technik unbedingt selbst ausprobieren wollte. Gille beschäftigt sich seit den frühen 1980er-Jahren intensiv mit der Lochkamera.

Stichwort: Camera obscura Statt eines Objektivs besitzt die Camera obscura nur eine winzige Öffnung als Lochblende. Durch diese wird ein Rollfilm dahinter belichtet. Lochdurchmesser, Intensität des Lichtes und Belichtungsdauer beeinflussen diesen Prozess maßgeblich. Durch die Weichzeichnung wirken bekannte Objekte wie verfremdet. Bewegungen werden nicht dargestellt, die Unschärfe ist charakteristisch. Zuerst mehr ein Protest gegen den High-Tech-Wahn der Zeit, entwickelte Gille die Lochkamera-Technik mehr und mehr zu einer eigenen Kunstform.

Über die Ausstellung Sighard Gille
Camera obscura
Bis 18.08.2019

Stadtgeschichtliches Museum
Haus Böttchergäßchen
Böttchergäßchen 3
04109 Leipzig

Öffnungszeiten
Dienstag - Sonntag, Feiertage 10–18 Uhr
24.12. und 31.12. geschlossen


Beginnend mit den Fotografien seiner ersten New York-Reise 1996, zeigt die Ausstellung rund 60 Werke aus den Städten Rom, Jerusalem, London und Hamburg, wobei Gille die Konstruktion der Kamera immer wieder modifizierte. Rund 60 Lochkamerafotos mit Leipziger Motiven werden erstmals präsentiert.

Gilles Fokus liegt darauf, Vertrautes zu verfremden. Durch die Übermalung einiger Motive schafft Gille ein Bindeglied: Sowohl für die Malerei als auch für die Lochkamera ist prägend, dass das Wesentliche durch Reduktion herausgearbeitet wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 13. Juni 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019, 16:50 Uhr

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