Eine Frau massiert einer anderen die Schultern
Szene aus "Der Mann mit dem Lachen". Bildrechte: Stephan Floß

Kritik "Der Mann mit dem Lachen" in Dresden: Ein Musical fürs Auge

Die Staatsoperette Dresden hat mit "Der Mann mit dem Lachen" einen Roman von Victor Hugo auf die Bühne gebracht. Ein gesellschaftlicher Außenseiter nimmt es darin mit einer elitären Schicht auf. Optisch ist diese Uraufführung von Frank Nimsgern (Musik), Tilmann von Blomberg (Buch) und Alexander Kuchinka (Liedtexte) ein Genuss - nur die Texte bleiben allzu simpel.

von Boris Michael Gruhl, MDR KULTUR

Eine Frau massiert einer anderen die Schultern
Szene aus "Der Mann mit dem Lachen". Bildrechte: Stephan Floß

Dass die Staatsoperette Dresden im Dezember 2016 ihr neues Theater im Dresdner Kulturkraftwerk Mitte beziehen konnte, verdankt sie vor allem dem unermüdlichen Einsatz des Intendanten Wolfgang Schaller. Seit 2003 hat er sich mit ganzer Kraft dafür eingesetzt, dieses in seiner Art einzige Musiktheater vom Rand der Stadt in die Mitte zu bringen. Gelungen ist ihm in dieser Zeit außerdem, das Profil dieses Theaters zu schärfen und gleichzeitig zu weiten: Operetten stehen nun auf dem Spielplan, besondere Opern und Musicals. Letztere werden gerade bei den Uraufführungen mit Mut zum Risiko ausgewählt.

Wolfgang Schaller, Intendant der Staatsoperette Dresden, im Porträt, im Hintergrund undscharf Treppenhaus und Wegweiser der Staatsoperette
Wolfgang Schaller, Intendant der Staatsoperette Dresden. Bildrechte: Staatsoperette Dresden

So auch jetzt, mit dem Musical "Der Mann mit dem Lachen" nach dem Roman von Victor Hugo. Es ist ein Auftragswerk der Staatsoperette, kurz bevor Schaller sich im Sommer verabschiedet. In der mitunter recht weitschweifigen Romanvorlage geht es darum, wie ein gesellschaftlicher Außenseiter es im England des frühen 18. Jahrhunderts einer ganzen elitären Schicht zeigt und ihr den Verfall voraussagt.

Viel Stoff für die Bühne

Das Buch zum Musical schrieb Tilmann von Blomberg, die Gesangstexte Alexander Kuchinka. Diese Autoren haben bereits gemeinsam das Musical "Zzaun" in der letzten Saison zur Uraufführung gebracht. Als Komponist wurde Frank Nimsgern gewonnen, der Dirigent ist Peter Christian Feigel, ein ausgemachter Spezialist für das Genre.

Eine Frau und ein Mann schauen sich an
Szene aus "Der Mann mit dem Lachen". Bildrechte: Stephan Floß

Ganz so einfach scheint es für sie nicht gewesen zu sein, den Inhalt eines rund 900 Seiten starken Romans in das Format eines Musicals zu bringen - und das bei angemessener Spieldauer. Schon um die Handlung zu beschreiben, braucht man im Programmheft ganze sechs Seiten, denn es ist ja eben nicht nur die Geschichte eines jungen Mannes mit verunstaltetem Gesicht, der auf dem Jahrmarkt zum "Mann mit dem Lachen" wird und sich als verschollener oder tot geglaubter Sohn eines Lords erweist und an den Hof geholt wird.

Letzten Endes geht es darum, die wahre Geschichte des von Kinderhändlern verunstalteten Kindes zu verbergen: Sein Vater war bekennender Republikaner, ein Gegner der Monarchie, die inzwischen längst mit Anne Stuart als Königin wieder in menschenverachtender Überheblichkeit regiert und intrigiert. Und dazu kommt noch eine Liebesgeschichte um die schöne blinde Dea, die Gwynplaine, der Mann mit dem Lachen, als Kind vor dem Erfrieren gerettet hat. Sie sieht nicht mit den Augen, aber dafür umso besser mit dem Herzen.

Genuss fürs Auge

Ein Mann steht vor der Kulisse eines Kirchenschiffes
Szene aus "Der Mann mit dem Lachen". Bildrechte: Stephan Floß

Rund 30 verschiedene Haupt- und Nebenrollen braucht es, um die Geschichte auf die Bühne zu bringen, dazu noch Chor und Ballett und oft wechselnde Schauplätze. Das tolle Bühnenbild von Sam Madwar hilft hier, den Überblick zu behalten: Wie er die technischen Möglichkeiten, Licht und Projektionen einsetzt, das ist der mit Abstand eindeutige Gewinn der Aufführung.

Doch die Dramaturgie kann mit der opulenten Optik nicht mithalten: Es fehlt leider oft an Spannung und Dynamik, die sehr schlichten Reime der Gesangstexte sind irgendwann nicht mal mehr mit Ironie zu ertragen. Regisseur Andreas Gergen nutzt die räumlichen Vorgaben, setzt immer wieder opulente Bilder, unterstützt von Simon Eichenbergers Choreografien.

Hauptsache laut?

Bei den Personen setzt Gergen auf Typen, Jannik Harneit (Gwynplaine) und Christian Grygas (Barkilphedro) können zum Glück auch Momente persönlicher Individualität einbringen. In der Musik blitzen viele Facetten auf, illustrierend, historisierend mit barocken Zitaten: Purcels "King Arthur" klingt an, nach Händel klingt es auch mal, es gibt Prunk und angerockten Pop, es gibt Motive, die sich wiederholen, Gefühle kommen nicht zu kurz, manches soll ironisch sein, etwa wenn Staatsbeamte im Charleston-Rythmus Formulare stempeln.

Mitunter kracht es ganz schön, Kompliment an die Tontechnik und an den Dirigenten Peter Christian Feigel, der dafür sorgt, dass dieser Stilmix doch nicht nur aufgeschäumt wirkt wie ein geschütteltes Mixgetränk.

Informationen zum Stück "Der Mann mit dem Lachen" an der Staatsoperette Dresden (Uraufführung)

von Frank Nimsgern (Musik), Tilmann von Blomberg (Buch) und Alexander Kuchinka (Liedtexte)

Musikalische Leitung: Peter Christian Feigel
Inszenierung: Andreas Gergen

Nächste Aufführungen: 28.+ 30. April; 2., 8., 12., 14. Mai

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 14:29 Uhr

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