Im Grünen auf 360-Grad Tag des offenen Denkmals: Empfehlungen für Sachsen-Anhalt

Digital Schlossparks und Barockgärten wie Hundisburg besichtigen oder virtuell mit der Mansfelder Bergwerksbahn unterwegs sein, dazu lädt der Tag des offenen Denkmals 2020 in Sachsen-Anhalt. In Bleesern bei Wittenberg empfängt ein ehemaliges "Schloss für Pferde" am Sonntag aber auch ganz reale Gäste. Bleesern gilt als die älteste erhaltene Gestütsanlage Europas – auch wenn für den Erhalt noch einiges zu tun ist. Unsere Empfehlungen für Sachsen-Anhalt, digital und analog.

Mehrere weiße Stühle stehen in einem Innenhof des Hofgestüts Bleesern.
Vor einem Open-Air-Konzert im ehemaligen Hofgestüt Bleesern bei Wittenberg Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.

Aschersleben: Bestehornhaus

Nicht viele DDR-Kulturhäuser haben die Wende überlebt. Schon ihre schiere, oft palastartige Größe macht eine Nutzung heute oft unerschwinglich. In Aschersleben liegt die Sache anders, die Geschichte des Bestehornhauses ist älter. Gestiftet wurde es von der Industriellen-Familie Bestehorn, mit dem Ziel ein Volkskultur- und Jugendheim zu schaffen. Erbaut wurde es 1908 in modernem Werkbundstil mitten in der Stadt; mit Bibliothek und Lesehalle, einem Saal für Theater und Musik mit umlaufender Galerie, Vereinszimmer und Kegelbahn. 1938 kam ein Bühnenhaus dazu. Außen mit großbürgerlicher Fassade in Beige, leuchtet das Foyer im warmen Gelbton, Holzpaneelen und Terrazzoboden sorgen für besondere Atmosphäre ebenso wie der Kronleuchter im Großen Saal.

Bestehornhaus
Schmuckstück: Der große Saal Bildrechte: Bestehornhaus - Aschersleber Kulturanstalt

Seit 1996 wird das ehemalige Volkshaus wieder genutzt, von Chören oder Tanzgruppen. Vereine haben dort ihren Sitz. Es gibt Ausstellungen und ein Kabarett-Festival im November. Mathias Pöschel, Geschäftsführer der Aschersleber Kulturanstalt, sieht Potenzial als Konzert- und Tagungsort und verweist auf den umfangreich sanierten Großen Saal, der 480 Menschen Platz bietet. Ein Schmuckstück mit Tanzparkett und einem formidablen Tonnengewölbe, das für eine hervorragende Akustik sorgt. Gerade machte dort deswegen auch der MDR-Musiksommer Station. Erleben lässt sich das Bestehornhaus am 13. September auch bei einem Konzert in der Reihe "Kaffee im Café"

Was, Wann & Wo Bestehornhaus - Kulturanstalt Aschersleben
Hecknerstraße 6
06449 Aschersleben
Telefon: 03473 / 226670

Öffnungszeit zum Tag des Offenen Denkmals
13.09.2020 | 11-15 Uhr
Eintritt frei
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Besucher sind dazu angehalten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen und den Desinfektionsspender im Eingangsbereich zu nutzen.

13.09.2020 | 15 - 17 Uhr
Konzertreihe "Kaffee im Café"
Unter dem Motto "Künstlerleben" musiziert der Violinist Zoltán Udvarnoki mit der Klavierkünstlerin Rita Asztalos. Auf dem Programm stehen Werke von Johannes Brahms, Josef Strauss, Francois Adrien Boieldieu.
Eintritt: 6 Euro

Bleesern bei Wittenberg: Hofgestüt

"Chance Denkmal – Erinnern. Erhalten. Neu denken" – das Motto des Denkmaltages 2020 passt besonders gut auf das Hofgestüt Bleesern. Auf den ersten Blick wirkt die Anlage wie eine Ruine. Dabei stand dort in der Elbaue zu Zeiten Augusts des Starken (1670-1733) einmal ein "Schloss" – für 500 bis 600 Pferde. Schließlich war der Bedarf an Schlachtrössern groß, Pferde dienten der Repräsentation als "beweglicher Thron". Die "Stuterei" wurde bereits 1449 erstmals erwähnt, so gilt Bleesern als die älteste erhaltene Gestütsanlage Europas – auch wenn für den Erhalt noch Einiges zu tun ist. Fachleute sehen in den Überresten außerdem das früheste Zeugnis des höfischen Dresdner Barocks. Baumeister Wolf Caspar von Klengel plante die symmetrisch angelegte Vierseitanlage mit Rundbogen-Toren, bekrönt von markanten Schlusssteinen nach dem Dreißigjährigen Krieg. Die Pracht muss so groß und Bleesern so anziehend gewesen sein, dass der Kurfürst gern und häufig dort weilte.

Seit 2010 macht sich ein Förderverein für den Wiederaufbau stark.
Seit 2010 macht sich ein Förderverein für den Wiederaufbau stark. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.

Im Förderverein engagiert sich auch die Kunsthistorikerin Insa Christiane Hennen, die vor 30 Jahren nach Wittenberg zog und bass erstaunt war, als sie sich bei einer Radtour durch die Elbwiesen in ein Tizian-Gemälde mit Kal V. versetzt fühlte. Tatsächlich weilte der Kaiser dort, nachdem seine katholische Liga in der Schlacht von Mühlberg 1547 über den Schmalkadischen Bund gesiegt hatte. Dem protestantischen Fürsten Johann Friedrich nahm er damals die sächsische Kurwürde ab. Er sprach sie dessen Vetter, dem Albertiner und Konvertiten Herzog Moritz von Sachsen, zu: Unweit von Mühlberg in Bleesern, das so Schauplatz der Weltgeschichte wurde.

Tag des offenen Denkmals 2020 Rundgang durch das Hofgestüt Bleesern

Seit 2010 macht sich ein Förderverein für den Wiederaufbau stark.

Luftansicht auf das Hofgestüt Bleesern.
Drei der vier Flügel der Anlage sind noch in Resten erhalten. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Luftansicht auf das Hofgestüt Bleesern.
Drei der vier Flügel der Anlage sind noch in Resten erhalten. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Alte Ansicht des Hofgestüts Bleesern.
So sah die Anlage um 1910 aus, Blick auf den Ost- und Südflügel sowie ein Taubenhaus. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Hofgestüt Bleesern
Bis zu 600 Pferde wurde im Hofgestüt gehalten. Schließlich war der Bedarf an Schlachtrössern groß, Pferde dienten der Repräsentation als "beweglicher Thron". Bildrechte: Deutsche Stiftung Denkmalschutz / Foto: Eckhard Wegner
Innenhof des Hofgestüts Bleesern. An einer Wand hängt ein Plakat mit einer Abbildung Kaiser Karls V.
Heute fast vergessen: Karl V. weilte einst in Bleesern, daran erinnert ein Transparent mit dem Tizian-Gemälde. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Hofgestüt Bleesern
Seit 2010 macht sich ein Förderverein für den Wiederaufbau stark, Experten sehen in der Anlage das früheste Zeugnis des Dresdner Barock. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Hofgestüt Bleesern in Seegrehna
Tatsächlich soll August der Starke gerne in Bleesern gewesen, heute veranstaltet der Förderverein hin und wieder Konzerte. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern
Hofgestüt Bleesern
Die Vision reicht weiter: Mit einem Ritt von Mühlberg nach Bleesern soll künftig an diese historische Begebenheit erinnert werden: Als Kaiser Karl V. mit seiner katholischen Liga in der Schlacht von Mühlberg 1547 über den Schmalkadischen Bund gesiegt hatte, nahm er dem protestantischen Fürsten Johann Friedrich die sächsische Kurwürde ab. Er sprach sie dessen Vetter, dem Albertiner und Konvertiten Herzog Moritz von Sachsen, zu: Unweit von Mühlberg in Bleesern, das so Schauplatz der Weltgeschichte wurde. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Ansicht des Hofgestüts  Bleesern asu der Vogelperspektive.
Irgendwann könnte es auf Bleesern auch wieder Stallungen geben. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Ein aufgebautes Gerüst im Hofgestüt Bleesern.
Oder gar eine Reiterherberge ... Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Mehrere weiße Stühle stehen in einem Innenhof des Hofgestüts Bleesern.
Zum Finale des Tages des offenen Denkmals 2020 kommt die Aufzeichnung eines Konzertes aus dem Hofgestüt Bleesern. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
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Zu DDR-Zeiten wurde daraus Sitz eines Genossenschaftsbetriebs. Nach der Wende kämpfte Mario Titze – Denkmalpfleger beim Landesamt in Halle – der lange über das Werk Klengels geforscht hatte, für den Erhalt. Zwei Abrissanträge konnte er verhindern und eine Notsicherung erreichen. 2017 gab es einen Preis von der Stiftung Denkmalschutz. Der Förderverein mit 55 tatkräftigen Mitgliedern möchte 2022 erstmals mit einem Reiterzug von Mühlberg nach Bleesern an die Geschichte erinnern, um sie neu zu denken und für den Erhalt des Hofgestüts zu werben. Damit es dort vielleicht in naher Zukunft wieder Stallungen oder gar eine Herberge für Wander-Reiter und Radtouristen gibt. Führungen gibt es sonntags auf Nachfrage und am Tag des offenen Denkmals. Zum Finale des Denkmaltages am 13. September kommt – Corona-bedingt – übrigens auch ein Konzert als Aufzeichnung aus Bleesern.

Hofgestüt Bleesern in Seegrehna
Die Rundbogenportale mit darüberliegendem ovalem Ochsenaugenfenster - eindeutig Frühbarock! Mit Planen verhangene Notdächer, bröckelige Backsteine und fehlende Gebäudeteile - eindeutig Baustelle. Bildrechte: Förderverein Hofgestüt Bleesern

Was, Wann & Wo Hofgestüt Bleesern
Am Anger 5
06888 Lutherstadt Wittenberg, OT Seegrehna

Führungen zum Tag des Offenen Denkmals
13.09.2020 | 11 - 17 Uhr

Führungen sonst sonntags für kleine Gruppen nach Voranmeldung möglich
14 - 17 Uhr

Konzert zum Abschluss des Denkmalstages
Mit dem Saxophonquartett clair obscur
13.09.2020 | 21 Uhr, Deutschlandfunk in der Reihe "Grundton D"

Dessau: Mausoleum

Das im 19. Jahrhundert errichtete Gebäude im Lehrpark für Tier- und Pflanzenkunde diente ehemals als Begräbnisstätte. Es steht heute unter Denkmalschutz – und leer. Sanierungsbedürftig ist es auch. Freiwillige der Jugendbauhütte Quedlinburg sind vor Ort im Einsatz. Zum Tag des offenen Denkmals führen sie durch das Gebäude, geben Auskunft über die Geschichte und erläutern ihre Arbeit. Die Jugendbauhütten sind ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ein ganzes Jahr lang können junge Menschen von 16 bis 26 Jahren in einer der bundesweit 16 Jugendbauhütten traditionelle Handwerkstechniken erlernen – und sie anwenden.

Das Mausoleum im Tierpark Dessau
Das Mausoleum im Lehrpark für Tier- und Pflanzenkunde Bildrechte: dpa

Was, Wann & Wo Mausoleum Dessau
Im Tierpark Dessau, Lehrpark für Tier- und Pflanzenkunde
Antoinettenstraße / Querallee
06846 Dessau-Roßlau
Telefon: 0340 8991002 (Förderverein)
03941 56 52 23 (Jugendbauhütte Quedlinburg)

Zum Tag des Offenen Denkmals findet eine virtuelle Führung durch das Mausoleum statt. Das Mausoleum selbst ist nicht geöffnet, kann aber von außen besichtigt werden.

Kermen: Dorfkirche St. Petrus und Paulus

Vor einigen Jahren war sie noch von Sträuchern und Efeu umwuchert. Dass sie überhaupt noch steht, scheint ein Wunder: Die romanische Dorfkirche entstand um 1300 als Feldsteinbau und erinnert an die Christianisierung im Osten des Heiligen Römischen Reiches. Umgestaltet wurde St. Petrus und Paulus Anfang des 18. Jahrhunderts im barocken Stil. Der in Blau, Weiß und mattem Gold gehaltene, hölzerne Kanzelaltar mit den Figuren der heiligen Petrus und Paulus ist ein kostbares Relikt aus der großen Zeit des Zerbster Fürstenhofes. Erhalten geblieben sind auch die Patronatsempore, Sitzbänke und Predigerstuhl sowie eine Bronzeglocke aus dem 13. Jahrhundert. Dabei entging die uralte Dorfkirche im Zweiten Weltkrieg nur knapp der Zerstörung. Anders als Zerbst, wo ab Ende 1944 ein Fliegerhorst mit der vermeintlichen Superwaffe, dem Strahljäger Me 262, eingerichtet worden war, was die Stadt zum Ziel der Alliierten machte. St. Petrus und Paulus diente damals als Ausguck gegen Tiefflieger zum Schutz des Fliegerhorstes.

Altar in der Dorfkirche Kermen
Blick auf den barocken Altar Bildrechte: Deutsche Stiftung Denkmalschutz

In den 50er-Jahren wurde die Dorfkirche gesichert, 1974 jedoch entwidmet, sie verfiel. In den 90er-Jahren wurde ein Notdach aufgezogen, das nicht mehr dicht hält. Seit 2005 engagiert sich Pfarrer Albrecht Lindemann für die Rettung der Kirche. Er mobilisierte die Leute in dem 50-Seelen-Ort zunächst, den Wildwuchs um die Kirche zu beseitigen und kämpfte für Mittel zur Sanierung. Den wertvollen, aber instabilen Altar kann er nicht nutzen. Eindringendes Wasser hat die Wände durchfeuchtet und gefährdet das Inventar, an dem der Holzwurm nagt. Nicht nur der Putz bröckelt. Trotz des maroden Zustands wird die Kirche durch die engagierte Gemeinde wieder genutzt für Trauungen, Andachten oder beim Kirchenfest St. Peter und Paul am 29. Juni. Ein Raum für Andacht, Musik und Stille soll sie wieder werden. Zum Tag des Offenen Denkmals am 13. September steht die Kirche zum Besuch offen, außerdem ist ein Konzert mit barocken Instrumenten geplant.

Was, Wann & Wo Dorfkirche Kermen
Lepser Str.
39264 Zerbst/Anhalt

13.09.2020 | 10 - 17 Uhr
Besichtigung und Konzert mit typischen Barockinstrumenten geplant

Hundisburg: Barockgarten und Landschaftspark Althaldensleben

Das monumentale Ensemble mit Schloss, rekonstruiertem Barockgarten und 100 Hektar großem Landschaftspark hat eine bewegte Geschichte. Zu DDR-Zeiten war die Anlage volkseigenes Gut, im Landschaftspark wurde Fußball gespielt. 1995 übernahm die Stadt Haldensleben Schloss und Garten und betraute den Verein KULTUR-Landschaft Haldensleben-Hundisburg als Träger. Seitdem wird die Anlage Stück für Stück restauriert. 2000 gab der im Juni 2020 gestorbene Magdeburger Bildhauer Heinrich Apel seine Sammlung dorthin. Die Ausstellungsräume sind am Tag des offenen Denkmals bei freiem Eintritt geöffnet. Interessant beim Rundgang draußen: Ein Spaziergang durch den historischen Obstgarten, der schon im 18. Jahrhundert Teil der barocken Anlage war. Seit der Rekonstruktion wird dort versucht, die historische Vielfalt samt Nathusius-Taubenapfel und Caraveilbirne wiederaufleben zu lassen.

Schloss Hundisburg mit Schlosspark
Schloss Hundisburg bei Haldensleben Bildrechte: Harald Blanke/Kultur-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e.V

Was, Wann & Wo Schloss Hundisburg
Schloss 1
39343 Hundisburg

Virtueller Rundgang durch Garten und Landschaftspark zum Tag des offenen Denkmals

13.09.2020 | 10 - 17 Uhr
Einen Besuch wert ist die Anlage aber auch. Geöffnet sind die Ausstellungsräume im Schloss bei freiem Eintritt. Führungen können Corona-bedingt nicht angeboten werden.

Mansfeld: Bergwerksbahn

Es gibt 2020 ein Doppeljubiläum zu feiern: 140 Jahre Bergwerksbahn, 100 Jahre Wipperliese. Den Tag des offenen Denkmals begehen die Enthusiasten digital. Zurück gehen die Anfänge des Bergbaus im Mansfelder Land auf die Entdeckung von Kupfer 1199. Im 19. Jahrhundert stieg die Produktion stark an. So begann 1880 der Bau einer Lokomotivförderbahn und der heute noch vorhandenen Bahnwerkstatt. 95 Kilometer Gleise wurden im Laufe der Zeit verlegt. Im Einsatz waren 705 Güter-, 30 Personenwagen, 23 Dampf- und sieben Dieselloks. Im Bestand sind heute noch drei Dampf-, zwei Dieselloks, zehn Personen- und 50 Güterwagen. Gefahren wird heute auch wieder, samstags und bis Anfang Oktober.

Die als "Wipperliese" bezeichnete Kleinbahn fährt am 16.09.2014 über den Hasselbach-Viadukt in Mansfeld (Sachsen-Anhalt).
Die "Wipperliese" auf dem Hasselbach-Viadukt bei Mansfeld Bildrechte: dpa

Was, Wann & Wo Mansfelder Bergwerksbahn e. V.
Hauptstraße 15
06308 Benndorf

Merseburg: 360-Grad-Rundgang durch den Dom

Einst war Merseburg Pfalz und Bischofssitz, ein bedeutendes mittelalterliches Machtzentrum der Ottonen. Nachdem es unter Otto II. und Otto III. kurzzeitig ins Abseits geraten war, kam es unter dem letzten Herrscher aus der Dynastie, Heinrich II., zu großer Blüte. Zu den Hoftagen auf dem Burgberg reisten Gesandte aus allen möglichen europäischen Ländern. Hier wurde große Politik gemacht, und mittendrin im Geschehen war Thietmar (975-1018) - laut Selbstbeschreibung ein kleines Männchen, verunstaltet durch eine gebrochene Nase und eine Fistel im Gesicht. Von Amts wegen war er Bischof und ein recht redseliger Chronist. Ohne ihn wären die  Anfänge der deutschen Geschichte wohl weit mehr im Dunklen geblieben. Sein Skriptorium kann noch heute besichtigt werden. Wer will, kann sich im Merseburger Schloss selbst in der karolingischen Minuskelschrift üben.

Merseburg Dom Kanzelblick
Der letzte der Ottonen, Heinrich II., ließ den Merseburger Dom erbauen. Weihe war am 1. Oktober 1021. Bildrechte: MDR/Martin Jehnichen

Oder er kann den Dom besuchen, den Heinrich II. erbauen ließ. Zur Weihe am 1. Oktober 1021 ließ der Kaiser ihn prachtvoll mit Schenkungen ausstatten. Auch die heute in Dom und Domschatz präsentierten Altarretabel, Skulpturen, Epitaphe, Gemälde und Handschriften, darunter die berühmten Merseburger Zaubersprüche, sind von besonderer kulturgeschichtlicher Bedeutung. Mithilfe der beiden Zauberformeln soll sich ein Gefangener von Fesseln befreien und ein verletzter Pferdefuß geheilt werden können! Geschrieben sind sie auf ein Blatt Pergament, das aus dem 9./10. Jahrhundert stammt und 1841 zufällig vom Historiker Georg Waitz entdeckt wurde. Es gilt als eines der ältesten Zeugnisse deutscher Literatur. Im Dom liegen außerdem die Gebeine von Rudolf von Schwaben, der sich einst zum Gegenkönig seines Schwagers Heinrich IV. wählen ließ und sehr verehrt wurde, darauf deutet auch die ihm zugeschriebene mumifizierte Hand, die im Merseburger Kapitelhaus verwahrt wird. Unter Bischof Thilo von Trotha (1466-1514) wurde der Dom spätgotisch überformt – bald darauf predigte hier Martin Luther. Ein Klangerlebnis der besonderen Art bietet die romantische Ladegastorgel.

Dieser Schauplatz einer mehr als 1000-jährigen Geschichte kann seit Mai trotz Corona wieder besichtigt werden. Wer sich erst mal zuhause einen Überblick verschaffen will, hat zum Tag des offenen Denkmals eine besondere Gelegenheit. Angeboten wird dann ein 360°-Rundgang durch den Kaiserdom und die verschiedenen Kapellen bis hinab in die Krypta und durch den Kreuzgang. Willkommen im digitalen Dom!

Ladegast-Orgel im Merseburger Dom
Ladegast-Orgel im Merseburger Dom Bildrechte: Eckehard Schulz/dapd

Was, Wann & Wo Merseburger Dom, Domschatz und KinderDomusMerseburch
Domplatz 7
06217 Merseburg

Öffnungszeiten
Montag - Freitag 11 - 18 Uhr
Samstag 9 bis 18 Uhr
Sonntag, kirchliche Feiertage: 12 - 18 Uhr

Öffentliche Domführungen können wieder täglich stattfinden.

Ausstellung im Romanik-Zentrum
Unter dem Titel "aus perspektivischen Bildern orthographische Projectionen (…) konstruieren" zeigt das Europäische Romanik-Zentrum zum Tag des offenen Denkmals historische Messbilder aus dem Archiv des Instituts für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Universität Halle.
13.09.2020 - 11 - 18 Uhr

50. Orgelfesttage
Derzeit finden die 50. Orgelfesttage in Merseburg statt. Zum Programm gehört auch der Festgottesdienst am 13. September mit dem Domkapitel und dem Collegium Vocale Leipzig,
Orgel: Denny Wilke, Leitung und Orgel: Domorganist Michael Schönheit.
13.09.2020 | Ab 10 Uhr

Wittenberg und Mansfeld: Luther erleben

Wittenberg sollte der zentrale Eröffnungsort für den Tag des offenen Denkmals 2020 sein, wegen des vorbildhaften Umgangs der Stadt mit der Denkmalsubstanz, wie es hieß. Nun findet der Tag des offenen Denkmals vor allem digital statt. Die Stiftung Luthergedenkstätten lädt aber auch zum Besuch vor Ort. So gibt es eine Führung unter dem Titel "Luthers Bauten - Bauen durch und für den Reformator": Es geht auf Spurensuche durch das Lutherhaus, das in seiner 500-jährigen Geschichte nicht nur Reformatorenheimstatt, sondern auch Spital, Kloster oder Universitätsgebäude war – und nun Museum ist. Details weiß Mirko Gutjahr von den Luthergedenkstätten, etwa, dass einer der prominentesten, aber auch schwierigsten Bauherren Luther selbst war, bei dem man sich als "Auftragnehmer" auch schon mal einen Höllenfluch einhandelte.

Lutherhaus Wittenberg
Lutherhaus in Wittenberg, der Reformator war einer der schwierigsten Bauherren. Bildrechte: IMAGO

Dank großem bürgerschaftlichen Engagement konnte Luthers Elternhaus in Mansfeld gerettet werden. Darüber wird am Tag des offenen Denkmals vor Ort bei einem Vortrag mehr zu erfahren sein: "Vom Familiensitz zur Luthergedächtnisstätte". Auf einem Vierseitenhof wuchs der Sohn einer Hüttenmeisterfamilie auf. Die Geschichte der Rettung begann schon am Ende des 19. Jahrhunderts, in der Gegenwart führten archäologische Funde zum Bau eines neuen Museums, das sich mit der Kindheit des späteren Reformators beschäftigt.

Digital steuert die Stiftung Luthergedenkstätten zwei Videobeiträge bei. Was Nachhaltigkeit in der Denkmalpflege heißt, soll am Beispiel des Melanchthongartens "aus einem überraschend anderen Blickwinkel" gezeigt werden. Vermittelt werden sollen außerdem Baugeschichten aus Luthers Geburts- und Sterbehaus in Eisleben, die heute Museum sind. Beide Videos gehen zum Tag des offenen Denkmals auf dem YouTube-Kanal der Stiftung Luthergedenkstätten online.

Luthers Elternhaus in Mansfeld
Luthers Elternhaus in Mansfeld Bildrechte: imago/Köhn

Was, Wann & Wo Angebot in Wittenberg
Sonntag, 13.09.2020, 11 - 13 Uhr
Führung: "Luthers Bauten – Bauen durch und für den Reformator"

Lutherhaus
Collegienstraße 54
06886 Lutherstadt Wittenberg


Angebot in Mansfeld
Sonntag, 13.09.2020, 11 - 14 Uhr
Vortrag: "Vom Familiensitz zur Luthergedächtnisstätte"
    
Luthers Elternhaus
Lutherstraße 26
06343 Mansfeld

Die Teilnahme an den Führungen bzw. Vorträgen ist kostenfrei. Wegen Corona gelten besondere Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen. Die Teilnehmerzahl ist jeweils begrenzt. Um Anmeldung wird gebeten: Per Mail im Servicebüro der Stiftung Luthergedenkstätten an service@martinluther.de oder telefonisch unter 03491 / 4203-171