Sachbuchempfehlung "Blue Mind": Wie Wasser uns glücklicher macht

Flüsse, Seen und natürlich das Meer – sie ziehen uns magisch an. Warum wollen wir am Meer Urlaub machen oder am liebsten dort wohnen? Wie bringt das Wasser uns Ruhe und reduziert Stress? Der amerikanische Meeresbiologe Wallace J. Nichols erzählt in seinem Buch "Blue Mind. Wie Wasser uns glücklicher macht" anhand von Neurowissenschaft, Evolutionsbiologie und Medizin, warum wir uns am Wasser so wohlfühlen.

Blue Mind – Blaues Bewusstsein – mit seiner Wortschöpfung beschreibt der Meeresbiologe Wallace J. Nichols den speziellen Zustand, in den wir kommen, wenn wir auf Wasser blicken und wenn wir uns darin bewegen. Ein leicht meditativer Zustand, der sich "durch Friedlichkeit, Einheit und ein allgemeines Glücks- und Zufriedenheitsgefühl mit dem Leben in diesem Augenblick auszeichnet", wie er schreibt. Blue Mind ist ein bisschen verwandt mit der "Achtsamkeit", die sich in den letzten Jahren an den Mainstream herangearbeitet hat, aber kein Ersatz dafür ist, sondern eher eine Ergänzung.

Der Meeresbiologe Wallace J. Nichols

Wallace J. Nichols
Wallace J. Nichols ist Meeresbiologe und Sachbuchautor Bildrechte: Wallace J. Nichols

Die Leidenschaft für das Meer durchdringt Nichols als Mensch und als Wissenschaftler. Er lebt in der Nähe von San Francisco, an der Pazifikküste. Der Meeresbiologe forscht an der California Academy of Sciences und engagiert sich in zum Teil selbst gegründeten Naturschutznetzwerken: Ocean Revolution, SEEtheWILD und LiVBLUE. Nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe 2010 stand er mit am Strand und hat Vögel gereinigt, mit den Menschen dort steht er bis heute im Kontakt. Um zu erfahren, was das Wasser mit uns macht, versammelt Nichols seit Jahren Psychologinnen und Psychologen, andere Forschende, Sporttreibende, Kunstschaffende und Geschäftsleute und veranstaltet jedes Jahr eine Blue-Mind-Tagung, die Wissens-Plattform für dieses Buch.

Wasser belohnt uns

Nichols zitiert in seinem Buch "Blue Mind" aus zahlreichen Studien, die zeigen, dass die Hirnforschung die positive Wirkung von Wasser mittlerweile belegen kann: Wenn unser Blick über Wasser schweift, wird das Belohnungssystem aktiviert, ein Areal voller Opioid-Rezeptoren, die Wohlbefinden auslösen. Was insofern nicht verwundert, als der Homo Sapiens 100.000 Generationen lang in der Natur gelebt hat, bevor wir anfingen Städte zu bauen. Eine Tatsache, die unserem Bewusstsein entzogen ist. Genauso wie die, dass jede und jeder von uns die ersten neun Monate im Wasser verbracht hat.

Wallace J. Nichols: Blue Mind. Wie Wasser uns glücklicher macht
Aus Wallace J. Nichols' Leideschaft für das Meer ist das Buch "Blue Mind. Wie Wasser uns glücklicher macht" entstanden. Bildrechte: S. Hirzel Verlag

Unser Gehirn schafft sich ein Abbild von der uns umgebenden Welt: Der Anblick von Wasser, wie auch sein Geruch und Geräusch, sind grundsätzlich vertraut – und verändern sich gleichzeitig. Die immer neuen Eindrücke würden unser Gehirn unterhalten, erklärt Nichols. Regelmäßigkeit ohne Monotonie laute das vollkommene Rezept für die Auslösung unwillkürlicher Aufmerksamkeit. Dieser Zustand nicht gerichteter Aufmerksamkeit sei es auch, der kreative Prozesse in Gang setzt, weil er die Erzeugung neuartiger und unerwarteter Assoziationen ermöglicht. Vielleicht, weil Wasser den "Flow" bietet, finden viele Kunstschaffende einen Platz am Meer, an einem See oder Fluss. Hier entstehen auch Orte der Kunst – denken wir an Ahrenshoop, Giverny oder Cornwall in Südengland.

Wasser macht uns gesund

Ein Surfer steht auf einem Surfbrett
Besonders Surfen bringt den Dopamin-Kick. Bildrechte: Colourbox.de

Surfen, das Reiten großer Wellen, löst im Gehirn einen wahren Hormonsturm aus – Dopamin, Endorphine – und die seien imstande, so Nichols, selbst Süchtige verschiedenster Art von ihrem Leiden zu erlösen, wenn sie beschließen die Drogen oder den Alkohol durch das Surfbrett zu ersetzen. Nichols hat hier viele und teils beinahe unglaubliche Beispiele zusammengetragen: Er erzählt beeindruckende Fallgeschichten ehemaliger Soldaten aus dem Irak oder Afghanistan, denen Gliedmaßen fehlen, die unter Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden und mittels Wellenreiten oder Kajak-Angeln wieder Lust am Leben fanden. Oder er berichtet von autistischen Kindern, die über die sinnliche Erfahrung des Wassers besser in Verbindung mit der Umwelt kamen.

Er widmet sich aber auch weniger spektakulären Beschäftigungen im und am Wasser – von Angeln bis Stehpaddeln, Schwimmen natürlich – alles sehr gesund, alles gut, man möchte gleich loslegen.

Wasser ist schützenswert

Nichols fordert mehr Wertschätzung und Einsatz für die Ozeane und alle sonstigen Gewässer, letztlich die Natur überhaupt. Mit einer interessanten Argumentation: Nichols ist überzeugt davon, dass negative Botschaften und Schuldzuweisungen, wie man sie oft hört von Naturschützenden, – der problembasierte Ansatz – eher nicht funktioniert. Wir müssten dafür sorgen, dass wir in eine positive Beziehung kommen – zum Meer und generell zur Natur. Im Sinne dessen, was schon Jacques Cousteau sagte, (dessen Enkelin übrigens das Vorwort geschrieben hat): "Man beschützt das, was man liebt." Es seien nun mal vor allem Gefühle und nicht bloß vernünftige Gedanken, die das menschliche Verhalten bestimmten. Er zitiert einen Hirnforscher, der da sagt, man solle Kinder 20 oder 30 Mal in ihrer Kindheit an den Strand bringen (oder notfalls ein anderes Gewässer), damit sie lernen, es zu lieben und die positiven Gefühle mit der Zeit Teil ihrer Persönlichkeit werden.

Denn eins steht fest, so der Autor – und wir fangen vielleicht gerade an, es zu begreifen: Menschliche Gesundheit ist untrennbar mit intakter Natur verknüpft. Und indem wir uns in die Natur, ins Wasser, begeben und verstehen, dass wir zu ihr gehören und sie zu uns – kommen wir im besten Fall zu einer Einstellung, die uns dazu bringt, uns für ihre Bewahrung zu engagieren. Blue Mind im umfassenden Sinn.

Es ist ein erzählendes Sachbuch im besten Sinn, das sich flüssig liest, dafür haben englischsprachige Autorinnen und Autoren ja bekanntlich ein Händchen. Zu empfehlen allen, die Wasser lieben, sich für seine positive Wirkung interessieren – und für den Schutz der blauen Murmel – die eigentlich Ozean heißen müsste und nicht Erde – denn über 70% bestehen aus Wasser.

Steine am Strand (Meer)
Die Bewegungen des Wassers: Regelmäßigkeit ohne Monotonie laute das vollkommene Rezept für die Auslösung unwillkürlicher Aufmerksamkeit, den "Blue Mind"-Zustand. Bildrechte: IMAGO

Informationen zum Buch "Blue Mind. Wie Wasser uns glücklicher macht"
von Wallace J. Nichols

Erschienen im Hirzel-Verlag
ISBN 978-3-7776-2841-7
320 Seiten
25 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Oktober 2020 | 06:10 Uhr