Lyriksammlung "Tisch und Bett" Wiglaf Droste – noch einmal Gedichte zwischen Komik und Abgrund

Wiglaf Droste war für seine Weggefährten und Kollegen der "Tucholsky von heute". Der polemische Satiriker schrieb freche Glossen für die "taz" und den Berliner "Tagesspiegel". Im Mai 2019 starb er an Leberzirrhose. Posthum ist nun ein Band mit bisher unveröffentlichten Gedichten von ihm erschienen. "Tisch und Bett" behandelt die Liebe, das Reisen oder die Politik, ist aber auch von seiner Krankheit gezeichnet – berührend, tief beeindruckend und mit Zukunftspotential, meint unser Kritiker.

Autor Wiglaf Droste
Autor Wiglaf Droste starb im Mai 2019 mit nur 57 Jahren. Bildrechte: Kunstmann Verlag/ Axel Martens

Im Winter 2018/19 hat Wiglaf Droste geordnet, was ihm an lyrischen Texten seiner letzten Zeit wichtig war. Die geplante Publikation sollte den Abschluss einer Art Trilogie bilden. Sie knüpfte an die 2005 und 2015 erschienenen Gedichtbände "Nutzt gar nichts, es ist Liebe" und "Washabi dir nur getan?" an.

Während dieser Arbeit war Droste schon von schwerer Krankheit gezeichnet. Diese taucht gegen Ende des Buches immer häufiger als Motiv auf. Man stößt auf etliche sehr berührende Gedichte aus dem Klinikmilieu. Auch ein Poem ist dabei, in dem es um "Freund Hein" geht, der auf dem Sprung ist, Droste ins Jenseits abzuholen. Das Gedicht wirkt spöttisch, aber wenn man genauer hinschaut, ist es ein Humor der Verzweiflung, der sich in diesen Zeilen niederschlägt. Auch findet sich ein Text über die Ursache seiner gesundheitlichen Misere: den Alkoholismus, den er nicht dauerhaft zu überwinden vermochte. Darin heißt es "Sucht ist eine böse Frucht, / sie bedeutet Flucht mit Wucht. / Und so ist man suchtverflucht, / wenn man sucht und sucht und sucht."

Liebes- und Reisegedichte und eine Hymne auf Leipzig

Buch von Wiglaf Droste
Cover des Buches "Tisch und Bett" von Wiglaf Droste Bildrechte: Kunstmann Verlag

Der Autor widmet sich aber auch anderen Themen: Es gibt beispielsweise viele wunderbare Liebesgedichte. Die sind zum Großteil Frucht einer späten Ehe. Droste hatte 2017 geheiratet und durfte offenbar noch einmal ein großes Glück genießen. Das lässt sich zumindest in Anbetracht des sinnlich-schwärmerischen Tons seiner Verse vermuten.

Tief beeindruckend sind auch die Reisegedichte, in denen er über Aufenthalte in Frankreich, Portugal und Italien reflektiert. Imponierend ist außerdem eine Hymne auf Leipzig – die Stadt, in der Droste bis kurz vor seinem Tod lebte. Dieses Bündel an Versen besitzt Zukunftspotenzial. Das kann man auch in 50 Jahren noch zur Hand nehmen.

Wie auch in seinen früheren Büchern greift Wiglaf Droste in "Tisch und Bett" wieder politische Motive. Die Rolle des politischen Provokateurs ist Droste auf den Leib geschneidert. Besonders vehement zieht er gegen die AfD zu Felde. Da hagelt es schon mal Formulierungen wie "Zivilisiert wird Gauland nie, / wenn er auch so tut, und wie!, / kriegt man Vaterlands-Phobie". Aber auch die Grünen, die FDP und die SPD bekommen bei ihm ihr Fett weg, wenn auch diese Verse eher schwach sind. Sie haben eine eher kurze Halbwertszeit, um einen Begriff aus der Atomphysik zu benutzen. 

Originelle Wortspiele geschickt gereimt

Rezensenten schätzten Wiglaf Droste vor allem wegen seiner Variabilität der Formen. Auch diese Vielfalt bewahrte er sich bis zuletzt. Er konnte sehr geschickt reimen und bediente sich dabei origineller Wortspiele. Seine erklärte Spezialität waren Zweizeiler. Ein Beispiel: "Willst du die Birne aus dem Hirne nicht verlieren, / musst du dich internetzig absentieren." Aber er benutzte auch gern das Couplet, eine Art Lied mit markantem Refrain. Ebenso liebte er die Haikus, prägnante Kurzgedichte nach japanischem Muster.

Als großes Vorbild diente Droste allen voran der in Wurzen geborene Joachim Ringelnatz – sein absoluter Favorit, von dem er etliche Strophen auswendig wusste. Aber auch eine Nähe zu Autoren wie Wilhelm Busch, Erich Kästner, Christian Morgenstern sind zu bemerken. Ganz enge Verknüpfungen existierten zu Peter Hacks. Droste beherrschte die Kunst der Heiterkeit, ohne dabei Toleranz zu verleugnen. Das adelt ihn.

Angaben zum Buch Wiglaf Drostes Lyriksammlung "Tisch und Bett"
Kunstmann Verlag, 2020
256 Seiten
ISBN: 978-3-95614-356-4
18,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Februar 2020 | 08:10 Uhr