"Wilhelm Tell"-Premiere am Nationaltheater Weimar
Szene aus "Wilhelm Tell": Krunoslav Šebrek (Wilhelm Tell, Mitte) und Ensemble Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz

Premiere zum Auftakt der "Woche der Demokratie" DNT Weimar holt "Wilhelm Tell" aus dem Theatermuseum

Mit einer "Woche der Demokratie" wird in Weimar gerade an die verfassungsgebende Nationalversammlung erinnert. 100 Jahre ist das her. Da scheint es kein Zufall zu sein, dass nun am DNT "Wilhelm Tell" zur Premiere kam, denn auch in Schillers Stück geht es um eine Verfassung: Die Schweizer Stämme trafen sich auf einer Bergwiese, dem Rütli, und schworen, einig und frei zu sein. Ist die Aufführung der Beitrag des Theaters zum Verfassungsjubiläum? Und was ist seine Botschaft? Unser Kritiker hat die Premiere gesehen und findet sie gelungen.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

"Wilhelm Tell"-Premiere am Nationaltheater Weimar
Szene aus "Wilhelm Tell": Krunoslav Šebrek (Wilhelm Tell, Mitte) und Ensemble Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen FREI SEIN, wie die Väter waren!

Rütli-Schwur in Schillers "Wilhelm Tell"

So lautet der Rütli-Schwur bei Friedrich Schiller – und die Botschaft, fangen wir mal damit an, ist ziemlich eindeutig. Wenn man vom Schluss der Inszenierung her denkt: Da sehen wir die Schweizer, die sich hinter Draht und Zaun verschanzt haben – eine Festung Schweiz. Und diese Schweizer rufen: "Freiheit", "Frei sein". Dieses Rufen geht über in ein Blöken von Ziegen und Schafen. Die Botschaft lautet also: Was ist Freiheit wert in einer ausweglosen, eingemauerten Situation?

Was ist die Freiheit wert?

"Wilhelm Tell"-Premiere am Nationaltheater Weimar
Premiere kurz vor dem Auftakt zur "Woche der Demokratie" in Weimar Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz

Wir sind also nicht im Theatermuseum, sondern erleben eine Auslegung des Textes für unsere Zeit. Gibt es trotzdem eine Erinnerungsebene an das, was vor 100 Jahren passiert ist? Es gibt eine Projektion eines Fotos auf der Bühne. Es zeigt die verfassungsgebende Versammlung in Weimar. Aber es wird auch im Bühnenbild und in den Kostümen mit den 200 Jahren gespielt, die das Stück auf dem Buckel hat. Stichwort: Fellmäntel, Kuhglocken, Alphörner und Bärenfellmützen – so wie man sich den Ötzi im Museum ansehen kann.

Das ist natürlich auch ironisch gemeint und gespielt, diese Anverwandlung an die Zeiten der Uraufführung 1804 oder die folgenden Inzenierungen im Revolutionsjahr 1848, in der Zeit der Reichsgründung 1870/71, im Verfassungsjahr 1919 und letztlich auch im Wendejahr 1989, als Christoph Schroth in Schwerin – mit Schiller könnte man sagen – die Tyrannei des DDR-Staates damit anprangerte. Übrigens wurde das Theater in Weimar mit der Inszenierung von 1919 in Deutsches Nationaltheater (DNT) umbenannt – auch das nicht ganz unwichtig.

Bei dieser Reise in die Geschichte des Stücks, die man in einem interessanten Essay im Programmheft nachlesen kann, fragt Beate Seidel, die Chef- und hier auch Stückdramaturgin nach dem Heute. Zentral sind die Figuren Attinghausen und Stauffacher, "die Heimat als Land der Väter in Abgrenzung zum Fremden beschreiben". Damals sei die Konstellation "Habsburg kontra Kantone" gewesen, heute seien es "globale Ansprüche" einerseits und "vaterländische Befindlichkeit" andererseits, sagt Seidel.

Szene aus dem Theaterstück 'Wilhelm Tell' am DNT Weimar
Rütli-Schwur auf offener Bühne und vor historischer Szene, der Verfassungsgebenden Versammlung im DNT im Februar 1919 Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz

Ein Stück als Echolot

Was in Weimar auf die Bühne kommt, ist also das Stück, aber auch eine Auseinandersetzung über den Stück-Gebrauch bzw. Missbrauch, je nach Zeit und System. Dazu trägt das sehr gelungene, klare Bühnenbild von Oliver Helf bei. Auf der eigentlich leeren Bühne wird mit den Elementen Feuer und Wasser gespielt – und mit Stahl. Von einem zentralen Berg in Pyramidenform kann man runter ins Tal schauen, also auf die Vorbühne, wo meistens gespielt wird. Dort steht dann ein Baugerüst mit Brettern drauf, soll heißen: In der weiten Welt muss man vorsichtig sein. Nicht in den Bergen, sondern in der weiten Welt ist Trittsicherheit überlebenswichtig. Diese Bildidee nehmen auch die Kostüme von Nini von Selzam auf.

Szene aus dem Theaterstück 'Wilhelm Tell' am DNT Weimar
Auf der Bühne und privat eine Familie: Krunoslav Šebrek (Wilhelm Tell, Mitte), Nadja Robiné (Hedwig Tell) und Nicolai Šebrek als Tells Sohn Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz

Man kann sich das so vorstellen, wie bei einem Stein, den man ins Wasser wirft: Der Stein ist die Schweiz, dafür stehen ganz ursprüngliche Fell-Kostüme. Je weiter sich die Kreise nach außen ausbreiten, desto moderner werden die Kostüme. An der Schweizer Grenze reicht es dann schon zum Trenchchoat. Ganz außen ist es sportliche Funktionswäsche von heute – Typ Skilehrer, getragen vom Neffen des von Attinghausen. Dieser Neffe geht in die weite Welt und ist – kleine Textimprovisation auf der Bühne – heute bei einer Fashionweek in New York und morgen mit dem Cabrio in den spanischen Weinbergen unterwegs. Das ist alles präzise beobachtet, gut auf die Stückfiguren abgestimmt und diese Überschreibung macht auch sehr viel Spaß beim Zuschauen.

Tyrannenmord und Heimat-Frage

Um nun auf die Handlung und die berühmte Szene mit dem Apfelschuss und den Rütli-Schwur zurückzukommen: Es gibt drei Handlungsstränge; die Freiheitsgeschichte mit dem Rütli-Schwur, in der sich die Schweizer treffen und also Eidgenossen werden im Kampf gegen die Fremdherrschaft, den habsburgischen Kaiser und seinen Statthalter. Erzählt wird die Geschichte, wie Tell dem Tyrannen seinen Gehorsam verweigert und zur Strafe seinem eigenen Sohn den Apfel vom Kopf schießen muss. Später rächt sich Tell und ermordet den Tyrannen, der hier mit rotem Basecap a la Trump – vervielfacht als Chor – auftritt. Und dann ist da noch die Geschichte zwischen dem Neffen (der hier Skilehrer ist) und Berta von Bruneck (seiner Ski-Schülerin) und dem Onkel Attinghausen, in der es zentral um die Heimatfrage geht.

Den Spagat zwischen Einfühlung in die Rolle und einem postdramatischen Darüberstehen bekommen die neun Schauspieler, die sich die Rollen aufteilen, gut hin. Nur Nadja Robiné als Tells Frau wirkt etwas zu eindimensional. Ihr Sohn, auf der Bühne und auch im realen Leben, Nicolai Šebrek hat eigens für den zentralen Auftritt in der Apfelschuss-Szene einen Schluckauf hinzuerfunden, was natürlich eine ausgebuffte Idee ist, Aufmerksamkeit zu kriegen. Also, das wird ein großer, großer Schauspieler, der so anfängt!

Aktuell und unterhaltsam inszeniert

Ein starker Moment ist dann der des Rütli-Schwurs: Alle Arten von Schwüren – von Pfadfinder bis Olympia – ertönen. Der eigentliche kommt dann wie ein Echo zunächst hinterhergesetzt, als die Eidgenossen schon von der Bühne abgehen und wird dann im gesamten Zuschauerraum nachgesprochen – bei Saallicht, dort, wo vor 100 Jahren die Nationalversammlung tagte.

"Wilhelm Tell"-Premiere am Nationaltheater Weimar
Hasko Weber, DNT-Generalintendant, verliest die "Erklärung der Vielen" Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz

Nicht nur dieses Finale zeigte, dass Regisseur Jan Neumann sein Handwerk beherrscht – und hier einen klugen, unterhaltsamen, aktuellen Abend hinlegte, der sich in die Inszenierungshistorie auf Augenhöhe einfügen wird. Ein Abend, der auch nicht plakativ ist. Das einzige Plakat war vor der Aufführung zu sehen, als die Thüringer Intendanten auf die Bühne des DNT traten und sich mit einer "Erklärung der Vielen" zu Wort meldeten, die ein Plädoyer ist für ein aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein, Toleranz und Respekt.

Infos zum Stück Friedrich Schiller: Wilhelm Tell

Jan Neumann (Regie)
Oliver Helf (Bühne)
Nini von Selzam (Kostüme)
Johannes Winde (Musik)
Beate Seidel (Dramaturgie)

Weitere Aufführungen:
08.02. / 21.02. | 19:30 Uhr
03.03. | 16:00 Uhr
23.03. | 19:30 Uhr
11.04. | 19:30 Uhr
03.05. | 19:30 Uhr
12.06. | 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Februar 2019 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 13:59 Uhr

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