Buchrezension "Freiheiten": Zadie Smith sorgt für inspirierende Stunden

"Zähne zeigen" hieß der Roman, der die junge englische Schriftstellerin Zadie Smith vor knapp 20 Jahren auf einen Schlag berühmt machte. Dieses Debüt blieb kein One-Hit-Wonder, denn auch alle weiteren Bücher von ihr wurden von Lesern und Kritikern zugleich gern gelesen, u.a. "Von der Schönheit", "London NW" und zuletzt "Swing Time". Mit leichter Hand geschrieben, sind es doch Romane, die immer auch gesellschaftlich relevante Themen behandeln. Nun hat Smith eine Sammlung von Essays veröffentlicht.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Die britische Autorin Zadie Smith
Zadie Smith wurde 1975 im Nordwesten Londons geboren. Bildrechte: dpa

"Freiheiten", dieser Titel steht bei Zadie Smith für zwei Dinge: Zum einen dafür, wie Smith sich das eigene Schreiben eroberte, wie sie sich regelrecht frei schrieb und ihr dabei die Lektüre anderer Schriftsteller half. So habe sie sich unter anderem von Philip Roth die Freiheit abgeschaut, dass literarische Figuren ambivalent sein dürfen, weil diese Ambivalenz die Geschichten erst interessant mache. Und zum anderen steht "Freiheiten" für die großen, umfassenden Freiheiten, die sich der Mensch bewahren und immer wieder erobern oder erkämpfen muss.

Was Schriftsteller von Tänzern lernen können

Die Titel der fünf Kapitel dieses Buches sprechen für sich: "In der Welt", "Im Publikum", "In der Ausstellung", "Im Bücherregal" und schließlich "Freiheiten". Ziemlich genau werden hier die Interessengebiete von Zadie Smith abgesteckt, ist sie doch auch als Person in der Welt verankert. Geboren im Nordwesten Londons als Tochter eines Engländers und einer Jamaikanerin, lebt sie heute in New York, nachdem sie auch in Rom längere Zeit verbracht hat. Alles Orte, die sich die Schriftstellerin nicht nur, aber auch über die Literatur und die Kunst erobert hat. So erzählt sie zum Beispiel von einer kleinen Londoner Stadtteil-Bibliothek, in der sie als Kind Dauergast war und die nun abgerissen werden soll, um am selben Ort Luxuswohnungen zu errichten.

Außerdem setzt sich Zadie Smith kritisch mit Mark Zuckerberg, dem Erfinder von Facebook, auseinander, kommentiert den Brexit, und schreibt über das Badezimmer ihrer Eltern als Symbol sozialen Aufstiegs. 

Auch erfahren wir, wie sie eines Tages plötzlich die Sängerin Joni Mitchell begreift und – ein besonders origineller Essay – was Schriftsteller von Tänzern lernen können: Nämlich aus alltäglichen Schrittfolgen Kunst zu machen, so wie Gene Kelly, wenn er in "Singing in the Rain" mit einem Laternenpfahl tanzt oder so wie Beyoncé, wenn sie tanzend mit ihrem Körper den weiblichen Willen demonstriert. So fasziniert ist Zadie Smith davon, dass sie von Tänzern viel über Haltung, Rhythmus und Stil gelernt habe. 

Bodenhaftung, Humor und das Leben

Neben der Themensetzung ist es vor allem das Wie, das an diesem Buch überzeugt: Zadie Smith nähert sich ihren Themen mit einer offenen Neugier und zugleich ganz uneitel. Natürlich merkt man in jeder Zeile, dass hier eine kluge und belesene Frau schreibt, aber es ist eben auch eine Frau mit Bodenhaftung und Humor und mit einem Leben, das ihr immer mal wieder dazwischen kommt. Eine Frau, die auch von ihren Zweifeln und Unsicherheiten berichtet und dabei nicht vorgibt, schlauer zu sein als ihre Leser und Leserinnen.

Auszug aus "Freiheiten" "Wenn ich irgendwo beim Abendessen neben einer Person zu sitzen komme, die genauso viel über Romane weiß wie ich, daneben aber noch den inneren Raum gefunden hat, die Oper zu lieben und sich damit auszukennen, eine starke Meinung zur relativen Rangordnung von Renaissancemalern zu vertreten oder ein enzyklopädisches Wissen über den englischen Bürgerkrieg oder französische Weine zu haben – dann spüre ich eine Beklommenheit, die über den bloßen Neid hinaus ins Existenzielle reicht. Wo hat sie bloß die Zeit dafür gefunden?"

Fühlen Sie sich frei

Über 500 Seiten dick, kommt einem bei dieser Essaysammlung irgendwann das Wort "schmökern" in den Sinn, auch wenn es eher für Romane reserviert ist. Denn auch in "Freiheiten" taucht man mühelos ein und lässt sich leicht mitreißen. Dabei muss man gar nicht alle Essays hinter einander weg lesen, man kann auch vor- und zurückblättern, schauen, welche Themen besonders interessieren. Weshalb der englische Originaltitel des Buches besonders gut passt "Feel free", also "Fühle dich frei" oder "Fühlen Sie sich frei", was man als Aufforderung verstehen kann. Oder als Einladung, Zadie Smith in ihre intellektuelle Welt zu folgen, sich einzulassen auf ihre Überlegungen zur Kunst, zur Literatur, zu allem, was sie gerade bewegt. Wer so frei ist, dieser Einladung zu folgen, der wird einige inspirierende Stunden verleben.

Informationen zum Buch Zadie Smith: "Freiheiten"
Kiepenheuer & Witsch
Titel der Originalausgabe: "Feel Free"
Aus dem Englischen von Tanja Handels
ISBN: 978-3-462-31946-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 19. Juni 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2019, 04:00 Uhr

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