Premiere "Engel in Amerika" in Magdeburg – ein Stück aus Licht über düstere Themen

Das Magdeburger Schauspielhaus feiert eine außergewöhnliche Doppel-Premiere: "Engel in Amerika" ist ein Zweiteiler von insgesamt sechs Stunden Länge, aufgeführt an zwei Abenden. Das Stück ist ein Sittengemälde der USA der 1980er-Jahre. In dieser Zeit wurde zum ersten Mal die Krankheit Aids diagnostiziert, jedoch von der konservativen Gesellschaft geleugnet. Tony Kushner hat das preisgekrönte Theaterstück Anfang der 90er-Jahre geschrieben, als eine scharfsinnige Analyse der Gesellschaft.

Engel in Amerika
Irgendwann sind sie auch zu sehen, die titelgebenden Engel Bildrechte: Andreas Lander, Schauspielhaus Magdeburg

Es ist schon erstaunlich, wie aktuell ein Theaterstück über Jahrzehnte bleiben kann. Gemeint ist hier kein Klassiker, sondern der Anfang der 1990er-Jahre von Tony Kushner geschriebene Zweiteiler "Engel in Amerika". Denn ein Protagonist dieses Sittengemäldes der USA  in den 80er-Jahren ist der erzkonservative Anwalt Roy Cohn – und dessen Beziehung zu Donald Trump.

Bühnenszene - Engel in Amerika, Theater, Magdeburg 4 min
Bildrechte: Andreas Lander, Schauspielhaus Magdeburg
Engel in Amerika
Der Tod herrscht auch über Amerika Bildrechte: Andreas Lander, Schauspielhaus Magdeburg

Dieser Umstand hat Schauspieldirektor Tim Kramer bewogen, das Stück auf die Bühne zu bringen: "Roy Cohn war der Ziehvater von Donald Trump, vor allem in juristischen Dingen", erklärt er. "Und diese Verbindung, dass Trump jetzt wieder ein Amerika verfolgt, das damals in der Reagan-Zeit schon angedacht war, das war die Grundidee, zu sagen, das Stück gehört zu den wichtigsten Stücken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts."

Vielleicht ist das eine kühne Behauptung – auch im Hinblick darauf, dass das Stück zumindest in Mitteldeutschland noch nie auf der Bühne zu sehen war, und auch bundesweit erst seit kurzem eine kleine Renaissance erfährt. Immerhin wurde es sehr erfolgreich 2003 als Fernsehserie produziert, mit Al Pacino und Meryl Streep. So scheint es umso spannender, dass es Kramer nun den Magdeburgern näher bringen will.

Selbstverleugnung

"Man verfolgt drei Handlungsstränge: Einmal ein homosexuelles Paar, bei dem der eine Aids hat", umreißt Kramer die Handlung. Bei dem anderen Paar handele es sich um Mormonen, und der dritte Handlungsstrang sei der von Roy Cohn. "Der war eigentlich Republikaner, selber an Aids erkrankt – und unterdrückte seine Homosexualität", erzählt der Regisseur. Anhand dieser ganz konkreten menschlichen Schicksale würden diese Themen parabelhaft aufgearbeitet.

Bühnenszene - Engel in Amerika, Theater, Magdeburg
Im Original trägt das Stück den Untertitel "A Gay Fantasia on National Themes" Bildrechte: Andreas Lander, Schauspielhaus Magdeburg

Bei "Engel in Amerika" geht es ganz universell um das menschliche Scheitern, um die Gesellschaft mit all ihren Fehlbarkeiten und Ängsten, wo Wertesysteme zusammenbrechen, Sicherheiten verloren gehen, fasst es Kramer zusammen.

Wie geht man eigentlich mit der Globalisierung, mit wirtschaftlichen Unsicherheiten um?

Tim Kramer, Regisseur von "Engel in Amerika"

Inszenierung durch Licht

Die Überforderung mit dem Umgang der Moderne werde im Stück toll aufbereitet, so der Regisseur. Und so inszeniert Kramer auch zeitlos – was sich in den Kostümen und auch im Bühnenbild spiegelt. Denn das ist ein leerer Raum, der vor allem durch Licht inszeniert wird: "Die Herausforderung von dem Stück ist, dass es einfach sechzig verschiedene Szenen gibt und wir haben nach einem Raum gesucht, der möglichst schnelle Szenenwechsel ermöglicht und der es möglich macht in die Zeit der achtziger Jahre eintauchen, durch kleine Zeichen, und   trotzdem immer wieder eine Assoziationsbrücke für uns zu bauen für heute", so Kramer.

Engel in Amerika
Andreas C. Meyer (l.) und Christoph Förster bei der Magdeburger Aufführung Bildrechte: Andreas Lander, Schauspielhaus Magdeburg

Das Stück Engel In Amerika
von Tony Kushner
Deutsch von Frank Heibert

Zwei Premieren an zwei Abenden
Fr. 28. 2. Teil I: Die Jahrhundertwende naht, (Aufführungsdauer: 2:55 h, inkl. Pause)
Sa. 29. 2. Teil II: Perestroika, (Aufführungsdauer: 3:00 h, inkl. Pause)
Weitere Aufführungen am 14.3., 16 & 20 Uhr, am 21. & 22.3., am 4.4., 16 & 20 Uhr

Schauspielhaus Magdeburg
Regie: Tim Kramer

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2020 | 07:40 Uhr

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