Serienstart Neue Serie "The English Game": Fußball, Adel – und Arbeiterkampf?

Fußball: Ballsportart, zwei Mannschaften, Ziel: eine von zwei Mannschaften erzielt mehr Tore als der Gegner. Soweit alles klar. Klar ist auch, dass diese Sportart, die Milliarden von Menschen begeistert, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien entstand und sich dann nach Europa und auf andere Kontinente ausweitete. Weniger bekannt ist allerdings vielleicht, dass Fußball in Großbritannien ursprünglich im Adel gespielt wurde. Wie sich dann auch immer mehr Arbeiter für das Spiel, das zwei Mal 45 Minuten dauert, begeisterten, ist ein Thema in der britischen Serie "The English Game", die von "Downton Abbey"-Schöpfer Julian Fellowes geschrieben wurde und jetzt im Stream bei Netflix zu sehen ist.

Eine Fußballmannschaft posiert in einem Tor stehend.
Fußball war in Großbritannien ein Sport des Adels – bis sich immer mehr Arbeiter dafür interessierten. Bildrechte: Oliver Upton/Netfix

Wer nicht wissen will, wie es weitergeht, sollte jetzt nicht weiterlesen. Spoilergefahr!

1879 ist Fußball – in seiner Wiege, in England – noch ein Amateursport, betrieben vor allem und dominiert von der oberen Gesellschaftsschicht. Beispielsweise vom traditionsbewussten Klub der Old Etonians. Kapitän der Mannschaft: Arthur Kinnaird, Bankierssohn und einer der besten Spieler des Landes. "The English Game" beginnt 16 Jahre nach der Gründung der englischen FA, Abkürzung für "Football Association", des ersten Fußballverbandes der Welt und historisch maßgeblich daran beteiligt, die Regeln des modernen Fußballs zu formulieren.

Arbeiter begeistern sich für Fußball

Menschen gehen mit Fackeln.
In "The English Game" geht es auch neben dem Platz heiß her. Bildrechte: Oliver Upton/Netfix

Eine dieser Regeln bildet quasi den dramaturgischen Ausgangspunkt der Serie, die aus sechs Teilen – eine Episode rund eine Stunde lang – besteht: Die Spieler dürfen nicht bezahlt werden. Doch der Weber-Fabrikant und Besitzer des Arbeiterklubs Darwen FC heuert die beiden schottischen Talente Fergus Suter und Jimmy Love an. Denn er spürt genau die wachsende Begeisterung seiner Arbeiter für den Sport, deren Vereine in die Fußball-Liga strömen.

Der Fabrikant also bezahlt seine beiden Stars. Die adligen Herren am Ball sind "not amused". Auf alle Fälle ist das Fußballspiel in dieser Serie immer auch Klassenkampf. Mal mehr, mal weniger sportlich ausgetragen.

Friede, Freude, bestickte Fußballtrikots

Am Ende von "The Englisch Game" hat sich der englische Fußball professionalisiert und der Sport öffnet sich immer mehr für die gesamte Gesellschaft. Und die Beziehungen in der Serie finden ihr Glück; das in ein Armenhaus abgegebene Kind der Mutter aus der Arbeiterklasse kann zurück zu seiner Mutter. Und auch Jimmy, der zweite schottische Star bei Darwen, der wegen eines Fouls nicht mehr spielen kann, säuft nicht, bringt sich nicht um, sondern entwickelt große Geschicklichkeit beim Besticken von Fußballtrikots. Und wenn sie nicht gestorben sind … hat das Spiel immer noch 90 Minuten.

Parallelen zu "Downton Abbey"

Eine Gesellschaft in Abendgaderobe steht zusammen.
Die Darstellung des Adels ist in "The English Game" ähnlich wie in "Downtown Abbey". Bildrechte: Oliver Upton/Netfix

Julian Fellowes, der "The English Game" schrieb, hat 2002 für sein Drehbuch zum Robert-Altman-Film "Gosford Park" den Oscar gewonnen. Fellowes hat sowohl die Serie wie auch den Kino-Film "Downton Abbey" – Kritiker- sowie Publikumserfolg – geschrieben. Und sich damit als Spezialist des "gediegenen" britischen Gesellschaftsbildes empfohlen. Soll heißen: Sowohl in "Downton Abbey" wie auch jetzt in "The English Game" ist die adelige Klasse arrogant, überheblich, ausbeuterisch, aber eben auch elegant und mit einigen guten Menschen ausgestattet.

Bankierssohn gegen Arbeiterkind

Arthur Kinnaird beispielsweise, der fußballbegeisterte Bankierssohn und Adelssprössling, ist ein respektabler und ehrenwerter Gegner von Fergus Suter, dem begnadeten Fußballer aus der Arbeiterklasse. "The English Game" haftet mit anderen Worten die Idealisierung und gleiche Gediegenheit an wie "Downton Abbey" auch wenn Julian Fellowes Erzählung sich hier nicht auf ein adliges Schloss fokussiert.

Ausbeutung wird glattgebügelt

Kevin Guthrie spielt Arbeiter-Kicker Fergus Suter.
Kevin Guthrie spielt Arbeiter-Kicker Fergus Suter. Bildrechte: Oliver Upton/Netflix

Wenn Friedrich Engels 1845 in seiner Schrift "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" die Verelendung der Arbeiter und die "zügellose Profitgier" der Fabrikbesitzer beschreibt und gar von "sozialem Mord" redet, so taucht dieses Thema in "The English Game" wohl auf, aber die Ausbeutung der Arbeiterklasse wird schnell wieder glattgebügelt oder mit dem nächsten Tor vergessen.

Anders als "Gosford Park"

In der Serie sieht mit anderen Worten  alles irgendwie zu sauber und zu glattgebügelt aus. Es braucht schon einen Filmemacher wie Robert Altman, der die Grausamkeit hinter der Fassade der Gesellschaft aus Julia Fellowes Drehbuch für "Gosford Park" zeigte. Diesen gnadenlosen Blick wird man in "The English Game" vergeblich suchen.

Fazit

Nette Unterhaltung, die interessante historische Zusammenhänge vermittelt, die man vielleicht bisher nicht wusste – aber insgesamt doch eher ein gut ausgestattetes Fußball-Märchen.

Mehr Streaming

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. März 2020 | 15:45 Uhr

Abonnieren