Faust,Schauspiel,Leipzig,Theater,Goethe
In Leipzig werden in einer großen Produktion beide Teile von Goethes "Faust" dargeboten. Bildrechte: Rolf Arnold

Kritik Goethes "Faust" am Schauspiel Leipzig - ohne Mephisto!

Am Schauspiel Leipzig werden beide Teile des Goethe-Klassikers "Faust" durch den Intendanten Enrico Lübbe wie eine Sinfonie inszeniert. Kopf- und Schlusssatz in klassischer Schauspielform umschließen dabei ein Puppenspiel und einen Themenparcours durch die Stadt Leipzig, die Zuschauer reisen dabei zur Alten Handelsbörse, zum Anatomiesaal der Uniklinik; und ans Völkerschlachtdenkmal. Auf die Figur des Mephisto wurde jedoch verzichtet. Unser Kritiker lobt nicht zuletzt die sehr runde Ensembleleistung.

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

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In Leipzig werden in einer großen Produktion beide Teile von Goethes "Faust" dargeboten. Bildrechte: Rolf Arnold

Enrico Lübbe inszeniert beide Teile des Goethe-Klassikers wie eine sechsstündige große Bruckner-Sinfonie in vier Sätzen. Der 1. Satz startet auf leerer Bühne mit Drehscheibe. Darauf der "Wanderer", der eigentlich erst ganz am Ende von "Faust 2" auftritt. "Weiter, weiter" will er. Schnell wird klar, dass dieser Wanderer auch Faust ist.

Doppelte Motivsuche

Enrico Lübbe wischt in seiner Interpretation alle Handlung beiseite. Sein Ansatz ist eine doppelte Motivsuche. Auf der Stückebene: Wer ist Faust, wo will er hin? Auf der Dichterebene: Warum hat Goethe diesen Kolossalbrei zusammengerührt. Warum gilt er als Nationalepos?

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Ein riesiges gespiegeltes Auge blickt die Zuschauer an Bildrechte: Rolf Arnold

Um die Dichterebene zu klären, erfindet Lübbe ein Puppenspiel (2. Satz - Scherzo). Drei Mal Goethe in verschiedenen Altersstufen, zusammen beim Glas Wein mit seinen Vertrauten Eckermann und Luise von Göchhausen. Auch dem Zuschauer wird eingeschenkt und gemeinsam sinnieren alle über die Frage nach, was den "Faust" im Innersten zusammenhält.

Dann gibt es ein Video. Die Puppen brechen des Nachts in der Deutschen Bücherei in Leipzig ein und quälen sich durch die Sekundärliteratur. Danach (3. Satz - Andante con moto) bricht auch das Publikum auf, geteilt in Gruppen, um selbst drei Themenbereiche zu erkunden: Das Thema Finanzmarkt in der Alten Handelsbörse; künstliche Intelligenz im Anatomiesaal der Uniklinik; Umsiedlung am Völkerschlachtdenkmal.

Faust als Resonanzraum

Die andere Motivsuche, was die Faust-Figur betrifft, ist wie eine Bruckner-Sinfonie (1. und 4. Satz). Bruckner, weil der in immer neuen Anläufen auch dieses eine große Ziel zu erreichen suchte: den schönen Augenblick.

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Für das Bühnenbild ist Etienne Pluss verantwortlich Bildrechte: Rolf Arnold

Lübbe extrahiert aus dem gesamten Text ein paar zentrale Stellen und stellt sie zunächst in kurzen Szenen, wie Motive auf die Bühne. Dann werden sie variiert, ineinander geschoben, Interferenzen erzeugen neue Klang- und Schaubilder. Die Einzelinstrumente (Faust, Wagner, Valentin, Gretchen) vervielfachen sich jeweils zur Stimmgruppe: 15 Gretchen, 7 Valentine und 5 Fäuste. Zur Stimmgruppe Fausts gehören die allegorischen Figuren Mangel, Schuld, Sorge und Not, die hier als Abspaltungen des Faust-Ich angelegt sind. Wo fünf Seelen in einer Brust wohnen, wird die Brust zum Theater-Resonanzraum. Eigentlich sind es sogar sechs Seelen, denn Faust spricht auch den Text von Mephisto, der als Figur in dieser Inszenierung komplett gestrichen ist.

Allerdings finden die Stimmgruppen miteinander - und freiwillig - kaum eine gemeinsame Harmonie. Nur mit Dirigentin, die dann streng den Takt vorgibt, geht alles zusammen. Dann ertönt allerdings kein "Faust"-Text, sondern Merksprüche wie: "Seit das Deutsche Reich besteht, wird das Gewinde rechts gedreht!" Die Botschaft ist klar: Nur im Korsett des autoritären Systems findet sich eine (Zwangs-)Gemeinschaft zusammen. Im Umkehrschluss hieße das: In einer Demokratie zerfällt das verbindende Wir in lauter Einzelteile.

Ist Lübbes "Faust" also eine Dystopie?! Und eine späte Auseinandersetzung mit dem Kanzlerinnensatz "Wir schaffen das!"? Jedenfalls ist die Einordnung des Einzelnen in die Gemeinschaft hier das Thema und die Tonart, in der diese Sinfonie gesetzt ist. Für mich eine originelle, aktuelle, schlüssige Interpretation mit hohem Schauwert.

Runde Ensembleleistung

Schauspielerisch ist es eine sehr runde Ensembleleistung. Julia Preuß als Gretchen stellt ihre Figur nicht als Opfer, sondern als selbstbewusste Frau von heute vor. Überzeugend ist, wie ihr das mit dem Originaltext gelingt. Ein großes Kunststück vollbringt auch Wenzel Banneyer als Faust. Wie er den großen Bogen seiner Figur anlegt: vom verstummenden Faust, der seinen großen Monolog "Habe nun, ach" zwar rhythmisch präzise, aber trotzdem nur noch traurig-trotzig heraus sabbern kann, weil ihm von der Wortgewalt des Wissenschaftlers nur noch die Konsonanten geblieben sind - ("H-b- n-n -ch!") - bis hin zum "weiter, weiter" umherirrenden, verrückt gewordenen Faust-Wanderer. Chapeau!

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Die Projektion ist wichtiger Bestandteil der Inszenierung im Theater, doch die Zuschauer werden auch auf die Reise durch Leipzig geschickt. Bildrechte: Rolf Arnold

Das Bühnenbild von Etienne Pluss, das einen Brunnen als den Ort abstrahiert, wo die Gemeinschaft klatscht und tratscht, zeigt sich sehr flexibel und damit als gute Idee. Sabine Blickenstorfer lässt Kostüme schneidern, die den Figuren Charakter geben, und das Thema Uniformität und Individualität variieren, indem die Kostüme im Detail ein Eigenleben entwickeln können. Und das Bühnenlicht legt sich wieder einmal so wunderbar auf Stoffe und Farben, dass ich die Theaterwerkstätten hier auch einmal nennen möchte - muss!

Rein technisch ist der Abend sechs Stunden lang. Zunächst zwei Stunden bis zu Pause. Danach das halbstündige Puppentheater. Dann geht es in drei Gruppen auf zweistündige Thementour nach draußen. Zum Schluss und zurück im Schauspielhaus dauert es noch einmal eine dreiviertel Stunde.

Die Aufführung "Faust" von Johann Wolfgang Goethe

Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Sabine Blickenstorfer

Premiere am 29. September 2018 im Schauspiel Leipzig

Weitere Termine am:
5.10. und 6.10, 20.10. und 21.10. jeweils 18:00 Uhr.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2018, 15:42 Uhr