Geschichte und Farbe Erfurter Haushaltswaren-Lager wird zum Zentrum für Kreativbranche

Seit vielen Jahren siedelt sich die Kreativbranche in alten Industriegebäuden an. Gerade im Osten Deutschlands haben diese Gebäude oft ihren eigentlich Nutzen verloren und bieten Investoren Freiraum und Platz. Auch der spezielle Charme der Altbauten spielt dabei eine Rolle. Auch in Erfurt lässt sich dieser Trend beobachten: Im sogenannten Kontor sind mehrere Kunstschaffende und Agenturen untergekommen.

Kontor in Erfurt
Das Kontor in Erfurt Bildrechte: Kontor Erfurt

"Solche spannenden Orte müssen entwickelt werden und das Gebäude bot ideale Möglichkeiten", erzählt Frank Sonnabend. Als er den Zuschlag für die Immobilie bekam, hatte er schon nicht mehr damit gerechnet. Vieles war zerstört, kaputt und verschüttet. Aus manchen Etagen wuchsen Bäume.

Kontor in Erfurt
Blick in das untere Geschosses des Kontors Bildrechte: Kontor Erfurt

Mehr Farbe für Erfurt

Das Industriegebäude wurde 1958 erbaut und während DDR-Zeiten war dort die GhG Haushaltswaren untergebracht. Auf der Rückseite gibt es einen Gleisanschluss, über den die Handelswaren angeliefert wurden. "Es ist also ein riesiges Gebäude mit riesigen Toren", fasst Sonnabend zusammen. 2017 begann er mit dem Umbau. Fast 20 Jahre Leerstand hatten deutliche Spuren hinterlassen. Die farbigen Säulen, die von Sprayern besprüht wurden, sieht man noch heute. Ganz unten befindet sich eine große Halle für Kultur, in der die Bachwochen erfolgreich ein Festival gestartet haben, bei dem unter anderem der Klarinettist David Orlowsky beteiligt war. 

Kontor in Erfurt
Blick durch den Flur im oberen Geschoss Bildrechte: Kontor Erfurt

Eine Etage weiter oben fällt von oben Licht in die Flure. Rechts und links gehen Büros mit hohen Decken und großen Fenstern ab. Auch bei diesen Räumen gab es Mut zur Farbe: Der Eingang ist rosafarben und wirkt kein bisschen kitschig. "Wir haben im Haus ein Farbkonzept", sagt der Architekt Thomas Schmidt. In anderthalb Jahren hat er das Gebäude umgebaut und Mut zu Neuem bewiesen – eben auch mit Farben: "Das ist auch als ein Leitsystem gedacht: die eine Seite ist mit Rosa, Pink und Rot-Tönen, die andere mit Türkis und Blau-Tönen gestrichen – damit der Mensch sich intuitiv im Haus zurecht findet."

Die letzten 30 Prozent

Der Flur wirkt wie ein Möbelbild aus einem Katalog der 1960er-Jahre: Hellerau-Möbel kombiniert mit typischen Topf-Pflanzen von damals – die heute wieder im Trend liegen –, Tische, kleine Sessel – wer will, darf hier einfach Platz nehmen, Pause machen und Zeitung lesen. Die Wände sind in dunkles Gelb, Ocker und Rosé getunkt. Laut dem Investor Frank Sonnabend füllt sich das Gebäude auch langsam: "Wir haben knapp 70 Prozent der Fläche vermietet.  Für die letzten 30 Prozent suchen wir noch den passenden, spannenden Mieter, den Querdenker, den Kreativen."

Neues Kapitel nach langer Geschichte

Kontor in Erfurt
Der Flur im oberen Geschoss des Kontors. Bildrechte: Kontor Erfurt

Ansonsten haben Kunstschaffende, Agenturen, ein Festival  und auch eine Montagefabrik für Robbotik im Kontor neue Räume gefunden. Insgesamt stehen 10.000 Quadratmeter zur Verfügung. Es gibt Gemeinschaftsküchen, leere Räume, die auch als Backstagebereich für Künstler genutzt werden können. Ein Haus soll es sein, so wünscht es der Investor, wo Menschen zusammenkommen, Zukunft denken und gestalten. Sonnabend hat sich bewusst für einen Altbau entschieden, der nun einer der wenigen seiner Art in Thüringen ist: "So ein Haus hat eine Geschichte, die man behalten und zeigen möchte. Selbst so ein Graffiti gehört zur Geschichte. Das Gebäude stand seit 1992 leer und da ist natürlich auch viel passiert." Wie viel er investiert hat, will Frank Sonnabend nicht erzählen. Die Summe bewegt wohl sich im siebenstelligen Bereich. 

Das Kontor liegt keineswegs mitten in der Altstadt-Idylle. Im Gegenteil: Um das Bauwerk im Erfurter Norden war früher Industrie angesiedelt. Dort entsteht heute das 'neue' Erfurt, in dem der Industrie-Charme neu entdeckt wird. "Wir sind schon deutlich vorangekommen, auch weil die Stadtverwaltung sich bewegt hat und dort mittlerweile Leute arbeiten, die begriffen haben, dass man neue Angebote in der Stadt schaffen muss, um die Leute zu halten und um eine attraktive, zeitgemäße Stadt zu sein", erklärt Frank Sonnabend.

MDR KULTUR in Erfurt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. August 2020 | 08:40 Uhr