Reihe 20ff Endlich wieder Live-Konzerte in Erfurt

In den kommenden Tagen gibt es in Erfurt jeden Abend namhafte Künstler zu hören – in einem wieder eröffneten Industriedenkmal. Noch ist das "Kontor" ein Geheimtipp, bald vermutlich die hippste Party-Location der Stadt. "Twenty fast forward – 20ff" heißt das neue Format.

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In den kommenden Tagen gibt es in Erfurt jeden Abend namhafte Künstler zu hören – in einem wieder eröffneten Industriedenkmal. Noch ist das "Kontor" ein Geheimtipp, bald vermutlich die hippste Party-Location der Stadt.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 01.07.2020 09:35Uhr 03:47 min

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In den kommenden Tagen gibt es in Erfurt jeden Abend namhafte Künstler zu hören – in einem wieder eröffneten Industriedenkmal. Noch ist das "Kontor" ein Geheimtipp, bald vermutlich die hippste Party-Location der Stadt.

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Frank Sonnabend blickt durch den hellen Raum mit Industriekultur-Charme. "Es ist ein altes Industriegebäude, 1958 gebaut, und war zu DDR Zeiten GHG Haushaltwaren", erklärt er. "Hier sind Handelswaren gelagert gewesen." Wo vor Jahren noch Bäume durchs Dach wuchsen, siedelt Frank Sonnabend nun Start-ups an – und Kultur. Er wolle das "riesige Haus mit riesigen Toren, das entsprechend Fläche bietet und den Charme hat, um jetzt eine Revitalisierung zu erfahren, wieder neu mit Leben füllen", sagt er.

"Soll auch nicht zu perfekt werden"

20 Jahre lang stand das Gebäude leer. Bis die Stadt Erfurt ihm den Zuschlag gab und dann hieß es: machen. Die große Industriehalle im Erdgeschoss wird zum Veranstaltungsort – zum Beispiel für Christoph Drescher, der im Frühjahr die Thüringer Bachwochen absagen musste. "Dadurch, dass es komplett leer ist, können wir hier einen Konzertsaal einbauen, wie wir ihn heute brauchen", sagt er. Traversen hängen von der Decke. Holzstühle aus den 60er-Jahren sind lässig in den Raum drapiert. Es soll, sagt der Kulturveranstalter, "auch nicht zu perfekt werden, sondern eben wirklich Atmosphäre, einen gewissen Wohnzimmer-Charme zu verspüren."

Schulterschluss mit Kulturschaffenden

Twenty fast forward – 20ff – heißt das neue Format. Der Blick nach vorn für alle: die Veranstalter, das Publikum und die Künstler. "Die Reaktion bei all den Künstlern, die ich angefragt habe, war große Begeisterung", sagt Drescher, "vor allem mit der Aussage: Mit Publikum? Wirklich echte Leute? Bin ich sofort dabei."

Martin Stadtfeld
Pianist Martin Stadtfeld macht den Auftakt Bildrechte: imago/Rudolf Gigler


Und so hat Christoph Drescher den engen Schulterschluss gesucht und gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden – wie dem Club Franz Mehlhose und dem Molsdorfer Kultursommer – ein Programm auf die Beine gestellt, das vor fünf Wochen noch gar nicht denkbar war und jetzt nur funktioniert, weil die Pläne aller Künstler und Künstlerinnen anders geworden sind: "Dadurch sind tatsächlich ein paar Künstler dabei, die ich für die Bachwochen angefragt hatte und bei denen klar war: vor 2023 gibts keinen Termin", sagt Drescher. "Plötzlich sind die Kalender leer, plötzlich ist das möglich und das merkt man bei dem Programm – durch die Bank weg große Leidenschaft."

Zum Auftakt gibt es Beethoven mitten zwischen den Säulen mit den alten Grafittis, am Flügel wird Martin Stadtfeld sitzen. Später improvisieren Avi Avital und Omer Klein Werke von Bach. David Orlowsky wird gastieren, ebenso der Pianist Martin Kohlstedt und zum Schluss Cameron Carpenter, der Punk unter den Organisten. 

Weniger Plätze, weniger Honorar

Es ist ein Wagnis und auch ein Kompromiss für alle Beteiligten, weiß Christoph Drescher. Künstlerhonorare sind nicht wie sonst, weil nur wenige Plätze besetzt werden können. Die Werbung funktioniert anders, weil nirgendwo Flyer ausgelegt werden dürfen und gerade mal vier Wochen ist es her, als die Idee entstand, im "Kontor" Kultur anzubieten. Einem Ort, den noch niemand so richtig auf dem Schirm hat, der sein Publikum erst finden muss: "Das zeigt sich ja auch an der Marke 'twenty fast forward': Der gemeinsame Wille, auch nach vorne zu schauen, nicht mehr nur im Lamento zu verharren, sondern etwas zu bewegen, an eine Zukunft zu glauben." 

So ist es fast symbolisch, dass dieses Industriedenkmal heute lichtdurchflutet ist, dass Altes auf Neues trifft, Beethoven auf Bach, Jazz auf Pop in einem Denkmal mit integriertem Start-up-Charme – und das alles in einem Viertel, das vor Jahren noch als schwer zu vermieten galt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2020 | 10:15 Uhr