Jubiläum der Wiedergründung 30 Jahre Erfurter Kunstverein – wenig Geld und ein großes Herz für die Kunst

Der Erfurter Kunstverein könnte auf eine Tradition bis 1886 zurückblicken – hätte es nicht eine Pause während der DDR-Zeit gegeben. Am 21. November 1990 wurde er wiederbelebt und gibt seitdem junger Kunst ein Podium – auch wenn das Geld knapp und die Mitgliederanzahl (noch) gering ist. Eine Feier zum 30-jährigen Jubiläum konnte es coronabedingt nicht geben. Der Vereinsvorstand hat aber in kleiner Runde Bilanz gezogen – MDR KULTUR war dabei.

Erfurter Kunstverein
Der Vorstand des Erfurter Kunstvereins im Gespräch Bildrechte: Falko Behr

Der Erfurter Kunstverein empfängt zu seinem Jubiläum in der Kunsthalle, in der die große Fotografie-Ausstellung von Hans-Christian Schink bis heute pandemiebedingt nicht eröffnet werden konnte. Es ist schon ein wenig seltsam, ein Kunstjubiläum mitten in einer Ausstellung zu begehen, die seit Tagen auf Publikum wartet.

Besondere Konstellation

Vereinsvorsitzende Susanne Knorr schmerzt das, denn die Schau wurde überhaupt nur realisiert, weil der Kunstverein mit einem Spendenaufruf die dafür benötigten Gelder organisierte: "Es war eine von den Ausstellungen, die die Stadt in diesem Jahr gestrichen hat, aus finanziellen Gründen. Und wo wir überlegt haben, dass man das so nicht stehen lassen kann. Und dass man einen solchen Künstler nicht einfach bitten kann, ob er vielleicht im nächsten Jahr ausstellen kann – sondern dass es wirklich darum geht, diese Ausstellung zu realisieren."

Erfurter Kunstverein
Die Ausstellung "Kunst.Ort.Kino." des Erfurter Kunstvereins Bildrechte: Falko Behr

Bei der Schink-Ausstellung wird die besondere Rolle des Erfurter Kunstvereins deutlich: Er hat keine eigenen Ausstellungsfläche, sondern kooperiert dauerhaft mit der städtischen Kunsthalle. Und manchmal, wenn das städtische Säckel zu wenig hergibt, wird er als Förderverein aktiv – um Kunst in der Stadt möglich zu machen.

Bühne für junge Kunst

Abseits dessen organisiert der Verein aber auch ein bis zwei eigene Ausstellungen im Jahr. Junge, zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler sollen hier eine Bühne bekommen. Dieser Ansatz sei in den letzten 30 Jahren gut aufgegangen, so Knorr. Man habe oft den richtigen Riecher gehabt, etwa beim Maler Ruprecht von Kaufmann, der 2018 seine Werke zeigte, Knorr erläutert: "Der hat hier in der Kunsthalle ausgestellt, das war komplett eine Ausstellung durch alle Ebenen. Er hat ein Jahr später in New York im Rahmen der Uno ausgestellt. Wir haben Philipp Geist einmal präsentiert, Philipp Geist spielt heute in der obersten Liga von den Künstlerinnen und Künstlern mit, die Projektionen im öffentlichen Raum zeigen. Wen haben wir noch als ganz großen ... Luise von Rohden."

Zwei Männer unterhalten sich.
Der Künstler Ruprecht von Kaufmann (links) Bildrechte: Falko Behr

Finanzierung ist ein Dauerproblem

Doch auch, wenn die Mitglieder aus kuratorischer Sicht mehr als zufrieden sind – strukturell, sagen sie, gebe es noch einiges zu verbessern. Auch 30 Jahre nach der Gründung ist es für den Verein jedes Mal wieder eine Herausforderung eine Ausstellung überhaupt finanziert zu bekommen. Denn die Beiträge der rund 130 Mitglieder reichen dafür bei weitem nicht aus.

Ausstellung
In der städtischen Kunsthalle Erfurt finden zahlreiche Ausstellungen des Vereins statt Bildrechte: Falko Behr

Außerdem lasse das private Spendenengagement in der Stadt sehr zu wünschen übrig, so Kai-Uwe Schierz, Direktor der Kunstmuseen Erfurt und stellvertretender Vorsitzender des Kunstvereins.

Heute haben wir viele Bürger, auch in Erfurt, die eigentlich gut verdienen. Die aber überhaupt kein Bewusstsein dafür haben, dass sie damit auch ne Verantwortung haben. Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht, was das bürgerschaftliche, kulturelle Engagement angeht, nach wie vor ein Entwicklungsland sind.

Kai-Uwe Schierz, Kunstverein Erfurt

Altlasten sind eine Bremse

Für Schierz ist diese Situation der Vergangenheit geschuldet. Man zahle immer noch eine Hypothek ab, die aufs Konto der DDR gehe. Kunstvereine in westdeutschen Städten befänden sich heute in einer komplett anderen Situation: "Dort gibt es hunderte und Tausende Mitglieder von größeren Kunstvereinen. Dort gibt es dementsprechend auch die Möglichkeit, hauptamtliche Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer zu beschäftigen. Der Erfurter Kunstverein konnte das in seiner bisherigen 30-jährigen Neugründungs- und Wiedergründungszeit nur zwei mal. Und das war ABM-finanziert."

Erfurter Kunstverein
Der Erfurter Kunstverein ist derzeit aufgrund des Lockdowns ausgebremst Bildrechte: Falko Behr

Es liegt also einiges im Argen. Auch das Verhältnis zur Stadt ist gerade nicht das Beste, eigentlich hätte der Künstler Robert Seidel die Kunsthalle zum Jubiläum mit einer großen Projektion bespielen sollen, doch das wurde untersagt – während in der kommenden Woche Projektionen des Stadtmarketings am Rathaus ungehindert stattfinden dürfen.

Am Ende wollen sich die Mitglieder von solchen Schwierigkeiten aber nicht unterkriegen lassen.  Ihre Lust auf neue Kunst ist ungebrochen - auch in diesen schwierigen Zeiten.

Der Erfurter Kunstverein Schon 1886 als Verein für Kunst und Kunstgewerbe in Erfurt gegründet, blickt der Erfurter Kunstverein auf eine lange Geschichte zurück. Gerade in den 1920er- und 30er-Jahren unterstützte er Künstler wie Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinsky oder die Dresdner Künstlergruppe "Die Brücke". Werke der Kunstschaffenden fanden auch den Weg in die Vereinssammlung.

Die Vereinsgeschichte wurde durchbrochen durch die Zeit des Nationalsozialismus, als die Vereinssammlung als "entartet" beschlagnahmt wurde sowie durch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die Vereinsarbeit komplett zum Erliegen kam. Erst 1990 wurde der Kunstzusammenschluss wiederbelebt und bezieht sich seitdem auch mit seinem Namen "Erfurter Kunstverein e. V." auf seine herausragende geschichtliche Tradition.

Kunst und Künstler

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2020 | 07:40 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei