Haeckel mit Gorilla Gigas, 1909
Ernst Haeckel mit Gorilla Gigas, 1909 Bildrechte: Ernst-Haeckel-Haus

100. Todestag Ernst Haeckel – Vorreiter von Darwins Evolutionstheorie, Philosoph und Quallen-Freund

"Affenprofessor", "Medusenpapst" – so lauteten die nicht gerade schmeichelhaften Spitznamen für Ernst Haeckel, den bedeutendsten Biologen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Jenaer hatte nicht nur als Wissenschaftler große Bedeutung, sondern inspirierte mit seinen Bildern von Quallen und anderen Meerestieren viele Jugendstilkünstler. Noch wichtiger war Haeckel als Vorkämpfer von Darwins Evolutionstheorie. Am 9. August vor 100 Jahren starb er in Jena.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Haeckel mit Gorilla Gigas, 1909
Ernst Haeckel mit Gorilla Gigas, 1909 Bildrechte: Ernst-Haeckel-Haus

Vorsichtig war Ernst Haeckel wirklich nicht. Wo Darwin noch orakelte, dass eines Tages auch "Licht auf den Ursprung des Menschen" fallen werde, da preschte Haeckel mutig voran, erklärte, der Mensch sei:

Ein placentales Säugetier, das erst in späterer Tertiärzeit sich aus einem Zweige der Primatenordnung entwickelt hat.

Ernst Haeckel
Zeichnung von Haeckel
Zeichnung von Ernst Haeckel Bildrechte: imago/Artokoloro

Haeckel, der lange überlegt hatte, ob er Maler werden sollte, zeichnet als Erster einen Stammbaum: eine knorrige Eiche. Ganz unten sind die Moneren, gestaltlose Urtiere, und auf dem höchsten Ast thront der Mensch über Gorilla, Orang-Utan, Schimpanse und Gibbon. Wissenschaftlich interessiert sich Haeckel weniger für die Baumkrone als den unteren Teil des Stammbaumes: für Quallen, Schwämme und Strahlentierchen. Sie begründen bis heute seinen Ruf und bringen ihm die Jenaer Professur für Zoologie ein. Die er mit seinem vehementen Kampf für die Evolutionstheorie sofort wieder riskiert.

Interessant und lehrreich ist dabei nur der Umstand, dass besonders diejenigen Menschen über die Entdeckung der natürlichen Entwicklung des Menschengeschlechts aus echten Affen am meisten empört sind, welche offenbar hinsichtlich ihrer intellektuellen Ausbildung und cerebralen Differenzierung sich bisher noch am wenigsten von den gemeinsamen tertiären Stammeltern entfernt haben.

Ernst Haeckel

Haeckel wirbt vor vollen Sälen für Darwins Evolutionstheorie

Die drastischen Worte zeigen: Ernst Haeckel ist kein Mann des professoralen Elfenbeinturms. Für seine Forschungen über Meerestiere reist er quer durch die Welt und für Darwin quer durch Deutschland. Mit selbstgezeichneten Tafeln, neben einem Affenskelett, einen Menschenschädel in der Hand, tritt er vor vollen Sälen auf.

Als wichtigste Errungenschaft betrachten wir die fundamentale Überzeugung von der Einheit aller Naturerscheinungen. Die im Begriffe des Monismus ihren einfachsten und klarsten Ausdruck findet.

Ernst Haeckel

Der Monismus ist eine von Ernst Haeckel geschaffene Theorie, die von der Beseeltheit aller Dinge ausgeht und sich gegen den christlichen Dualismus von Leib und Seele wendet. Haeckel sieht sich mit diesem naturphilosophischen Denken in der Tradition Goethes und – weil er natürlich auch damit bei den Kirchen aneckt – Giordano Brunos. Briefe unterschreibt er gern mit "Wolfgang Bruno". Als ein internationaler Freidenker-Kongress in Rom ihn 1904 zum Gegenpapst ausruft, bekennt er zufrieden: "Noch nie sind mir so viele persönliche Ehrungen erwiesen worden, wie auf diesem internationalen Kongress."

Haeckels Lehren sind nicht gut für höhere Töchter

Seine Bücher "Allgemeine Schöpfungsgeschichte", "Kunstformen der Natur" und vor allem die "Welträthsel" mit ihrer Auflage von einer halben Million machen Haeckel zum erfolgreichsten Sachbuchautor der Jahrhundertwende. Obwohl oder weil im preußischen Herrenhaus ein Verbot diskutiert wurde – wegen des: "unheilvollen Einflusses, welchen die 'Welträtsel' besonders auf Primaner, Volksschullehrer und höhere Töchter ausüben."

Kritisch: Haeckel als Vorkämpfer der Eugenik

Zeichnung von Haeckel
Zeichnung von Ernst Haeckel Bildrechte: imago/Artokoloro

Heute sieht man Haeckels Bücher nicht wegen Darwin kritisch, sondern weil Haeckel Darwins Theorie auf die Gesellschaft anwendet und so zu einem Vorkämpfer des Sozialdarwinismus und der Eugenik wird. Er sagt: "Es kann daher auch die Tötung von neugeborenen verkrüppelten Kindern, vernünftiger Weise gar nicht unter den Begriff des 'Mordes' fallen. ...Vielmehr müssen wir dieselbe als eine zweckmäßige, sowohl für die Betheiligten wie für die Gesellschaft nützliche Maßregel billigen."

Eine Steilvorlage für Rassenpolitiker. Wobei die Nazis Ernst Haeckel sonst ablehnten und er selbst davor warnte, naturwissenschaftliche Theorien in die Politik zu übertragen.

Audios zu Ernst Haeckel

Jenzigblick, Aquarell von Ernst Haeckel, 1862 4 min
Bildrechte: Stadtmuseum Jena

Mit zwei Ausstellungen bringen das Jenaer Statmuseum und die Kunstsammlungen Jena das Leben und Wirken Ernst Haeckels ihren Besuchern nahe. Unser Thüringen-Korrespondent Jörg Sobiella war vor Ort.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 09.08.2019 18:05Uhr 04:26 min

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Nikolai Miklucho-Maclay und Ernst Haeckel als Forschungsreisende, 1867, 15 min
Bildrechte: Sammlung Stadtmuseum

Ernst Haeckel galt als Sprachrohr von Charles Darwin in Deutschland – und als genialer wie umstrittener Wissenschaftler. Moderatorin Beatrice Schwartner im Gespräch mit dem Jenaer Zoologen Martin Fischer.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 09.08.2019 18:05Uhr 14:52 min

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Aufgerissener Dielenboden 4 min
Bildrechte: MDR/Anke Preller

Aus Natur und Umwelt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. August 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2019, 04:00 Uhr

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