Vor 55 Jahren: Erste Beatles-LP erscheint Die (kurze) Beatlemania in der DDR

Mitte der 60er-Jahre in der DDR: Nachdem sich im Zuge des innenpolitischen Tauwettes und des Pfingsttreffens 1964 der Radiosender DT64 gegründet hatte, lief dort zunächst eine Beatles-Platte - wenig später presst sogar das staatliche Label AMIGA die Beatles. Doch dann kam es, nach Randalen bei einem Stones-Konzert in West-Berlin zur "Rolle rückwärts". Beat-Musiker und ihre Anhänger werden nun kriminalisiert. Es kommt zu Verhaftungen und den sogenannten "Beatkrawallen".

Eine Auswahl in der DDR produzierter Schallplatten ist in einer Ausstellung "All you need is beat" im Beatles Museum Halle/Saale zu sehen.
Eine Auswahl in der DDR produzierter Schallplatten Bildrechte: dpa

Im Juni 1965 legt sich im DDR-Radio ein Leipziger Philosophieprofessor für die Beatles ins Zeug. "Ich glaube, es ist das erste Mal - gewissermaßen eine Welturaufführung - dass ein Philosophie-Professor die Beatles auflegen lässt", sagt der Moderator. Professor Kosing antwortet:

Ich glaube, dass in dieser Art von Musik etwas von dem Lebensgefühl unserer heutigen Jugend zum Ausdruck kommt. Und etwas, was oft von der älteren Generation heute nicht mehr verstanden wird.

Prof. Dr. phil. habil. Alfred Kosing

Keine Frage: Auch in der DDR ist die Beatlemania nun ganz offiziell angekommen. Allerdings, allzu lang währt sie nicht.

Innenpolitisches Tauwetter

Seit dem Mauerbau setzt die DDR-Führung innenpolitisch vorsichtig auf Tauwetter. Mehr Vertrauen und Verantwortung für die Jugend! Und mehr Freiheiten, auch musikalisch. Im Jugendkommuniqué des SED-Politbüros von 1963 heißt es:

Niemand fällt es ein, der Jugend vorzuschreiben, sie solle ihre Gefühle und Stimmungen beim Tanz nur im Walzer - oder Tango - Rhythmus ausdrücken. Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache sie bleibt taktvoll.

O-Ton aus dem "Sonderstudio Deutschlandtreffen"

Ein neuer Sender: Jugendstudio DT64

Den Höhepunkt der Liberalisierung bildet das Deutschlandtreffen Pfingsten 1964. Zehntausende Jugendliche aus Ost und West demonstrieren, aber sie tanzen auch ausgiebig. Den Sound dazu liefert ein neuer Sender: Jugendstudio DT64. Es wird live moderiert, ohne zuvor abgenommene Manuskripte. Ebenso revolutionär ist die Musikauswahl: Zum ersten Mal läuft eine Beatles-Platte im DDR-Radio, heimlich besorgt aus dem Westen.

"Auf einem Ostsender die Beatles, das war damals das Größte", sagt Thomas Natschinski, der in dieser Zeit seine erste Kapelle gründet. Wie viele andere: Allein im Osten Berlins entstehen in den nächsten Monaten mehr als 250 Twist- und Beatbands.

AMIGA presst die Beatles auf Platte

Bernd Römer spielt Gitarre
Bernd Römer Bildrechte: MDR/Werner G. Lengenfelder

Und nicht nur im DDR-Radio laufen nun die Beatles. Das staatliche Plattenlabel AMIGA veröffentlicht zunächst drei Singles und dann, im April 1965, die erste Langspielplatte. Für die Jugendlichen in der DDR ist das trotz kleiner Auflage ein Riesen-Ereignis. Für Bernd Römer, später Gitarrist bei Karat, eine Initialzündung - im Wortsinne:

Er erzählt: "1965 war das, da gab es kurioserweise in der DDR ein Beatles-Album, eine Schallplatte, die hatte meine Kinderfreundin. Als ich das gehört habe, die Musik hat mich so angezündet, da war irgendwie klar, du wirst Gitarre spielen und lange Haare haben."

SED-Funktionäre machen eine Rolle rückwärts

The Beatles
Die "Pilzköpfe" von den Beatles nd die "Monotonie des Je-Je-Je" (Walter Ulbricht) Bildrechte: EMI Music

Doch die durchweg kurzhaarigen Hardliner in der SED-Führung bekommen wieder Oberwasser. Der willkommene Anlass bietet sich im September 1965: In Westberlin wird nach Randalen ein Konzert der Rolling Stones abgebrochen.

Für die Funktionäre heißt das: "Rolle rückwärts", auch in Sachen Beatles, propagandistische Verrenkungen inklusive: Noch bis vor kurzem hieß es in DDR-Zeitschriften, die "vier Arbeiterjungen aus Liverpool" protestierten mit ihrer Musik gegen den Kapitalismus. Plötzlich aber gelten sie als willige Gehilfen imperialistischer Kriege. Die Leipziger Volkszeitung bringt es am 5. November 1965 auf die Kurzformel: "Beatles – Ledernacken – Aggression".

Verhaftungen und Beatkrawalle

Eben noch gefördert, werden Beat-Musiker und ihre Anhänger nun kriminalisiert. Auch in Leipzig, einem Zentrum der DDR-Beatbewegung. Rund 50 Bands verlieren hier ihre Spielerlaubnis. Darunter die Butlers von Klaus Renft, die wohl bekannteste Band der Stadt. Jugendliche protestieren. Es kommt zu Verhaftungen und den sogenannten "Beatkrawallen". Im Dezember 1965, auf dem 11. Plenum des ZK der SED, ertönt dann die heute berühmt-berüchtigte Frage des führenden Popmusik-Experten im Lande, Walter Ulbricht:

Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.

Walter Ulbricht

So wird die Beatlemania in der DDR für beendet erklärt. Zumindest offiziell.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 05. April 2020 | 08:40 Uhr