Ein Hinweisschild vor dem Weg zur Freien Waldorfschule
Dem Konzept folgend, sollen bei den Kindern sowohl intellektuelle Fähigkeiten als auch künstlerische gefördert werden. Bildrechte: dpa

Vor 100 Jahren Als die erste Waldorfschule eröffnete

Was soll eine gute Schule leisten? Die Frage gibt es im Prinzip, solange es Schulen gibt. Und sie stellt sich immer wieder neu, für Kinder und Eltern, Lehrer, die ganze Gesellschaft. Einen grundsätzlich neuen Entwurf stellte Anfang des 20. Jahrhundert Rudolf Steiner vor, die Waldorfschule. Die erste wurde am 7. September 1919, vor genau 100 Jahren, in Stuttgart eröffnet.

von Sven Hecker, MDR KULTUR-Redakteur

Ein Hinweisschild vor dem Weg zur Freien Waldorfschule
Dem Konzept folgend, sollen bei den Kindern sowohl intellektuelle Fähigkeiten als auch künstlerische gefördert werden. Bildrechte: dpa

Kann man Buchstaben tanzen? Rudolf Steiner meint: Ja. Eurythmie nennt sich die Kunst, in der nach seiner Anregung Geistiges, Texte – also auch Buchstaben – in Bewegung, Gesten, Gebärden umgesetzt werden sollen.

Der Historiker Helmut Zander erklärt, dass dies Rudolf Steiners Überzeugung gewesen sei. Dass es eine geistige Welt gibt, und dass man diese erkennen und deren Wirkung man sich nutzbar machen könne. "Wenn Sie von Waldorfschulen, Demeter-Tomaten und Veleda-Heilsalbe reden, dann ist der gemeinsame Hintergrund, dass Rudolf Steiner glaubt, dass in all diesen Institutionen oder Mitteln, geistige Mächte wirken und wenn man sie kennt, dann kann man sie einsetzen".

Eine geistige Alternative

Rudolf Steiner Waldorfschulen
Rudolf Steiner, Begründer der Waldorfschule. Bildrechte: IMAGO

Helmutz Zander ist auch Autor des Buches "Anthroposophie in Deutschland". Auch wenn der Begriff schon zuvor existierte, Steiner gilt als Begründer dieser Anthroposophie. Einer eklektischen Sammlung verschiedenster Theorien, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts als Gegenentwurf zur Industrialisierung und ihren Folgen verstanden.

Nach Zander sei Anthroposophie der Versuch, in höhere, geistige, übersinnliche Welten einzutreten und diese zu erkennen. "Die Anthroposophie hat sich als Avantgarde der Esoterik um 1900 verstanden. Das war ihr Versuch gegen eine Welt, von der sie glaubt, dass sie materialistisch, geistvergessen sei, eine Alternative aufzubieten", so der Historiker.

Erziehung als Kunst

1919, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges, bekommt Steiner die Möglichkeit, seine alternativen Ideen in die Praxis umzusetzen – in Stuttgart. Emil Molt, Direktor der dortigen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, will die Kinder seiner Arbeiter in die Schule schicken und das auch finanzieren. Er kauft ein Haus auf der Stuttgarter Uhlandshöhe. Dietrich Esterl, Chronist der dortigen Waldorfschule erklärt, dass Molt für seine Arbeiterkinder eine zwölfjährige Bildung ermöglichen wollte. Und dazu habe er Steiner geben, die Schule einzurichten.

Kinder bepflanzen verschiedene Dinge, zum Beispiel viele Tetrapacks.
Auch Gaartenbau gehört zu den Bildungsinhalten Steiners. Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Steiner beschäftigt sich immer wieder mit Erziehungsfragen, hält Vorträge dazu, im Frühjahr 1919 auch vor der Belegschaft der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Ihm geht es um Ganzheitlichkeit in der "Erziehungskunst" – wie er es nennt. Intellektuelle Fähigkeiten sollen ebenso gefördert werden wie künstlerisch-praktische, durch Fächer wie Töpfern, Gartenbau oder eben Eurythmie.

Fremdsprachen schon ab der ersten Klasse. Kein Sitzenbleiben, keine Noten, stattdessen schriftliche Beurteilungen. Lustvoll soll gelernt werden, mit allen Sinnen. Steiner bildet dafür 15 Lehrer aus und drückt aufs Tempo.

Kein halbes Jahr von der Idee bis zur Vollendung

Heiner Barz ist Erziehungswissenschaftler und sagt, dass es noch nicht mal ein halbes Jahr von der Idee bis zum Beginn der ersten Klasse im Jahr 1919 gedauert habe. "Insofern ist das schon eine eigentlich sensationelle Tatsache, wie rasch das ging und wie sehr dann, trotz dieser Schnelligkeit damals, bisher das Konzept bis heute eigentlich durchhält."

Steiners Stuttgarter Schul-Versuch ist ein Erfolg. Im September 1919 für rund 250 Schüler eingerichtet, lernen zehn Jahre später hier schon über 1000 Jungen und Mädchen – gemeinsam. Nicht das einzige Novum zu der Zeit.

Vorreiter bei der Gleichstellung

Barz erklärt, dass die Waldorfschule eigentliche die erste Gesamtschule Deutschlands gewesen sei.

Schulkinder erkunden die Semperoper in den Ferien. Als Detektiv suchen die Kleinen ein verschollenes Amulett, hören Märchen über die lange Geschichte des Gebäudes und lernen die Einzelnen Berufe kennen.
Die Waldorfschule war die erste Gesamtschule Deutschlands. Bildrechte: Avantgarde

Die erste Schule, die wirklich keine Unterschiede bei den Kindern nach Begabung, nach Herkunft oder nach späteren beruflichen Zielvorstellungen gemacht hat.

Heiner Barz, Erziehungswissenschaftler

Das System habe von Beginn an gesagt, dass alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden – zwölf Jahre lang. "Insofern ist das schon ein eminent reformpädagogischer Gedanke."

Modell für weitere Schulgründungen

Rudolf Steiner berät die Stuttgarter Schule in den ersten Jahren. Er stirbt 1925. Seine Waldorfschule indes wird schnell zum Modell für zahlreiche Schulgründungen, weltweit. Viele in den Anfängen entwickelte Grundzüge haben sich bis heute erhalten – Anlass auch für Kritik und Krisen in nun 100 Jahren Waldorfschule.

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Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 14:49 Uhr

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