1963, Menschen hören Musik aus einem Transistorradio
1963 gab es die kleinen Plärrkisten überall. Bildrechte: imago/CTK Photo

Vor 65 Jahren Erstes kommerzielles Transistorradio macht Musikgenuss mobil

1954 wurde das erste kommerzielle Transistorradio vorgestellt. Dank kleiner elektronischer Bauteile, die die voluminösen Röhren ersetzten, waren Musik und Nachrichten nun auch unterwegs verfügbar. Doch was für die Jugend eine Befreiung war, regte die älteren Generationen auf. Überall standen nun Jugendliche mit ihren "Kofferheulen" und konnten laut ihr "Yeah, yeah, yeah …" hören.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

1963, Menschen hören Musik aus einem Transistorradio
1963 gab es die kleinen Plärrkisten überall. Bildrechte: imago/CTK Photo

Wir haben uns längst daran gewöhnt, an jedem noch so ungewöhnlichen Ort Musik hören zu können, ob auf dem Klo, beim Fallschirmsprung oder auf der Zugspitze. Angefangen hat das vor rund 65 Jahren mit der Ankündigung des ersten kommerziellen Transistorradios. Der Technologiekonzern Texas lnstruments kündigte es am 18. Oktober 1954 in den USA an. Vor allem Jugendliche konnten dadurch ihre Lieblingshits immer und überall hören – was nicht jedem gefiel. "Akustische Umweltverschmutzung" ist dank des Transistorradios etwas später auch ein Thema in der DDR:

Das ist nämlich eine wirkliche Umweltverschmutzung! Außerdem, eine beliebte Form ist auch, das Kofferradio laut anzustellen in Zügen und in S-Bahnen. Also, ich finde das eine Unverschämtheit, in einem Zug, wo zwanzig Leute vielleicht in einem Abteil sitzen!

Klaus Lenz, 1977 im Radio DDR-Musikklub

Klein aber oho

Durch die Miniaturisierung der Bauelemente war der Funkempfänger auf Taschengröße geschrumpft. Zur Freude für die einen, zum Ärger der anderen. Forderungen nach Ruhezonen und "Phon-Begrenzern" werden laut.

"Transistron" heißt die europäische Variante der neuen Technik, an der zu Beginn der 50er-Jahre auch zwei deutsche Forscher tüfteln: Heinrich Welker und Herbert Mataré. Letzterer stellt Ende 1953 mit seiner Firma auf der Düsseldorfer Funkausstellung einen aus vier Transistoren aufgebauten Empfänger vor.

Es fand bei den Menschen sehr großen Anklang. Sie waren überrascht, wie klein dieses Radio war.

Der deutsche Forscher Herbert Mataré im Rückblick

Doch den großen Durchbruch schafft der kleine Transistor ein Jahr später in Übersee: die US-amerikanischen Firma Texas Instruments stellt im Oktober 1954 das Regency-TR1 vor. Eigentlich ist es eher eine Art Spaß-Produkt, denn die Manager in der Rundfunkindustrie zeigen sich anfangs zögerlich in Sachen Transistor.

Doch das neue Taschenradio wird zum Renner. Schnell zieht die Konkurrenz nach, auch in Japan. Was die Größe betrifft, so wird ja gern getrickst, wie der Radio-Sammler Joe Bidwell erzählt: "Das Gerät von Sony passte nicht in normale Hemdtaschen. Also ließ Sony für seine Verkäufer Hemden mit extra großer Hemdtasche anfertigen, denn genau darum ging es."

Weniger Wärmeentwicklung

Die kleinen Transistoren tun im Grunde das, was zuvor größere Röhren erledigten: Schalten und Verstärken. Nur schaffen sie das mit geringerer Spannung und Verlustwärme. So verbrauchen sie weniger Strom, sind leichter und langlebiger. Anfangs allerdings kann man nur Mittelwelle empfangen und der Klang ist nicht zu vergleichen mit dem alter Röhrenempfänger.

Mit den neuen Radios werden Musik und Information mobil. Auch in der DDR. Hier bringt 1959 der VEB Stern-Radio ein Transistorradio in die Läden, Produktname: "Sternchen".

Stern-Radio Sternchen DDR-Design
Das "Sternchen" kam 1959 in der DDR auf den Markt Bildrechte: Günter Höhne

Immer und überall

Ob in Ost oder West, in jedem Fall hat der Transistorempfänger dem Hörfunk in den 50er- und 60er-Jahren eine Hoch-Zeit beschert. Das Fernsehen ist damals noch kein Massenmedium, das Radio nun aber überall verfügbar, als Koffer- oder Taschengerät, batteriebetrieben und robust.

Es ist ein Symbol für Unabhängigkeit, gerade bei Jugendlichen. Ein Kult-Gerät, weit weg von der elterlichen Wohnzimmeranlage. Die "Kofferheule" wird akustischer Zeitzeuge und Beförderer des Siegeszugs von Rock- und Beatmusik.

Stern-Radio-Recorder
Größere Transistorradios versprachen besseren Klang. Bildrechte: MDR/M.Thoms

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Oktober 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren