Esther Safran Foer: "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind" Mutter von Jonathan Safran Foer erkundet ihre tragische Familiengeschichte

Esther Safran Foer ist die Mutter des Schriftstellers Jonathan Safran Foer, der mit seinem ersten Roman "Alles ist erleuchtet" einen Welterfolg landete. Jonathans Buch entstand auf einer Ukraine-Recherchereise, auf der Suche nach den Spuren seiner von den Deutschen ermordeten jüdischen Vorfahren. Nun hat seine Mutter ein Buch über das gleiche Thema geschrieben. Es ist die bewegende Geschichte einer Frau auf der Suche nach ihrer Familie in der Ukraine.

Grabsteine auf dem Jüdischern Friedhof in Czernowicz, Bukowina, Ukraine
Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof in Czernowicz, Ukraine Bildrechte: imago images / imagebroker

Als der damals 25-jährige Jonathan Safran Foer seinen ersten Roman veröffentlichte mit dem Titel: "Alles ist erleuchtet", wurde das ein Welterfolg. Das Buch entstand auf einer Ukraine-Recherchereise auf der Suche nach den Spuren seiner von den Deutschen ermordeten jüdischen Vorfahren. Jetzt hat die Mutter von Jonathan, Esther Safran Foer, ein Buch über das gleiche Thema geschrieben.

Weil Esther Safran Foer, die ihren Sohn vor Jahren selbst auf die erste Spurensuche in die Ukraine geschickt hatte, immer noch keine Antwort hatte auf ihre offenen Fragen, begibt sie sich selbst auf die Suche.

Ihr Vater, Leibel Safran, war vor der Ehe mit Esthers Mutter, schon einmal verheiratet gewesen und er hatte eine Tochter gehabt. Das hat Esther erst spät erfahren. Im damals polnischen, heute ukrainischen Gebiet wurden die Frau und die sechsjährige Tochter von Leibel 1942 von den Deutschen ermordet, während er auf einem Arbeitseinsatz war. Er konnte fliehen und sich verstecken.

Esther Safran Foer
Esther Safran Foer Bildrechte: imago/ZUMA Press

Verschwundener Ort

Der Ort in dem das geschah, Trochenbrod, ist heute von der Landkarte verschwunden. Früher wohnten dort 5.000 Juden. Kein Haus steht mehr, es ist im traurigen Sinne des Wortes Gras drüber gewachsen.

Aber in der Familie gibt es ein altes Foto: Das zeigt ihren Vater als jungen Mann und einen Ukrainer, von dem es hieß, er habe den Vater vor den Deutschen versteckt. Esther betreibt echte Detektivarbeit, um zwei Dinge herauszufinden: Lässt sich die Familie des Mannes, der ihren Vater in seinem Haus versteckt hat finden und: Wie hieß ihre ermordete Halbschwester? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Vererbte Ängste

Es gibt diese Familiengeheimnisse. Die immer da sind, die Fragen aufwerfen. Das Schweigen der Eltern seit der Kindheit. Es beginnt schon damit, dass ihr Vater ein falsches Geburtsdatum für sie angegeben hat und einen falschen Geburtsort. Ihr offizieller Geburtstag ist der 8. September. Aber jedes Jahr am 17. März kommt ihre Mutter in ihr Zimmer und flüstert: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag". Vermutlich hat ihr Vater ihr Geburtsdatum und den Ort gefälscht, um in die USA einreisen zu können.

Esther Safran Foer, Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind, buch, cover
Buchcover: Esther Safran Foer – "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind" Bildrechte: Kiepenheuer und Witsch

Als Esther acht ist, nimmt sich ihr Vater Lois oder Leibel das Leben. Die Vergangenheit hat ihn nicht losgelassen. Darüber geredet hat er nie. Aber diese Verfolgungserfahrungen vererben sich weiter über die Generationen. Das beschreibt der Begriff Postmemory und dieses Phänomen treffen wir hier an. Esther Safran Foer und auch ihre Söhne, die nächste Generation, stehen im Bann der Erlebnisse der Eltern und Großeltern mit dem Holocaust, der Shoah. Und das ist es, was Esther antreibt.

Sie recherchiert in Archiven, nimmt weltweit Kontakt auf mit Nachkommen der Trochenbroder, sie beauftragt einen FBI-Spezialisten für Fotoerkennung. Nach Jahren dann – und es ist wirklich fast unglaublich – sitzt sie in einem Wohnzimmer in einem kleinen Ort in der heutigen Ukraine und ihr gegenüber sitzt die Enkelin von Davyd Zhuvniruck: das ist der Mann, der Esthers Vater Leibel Safran in seinem Haus versteckt hielt vor den Deutschen.

Dann wird eine sehr alte Dame aus dem Dorf dazu geholt, Safran Foer fragt sie, ob sie sich an den Namen ihrer Halbschwester, Leibels Tochter, erinnert. Sie beschreibt den Moment im Buch so:

Natürlich, sagte sie und sah mir in die Augen. Ihre Schwester hieß Asya. Der Raum war still. Ich konnte kaum atmen. Jetzt kannte ich den Namen meiner Schwester, hatte etwas, um ihr kurzes Leben zu dokumentieren. Ich konnte sie mir draußen auf diesen Feldern vorstellen, wie ihr langes schwarzes Haar wehte, wenn sie hinter dem Ball herrannte.

Aus "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind" von Esther Safran Foer

Reise zu den Gräbern

Es ist absolut berührend, was diese Reise auslöst. Safran Foer unternimmt sie gemeinsam mit ihrem Sohn Frank. Aber es ist auch eine Reisegruppe aus Nachfahren der Ermordeten aus aller Welt dabei, aus Brasilien, den USA, aus Israel.

Ein Soldat der Einsatzgruppe D ist im Begriff, 1942 einen Juden zu erschießen, der an einem teilweise gefüllten Massengrab in Vinnitsa, Ukrainische SSR, Sowjetunion, niederkniet.
Erschießung von Juden durch einen deutschen Soldaten 1942 in der Ukraine Bildrechte: imago/United Archives International

Und gemeinsam laufen sie durch die ukrainischen Wälder, zu den Massengräbern, zu verfallenen, überwachsenen Gedenksteinen, besuchen ihre Vorfahren um ihnen eines zu sagen: Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind – so erklärt sich dann auch der Titel des Buches. Hitler und seine Mörder haben es nicht geschafft, diese jüdischen Familien auszulöschen, in alle Winde zerstreut leben die Nachkommen, die Enkel und Urenkel diese Reise ist auch ein Triumph über Nazideutschland und Hitler.

Nebeneinander stehen diese absolut bewegenden Momente und sehr brutale Geschehnisse, die in einer gewissen Lakonie vorgetragen werden, Es sind furchtbare Verbrechen geschehen – aber die will Safran Foer quasi bannen. Durch Erinnerung, durch das Aufsuchen der Orte, durch das Gedenken und durch die Demonstration: Wir haben Überlebt.

Diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt

Die Shoah verkörperte die mörderische Form einer Biopolitik – die deutschen Täter entschieden, wer leben durfte und wer nicht. Aber durch das Weiterleben, durch Existenz der Nachkommen hat die Nazipolitik eben nicht den Sieg davon getragen – das ist die positive Botschaft dieses Buchs.

Und man bekommt andererseits nochmals vor Augen geführt, welche Verbrechen von unserer Großelterngeneration in der heutigen Ukraine an der jüdischen Bevölkerung begangen wurden: Holocaust mit Kugeln wird es genannt: Spezielle Mordkommandos, sogenannte Einsatzgruppen rückten an, ließen die jüdischen Bewohner Massengräber ausheben und erschossen die Menschen dann direkt am Rand der Gruben oder sie mussten sogar hinuntersteigen. Etwa eine bis eineinhalb Millionen Menschen wurden so ermordet. Eine Lehre aus dem Buch: Diese Geschichte ist noch lange, lange nicht zu Ende erzählt.

Esther Safran Foer
Esther Safran Foer Bildrechte: Laura Ashbrook Photography

Angaben zum Buch Esther Safran Foer: "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind"
Übersetzt von Tobias Schnettler
288 Seiten
ISBN: 978-3-462-05222-0
Kiepenheuer und Witsch

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. November 2020 | 07:10 Uhr