Eugen Ruge
Eugen Ruges neues Buch spielt in Moskau 1936: Die deutsche Kommunistin Charlotte ist den Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Mit ihrem Mann und einer jungen Britin reist sie durch die Sowjetunion ... Bildrechte: IMAGO

Empfehlung Eugen Ruges "Metropol": Wer bestimmt, was Wahrheit ist?

Mit seinem Debütroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" hat sich Eugen Ruge 2011 sofort in die erste Liga deutscher Schriftsteller geschrieben. Noch im selben Jahr brachte ihm das Buch gleich mehrere Preise ein, darunter den Deutschen Buchpreis. Es folgten weitere, etwas schmalere Werke und ein Band mit Theaterstücken. Nun folgt Ruges zweiter Roman, der von seiner Familie handelt, genauer gesagt von seinen Großeltern, die in den Dreißigern einige Jahre in der Sowjetunion verbracht haben, zuletzt im legendären Moskauer "Hotel Metropol".

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Eugen Ruge
Eugen Ruges neues Buch spielt in Moskau 1936: Die deutsche Kommunistin Charlotte ist den Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Mit ihrem Mann und einer jungen Britin reist sie durch die Sowjetunion ... Bildrechte: IMAGO

Eugen Ruge wurde 1954 im Ural geboren, seine Mutter ist Russin. Wenn jetzt ein Roman erscheint, der in Moskau spielt, liegt der Gedanke nahe, dass er von ihrer Familie handelt. Doch anders als gedacht, erzählt auch Eugen Ruges neuer Roman, wie bereits "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von der Familie seinen Vaters Wolfgang Ruge. Im Zentrum der Geschichte steht diesmal dessen Mutter Charlotte. Bereits in Ruges erstem Roman hatte sie eine Rolle spielt, als überzeugte Kommunistin, die aus dem mexikanischen Exil in die DDR zurückgekehrt war. Doch – so schreibt es Eugen Ruge im Nachwort von "Metropol" – wusste er selbst lange nicht, dass Charlotte vor dem Exil in Mexiko bereits mehrere Jahre in der Sowjetunion verbracht hatte. Gemeinsam mit Wilhelm, ihrem Mann, arbeitete sie dort für die OMS, den sowjetischen Nachrichtendienst der Kommunistischen Internationalen, eine Einrichtung, die unter der Bezeichnung "Punkt 2" irgendwo auf dem Land liegt. Doch eines Tages wird das Ehepaar von dort abberufen und im Moskauer Hotel "Metropol" untergebracht. Warum, wissen sie zunächst selbst nicht genau. Dem Leser gibt das Jahr der Handlung bereits einen Hinweis: es ist 1936 und die stalinistischen Säuberungen sind im vollen Gange.

Buch "Metropol" von Eugen Ruge 6 min
Bildrechte: Rowohlt

MDR KULTUR - Das Radio Di 08.10.2019 07:40Uhr 06:05 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Buch "Metropol" von Eugen Ruge 6 min
Bildrechte: Rowohlt

MDR KULTUR - Das Radio Di 08.10.2019 07:40Uhr 06:05 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Deutsche Kommunisten im Moskau der 30er-Jahre

Buch "Metropol" von Eugen Ruge
Buch "Metropol" von Eugen Ruge Bildrechte: Rowohlt

Das historische Panorama, das Eugen Ruge in "Metropol" zeichnet, ist weit, auch wenn die Handlung vorrangig rund um das Hotel "Metropol" stattfindet, in Hotelzimmern und Büros. Im Zentrum steht immer Charlotte Germaine, wie sich Eugen Ruges Großmutter in der Sowjetunion nennt. Flankiert wird sie jedoch von zwei weiteren eindrücklichen Figuren: Da ist Wassili Wassiljewitsch Ulrich, ein Richter und General, der im Akkord Menschen verurteilt, die ins Visier Stalins geraten sind. In der Regel sind es Todesurteile, die Wassili Wassiljewitsch nicht davon abhalten, in seiner Freizeit Schmetterlinge zu sammeln und unglücklich verheiratet zu sein. Und dann ist da noch Hilde Tal, eine Lettin, ebenfalls Kommunistin, die Charlotte und Wilhelm denunziert, vermutlich um ihr eigenes Leben zu retten. Es kommt allerdings anders, denn sie wird von Wassili Wassiljewitsch zum Tode verurteilt, während sich Charlotte und Wilhelm nach Paris und später nach Mexiko retten können.

Eugen Ruge widmet Charlotte Germaine, Wassili Wassiljewitsch Ulrich und Hilde Tal je eigene die Kapitel seines Romans und lässt deren Wege sich immer wieder kreuzen. Dazu kommen Dutzende weitere Personen, die ebenfalls im "Metropol" ausharren und von denen viele eines Tages einfach verschwinden. Denn das Prinzip der stalinistischen Säuberungen ist reine Willkür, die jeden jederzeit treffen kann. Warum ausgerechnet Charlotte und Wilhelm überleben, darüber kann Eugen Ruge nur mutmaßen.

Großes Thema nüchtern erzählt

Eugen Ruge protokolliert die Geschichte seiner Großeltern so nüchtern wie überzeugend. Wie bereits in seinem Erfolgsroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" lässt er die Ereignisse für sich sprechen, gibt ihnen Raum und überlässt die Bewertung seiner Figuren dem Leser. Diese Figuren sind stark und schwach zugleich, ihre Schicksale sind ambivalent und in diesem düsteren Kapitel sowjetischer Geschichte abhängig von Zufällen, Stimmungen und Launen. So denkt Wassili Wassiljewitsch Ulrich über dem Urteil von Hilde Tal darüber nach, warum er eigentlich Frauen immer in Arbeitslager schickt, obwohl in der Sowjetunion doch Gleichberechtigung herrsche. Es ist nur ein kurzer Gedanke, der für Hilde Tal jedoch das Todesurteil bedeutet und dem Leser den Atem stocken lässt.

Aktuelle Themen

Natürlich ist es ist ein biografischer Vorteil, dass Eugen Ruge aus einer sehr bewegten Familienchronik schöpfen kann. Wäre er jedoch kein ausgezeichneter Schriftsteller, würde er auch dieses Kapitel der Chronik nicht gekonnt verdichten und allgemeingültige Züge freilegen. Obwohl "Metropol" tief in der Vergangenheit spielt, in den 30er-Jahren in der Sowjetunion, denkt man bei der Lektüre die Gegenwart unwillkürlich mit. Denn das stalinistische Trauma wirkt bis heute nach, nicht nur in Russland, sondern in ganz Osteuropa. Und auch die Themen Überwachung, bewusst gestreutes Misstrauen und die Frage, wer darüber bestimmt, was Wahrheit ist, sind heute aktueller denn je. Mit "Metropol" hat Eugen Ruge ein ergreifendes, ein wichtiges Buch geschrieben.

Mehr Informationen: "Metropol" von Eugen Ruge
erschienen im Rowohlt Verlag (2019)
gebunden, 432 Seiten
ISBN: 349800123X
25 Euro

Auch das könnte Sie interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 08. Oktober 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren