Europa-Flaggen
Die Europäische Union wird aus 28 Mitgliedsstaaten gebildet. Bildrechte: dpa

28 Buch-Tipps In diesen Büchern steckt die Seele Europas

28 Staaten bilden derzeit die Europäische Union. Doch wie gut kennen wir unsere Nachbarn im gemeinsamen europäischen Haus? Literatur kann ein Reiseführer sein, für die Kultur und die Sprache eines Landes. Sie kann von Land und Leuten, von Tradition und Identität erzählen. Die Literatur-Redakteurinnen und -Redakteure von MDR KULTUR haben beispielhaft 28 Bücher ausgewählt, aus jedem Land eines. Keine repräsentativen, sondern persönliche Empfehlungen. Erlesen Sie mit uns Europa.

Europa-Flaggen
Die Europäische Union wird aus 28 Mitgliedsstaaten gebildet. Bildrechte: dpa

Belgien

Saskia de Coster: Wir und Ich; Klett-Cotta-Verlag, aus dem Niederländischen von Isabel Hessel

Belgien ist ein kleines Land mitten in Europa, das es gewohnt ist, zwischen den großen Nachbarn zu lavieren, sich zu arrangieren mit der Dreisprachigkeit, den vielen Religionen im Land, das zwischen Weltläufigkeit und nationalem Bewusstsein immer wieder eigene Wege findet. Der Roman der 1976 in Löwen geborenen Saskia de Coster führt in die Keimzelle der belgischen Identität, in eine Familie wie aus dem Bilderbuch, das beim Aufklappen allerdings einen Abgrund nach dem anderen präsentiert. Atemlos liest man dieses irre witzigen Stück Literatur. Typisch belgisch, typisch Europa.

Das Atomium in Brüssel
Das Atomium in der belgischen Hauptstadt Brüssel. Bildrechte: imago images / Jochen Tack

Bulgarien

Georgi Gospodinov: 8 Minuten und 19 Sekunden; Literaturverlag Droschl, aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann

Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov, Jahrgang 1968, gilt als eine wichtige literarische Stimme Bulgariens. Zu Europa sagt er: "… ganz Europa ist von Traurigkeit ergriffen. Die Reserven an Sinn und Zukunftshoffnung sind aufgebraucht. Die Vergangenheit war voller Zukunft. Sie enthielt viel mehr Zukunft, als wir heute haben." In seinem Erzählband "8 Minuten und 19 Sekunden" gibt es unter den 19 Geschichten keine, deren Lesezeit länger dauert, als das Licht von der Sonne zur Erde braucht. Gospodinov liefert hier melancholisch-apokalyptische Szenen zwischen Alltag und Absurdität, deren Zauber, Schalk und überraschenden Perspektivwechseln man sich schlecht entziehen kann.

Dänemark

Peter Høeg: Vorstellung vom zwanzigsten Jahrhundert; Hanser-Verlag, aus dem Dänischen von Monika Wesemann

Im ersten Roman von Peter Høeg wird Dänemark zum Mittelpunkt der Welt erklärt. Zumindest hat das der Graf von Mörkhöj genau berechnet. Zudem lässt der Adlige auf seinem Grund und Boden die Zeit anhalten. Doch damit ist das turbulente und phantastische Treiben in diesem Buch noch längst nicht entschieden. Wie schreibt Peter Peter Høeg im Vorwort: "Das ist die Geschichte der dänischen Träume, und es ist ein Protokoll dessen, was wir in diesem Jahrhundert gefürchtet, geträumt, gehofft und erwartet haben."

Strasse in Odense, Dänemark
Eine Strasse in der dänischen Stadt Odense. Bildrechte: IMAGO

Deutschland

Juli Zeh: Unterleuten, Luchterhand-Verlag

Landlust und Windenergie, Demokratie und Unterminierung: in diesem großen Gesellschaftsroman von 2016 sind alle denkbaren globalen, europäischen, deutschen und dörflichen Themen verhandelt. Juli Zeh führt in die Befindlichkeit der Vorgärten und läßt das Dorf an sich als Hauptfigur auftreten. Im idyllischen Mikrokosmos "Unterleuten" ist die Gewalt alltäglich, es geschieht sogar ein Mord. Die Verwerfungen zwischen den Menschen unter den kommenden Windrädern erzählen nicht zuletzt von einem deutschen Sonderweg in der europäischen Energiepolitik.

Estland

Jaan Kross: Wikmans Zöglinge; Osburg-Verlag, ins Deutsche von Irja Grönholm

Jungenstreiche und die erste Liebe. Jaan Kross beschreibt in diesem Buch die Erlebnisse des Schülers Jaak Sirkel, das Wikmansche Gymnasium in Tallinn ist dabei der Schauplatz. Der Roman spielt in einer für Estland besonderen Zeit, in den glücklichen Jahren der Unabhängigkeit zwischen den beiden Weltkriegen. Dieser und auch die anderen historischen Romane des im Jahr 2007 verstorbenen Jaan Kross sind wichtige Stimmen der estnischen Identität, die durch Jahrhunderte Fremdherrschaft geprägt ist.

Alexander-Newski-Kathedrale Tallinn
Die Alexander-Newski-Kathedrale im estnischen Tallinn. Bildrechte: imago/Rainer Weisflog

Finnland

Arto Paasilinna: Das Jahr des Hasen; Bastei-Lübbe, aus dem Finnischen von Regine Pirschel

Ein Hase rennt dem Journalisten Vatanen in der Mittsommernacht vor das Auto – und der nimmt die Gelegenheit wahr und steigt aus seinem Leben aus, nimmt sich des verletzten Langohrs an und begibt sich auf einen Roadtrip quer durch Finnland. Betrunkene Waldarbeiter, müde Kühe, finnische Soldaten, ein jagdlustiger Pfarrer und ein zurückgelassenes deutsches Waffenlager: Vatanen trifft in dieser liebenswürdigen Groteske aus dem Jahr 1975 die skurrilsten Gestalten und Situationen und trifft außerdem den typisch finnischen Sound, wie wir ihn auch aus Kaurismäki-Filmen oder den Mumin-Geschichten kennen. Mit diesem Hasen unterm Arm lässt sich noch heute vortrefflich durch die finnische Landschaft und Seele reisen.

Polarlicht in Finnland
Ein besonderes Naturschauspiel in Finnland: Polarlichter. Bildrechte: Colourbox

Frankreich

Patrick Modiano: Schlafende Erinnerungen; Hanser-Verlag, aus dem Französischen von Elisabeth Edl

Wenn Literatur aus Frankreich noch für Aufsehen sorgt, dann vor allem durch die Exzesse von Selbstentblößung und Zynismus in den hochgejazzten Gesellschafts-"Satiren" Michel Houellebecqs. Zum Glück hält Nobelpreisträger Patrick Modiano immer wieder mit wundervoll melancholischen Paris-Romanen dagegen – zuletzt etwa mit "Schlafenden Erinnerungen": ein Mann macht sich in Paris auf die Suche nach Frauen aus seiner Vergangenheit – und der Leser begleitet ihn dabei durch nächtliche Bars, morgendliche Cafés, fremde Wohnungen, sommerlich-verlassene Straßen. Frankreichs Hauptstadt rätselhaft entrückt und seltsam vertraut zugleich.

Der Eiffelturm in Paris
Der Blick über die französische Hauptstadt Paris. Bildrechte: Colourbox.de

Griechenland

Petros Markaris: Finstere Zeiten: Zur Krise in Griechenland; Diogenes-Verlag, aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger

Wie sieht sie aus, die Krise der Griechen, wie schreibt sie sich ein in Gesten, Sätze, Augen, in Stadtviertel, Bücher oder Medienberichte? Petros Markaris, einer der wichtigsten griechischen Autoren der Gegenwart, beobachtet und analysiert und fasst zusammen in zwölf lesenswerten Aufsätzen, die er für deutschsprachige Zeitungen wie "Die Zeit", "Die Wochenzeitung", "Die Tageszeitung" und die "Süddeutsche Zeitung" seit 2009 geschrieben hat. Die Krise, so erfahren wir, ist keine Naturgewalt und kein Schicksal. Sie ist von Menschen gemacht, wird von Menschen erlitten – und kann auch nur von menschlicher Solidarität überwunden werden.

Parthenon-Tempel der Akropolis.
Eines der berühmtesten Wahrzeichen Griechenlands: Der Parthenon-Tempel der Akropolis. Bildrechte: Colourbox.de

Vereinigtes Königreich

Jon McGregor: Speicher 13; Liebeskind-Verlag, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

Eine Geschichte, die mal nicht vor den Kulissen einer Metropole spielt. Ein Mädchen verschwindet an einem Tag in der Weihnachtszeit bei einer Wanderung durch mittelenglisches Moor – und McGregors lässt den Leser auf der Suche nach dem vermissten Kind nun durch Heide, Moore, Höfe streifen, in Häuser, Träume und Erinnerungen blicken. Die Absicht: Zeigen, wie Menschen in Gemeinschaft umgehen mit Tragödie. Ein Stück England erwacht dabei spannungsvoll zum Leben.

Kirche in St. Barnabas
Ein traditionelles Dorf auf dem Land in Großbritannien. Bildrechte: IMAGO

Italien

Wanda Marasco: Am Hügel von Capodimente; Hanser-Verlag, aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

Nein, Neapel ist nicht Italien. Aber viele Italien-Liebhaber sagen, dass sie in Neapel immer noch am ehesten jenes Italien entdecken, nach dem sie sich selbst gerne sehnen. Wanda Marasco bedient solche Sehnsüchte, ohne zu verklären. Sie bettet die Geschichte Rosas, einer Frau, die einst aus einem armseligen Dorf in die süditalienische Großstadt floh, in die raue neapolitanische Wirklichkeit der 50er und 60er Jahre. Man riecht, man schmeckt, man hört jenes Stück Italien so intensiv und eindringlich, wie nur sehr selten bei einer Lektüre – Leben (und Sterben) in Neapel: ein beeindruckendes literarisches Italien-Erlebnis!

Eine Frau genießt das abendliche Panorama Neapels, von einer Dachterasse aus.
Der malerische Blick über den Hafen Neapels. Bildrechte: imago/Photocase

Irland

Colm Tóibín: Nora Webster; Hanser-Verlag, aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini

Nora Webster, eine Frau in den Vierzigern, Mutter von vier Kindern, hat ihren Mann, die "Liebe ihres Lebens" verloren – und muss sich nun ein neues Leben erfinden, muss weiterleben, überleben. Eine Geschichte von Emanzipation und Aufbegehren in einer Gesellschaft, im Irland der Gegenwart, die von christlich-katholischen Werten geprägt ist. Und der Roman erzählt auch davon, wie sich die Iren mit den Katholiken in Nordirland solidarisieren, die ihre Konflikte mit den Briten austragen. Ein Buch, Jahre vor dem Brexit entstanden, und doch auch vor dem Hintergrund dieser Ereignisse zu verstehen.

Kroatien

Ivana Sajko: Liebesroman; Verlag Voland & Quist, aus dem Kroatischen von Alida Bremer

Von einem Krieg wird erzählt, dessen Sieger das Land mit einem Netz aus Korruption überzogen haben. Also ist die innere Struktur der hier entstandenen Gesellschaft ebenso wie die Struktur dieses Romanes: Der Teufelskreis. Egal wo die beiden Protagonisten ansetzen, wo sie sich auflehnen, um dann doch wieder zu resignieren: Es gibt keinen Notausgang, keinen Rettungsweg. Wie ein Virus dringt die allgegenwärtige Tristesse in die persönlichsten Verhältnisse und also auch in das Familienleben ein. So funktionieren Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert: Die Menschen werden klein und immer kleiner, und irgendwann glauben sie, dass sie an ihrem Elend selbst schuld sind und es nur weitergeben können. Ökonomie verwandelt sich in Psychologie, in Beziehungs-Unfähigkeit und Vereinsamung. Und trotzdem, Ivana Sajkos Buch heißt: Liebesroman. Am Ende ihres großartigen Romans erfindet die Autorin ihren Helden ein Wunder. Und wir, die Leser, verstehen: Es ist ein Signal, das Zeichen zum Aufstand, so aussichtslos dieser Aufstand auch sein mag.

Der alte Hafen in Dubrovnik
Der alte Hafen in kroatischen Stadt Dubrovnik. Bildrechte: IMAGO

Lettland

Valentina Freimane: Adieu, Atlantis; Wallstein-Verlag, aus dem Lettischen von Matthias Knoll

Seit 1922 pendelt die junge Valentina zwischen Riga, Paris und Berlin mit ihrer lettisch-jüdischen Familie umher und erzählt packende Geschichten aus Kinderperspektive. Doch 1941 muss sie in das von den Sowjets, dann den Deutschen und dann wieder den Sowjets besetzte Lettland zurück. Dabei verliert sie ihre Eltern, ihren Ehemann und viele ihrer Verwandten. Freimanes Schicksal berührt tief und erschafft ein packendes Zeitgemälde des 20. Jahrhunderts vom Kriegseuropa.

Litauen

Tomas Venclova: Der magnetische Norden: Gespräche mit Ellen Hinsey. Erinnerungen; Suhrkamp-Verlag, aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Sinnig

Obwohl Tomas Venclova seit vielen Jahrzehnten in den USA lebt, trägt er seine Heimat immer in sich. Denn dass er in Litauen als Kind zwei Besatzungen miterleben musste – durch die Sowjets und durch die Nazis – prägte ihn tief und weckte in ihm zugleich das Fernweh. Als Dichter, Übersetzer und Menschenrechtler geriet er ins Visier des KGB und wurde 1977 während eines Aufenthaltes in den USA ausgebürgert. In "Der magnetische Norden" lässt Tomas Venclova sein Leben Revue passieren und erzählt seiner Dichterkollegin und Übersetzerin Ellen Hinsey von Freundschaft, Politik und Poesie und von der komplizierten Geschichte Mittelosteuropas, dessen literarisches Herz auch und besonders in Litauen schlägt.

Der litauische Autor Tomas Venclova.
Der litauische Autor und Dichter Tomas Venclova. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Luxemburg

Guy Helminger: Neubrasilien, Eichborn-Verlag

Kommen und gehen, Transit und Heimat. Anhand zweier verwobener Erzählungen erzählt der Autor von diesen gegenläufigen und doch einander bedingenden Bewegungen. Im Frühjahr 1828 macht sich ein Häuflein luxemburgischer Landbewohner auf nach Brasilien, um dort ein neues Glück zu finden. Und 170 Jahre später, kurz vorm Eintritt ins 21. Jahrhundert, kommen montenegrinische Flüchtlinge nach Luxemburg, um dort ebenfalls ihr Glück zu versuchen. Guy Helminger schreibt von Luxemburg aus über Europa als Land der Migration, darin gefangen zwischen Freude, Hoffnung und Traumatisierung: das kleine Land mit seinen Gehenden und Ankommenden wird genau und spannend erzählt zum pars pro toto.

Mahnmal Gëlle Fra in Luxemburg
Eines der Wahrzeichen Luxemburgs: Das Mahnmal Gëlle Fra. Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Malta

David Ball: Asha, Sohn von Malta; Schneekluth-Verlag, ins Deutsche von Rainer Schmidt

Zugegeben: Malta ist eine harte Nuss. Trotz großangelegter Recherche und verworfener Krücken wie "Der Malteserfalke" oder Thomas Pynchons "V." kann hier nur auf einen Schriftsteller verwiesen werden, der nicht aus Malta stammt, der aber ÜBER Malta schreibt und die Insel als Schauplatz für einen süffigen und spannenden Historienroman nutzt. David Ball schreibt über die Verteidigung Maltas durch einige mutiger Ritter des Malteserordens gegen die übermächtige Flotte der Osmanen im Jahr 1565 und verknüpft dabei die Lebensgeschichte zweier fiktiver Helden mit den verbrieften geschichtlichen Ereignissen, Romanzen und Kämpfe inklusive, auf über 1.000 Seiten. Es bleibt dabei: Der große Malta-Roman eines Maltesers steht noch aus.

Valetta, Malta
Die maltesische Hauptstadt Valetta, deren Geschichte bis ins 16. Jahrhundert reicht. Bildrechte: colourbox.com

Niederlande

Gerbrand Bakker: Oben ist es still; Suhrkamp-Verlag, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Ein Bauernhof irgendwo in Holland. Ringsum Wiesen, Felder und Himmel so weit das Auge reicht. Helmer van Wonderen ist aus Amsterdam zurückgekehrt und räumt das Haus seines alten Vaters aus, der im Obergeschoss auf den Tod wartet. Allerdings hat der Tod es nicht eilig und der Vater ist zäh. Während Helmer sich also im Erdgeschoss einrichtet, erinnert er sich an Kindheit und Jugend in dieser Gegend, an seinen verstorbenen Zwillingsbruder und an seine erste Liebe, die nicht sein durfte, denn sie galt einem Mann. Von dieser nur auf den ersten Blick kleinen übersichtlichen Welt erzählt Gerbrand Bakker lakonisch, mit trockenem Humor und blickt zugleich tief in die niederländischen Seele, die bis heute von der herben Landschaft hinter den Deichen geprägt ist.

Internationale Blumenausstellung - Tulpenbeet vor Windmühle
Dafür sind die Niederland auch bekannt: Blumen und Windmühlen. Bildrechte: IMAGO

Österreich

Thomas Bernhard: Heldenplatz, Suhrkamp-Verlag

Man erinnert sich in Österreich nur ungern daran, doch als Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz in Wien den "Anschluss" Österreichs an Deutschland verkündet, ist der Jubel riesig. 50 Jahre später treffen sich die Familie Schuster und deren engste Freunde in einer Wohnung in der Nähe des Heldenplatzes, um den Tod von Professor Josef Schuster zu betrauern, einem von den Nazis vertriebenen und später heimgekehrten Gelehrter. Der hat Selbstmord begangen, weil er die Situation im gegenwärtigen Österreich als "noch viel schlimmer als vor fünfzig Jahren" empfunden hatte. Thomas Bernhard, das enfant terrible der österreichischen Literatur, hat mit diesem Drama den Finger in die Wunde unverarbeiteter Traumata gelegt. 1988 hat er mit dem Stück ein Skandal ausgelöst und zugleich ungeahnte Weitsicht bewiesen, die bis heute tief in die Seele Österreichs blicken lässt.

Polen

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand; Suhrkamp-Verlag, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

Europa wächst vom Osten her. Stasiuks Romane erzählen von den dazugehörigen Schmerzen, den Wachstums-Schmerzen, die manchmal echt sind, manchmal auch nur eingebildet. Dieses Wesen, Europa, fantasiert in die Zukunft und erinnert seine Vergangenheit, es träumt den Trödelmarkt am Fuße des neuesten Wolkenkratzers und die Modenschau in der Altkleidertonne. Hinter der Blechwand trommelt und wispert Andrzej Stasiuks Europa!

Warschau Hochhaus Skyline Kulturpalast
Der nächtliche Blick über die polnische Hauptstadt Warschau. Bildrechte: IMAGO

Portugal

Jose Saramago: Das Zentrum; Rowohlt-Verlag, aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis

Ein idyllisches portugiesisches Dorf. Ein gigantisches Einkaufszentrum. Die traditionelle Töpferware des alten Cipriano wird durch Plastik ersetzt. Doch das will er sich nicht gefallen lassen und wehrt sich mit einer genialen Idee. Mit Anspielungen an das Höhlengleichnis, einer detailreichen Darstellung der Konsumwelt und feinem Humor wirft der Nobelpreisträger Saramago einen kritischen Blick auf unsere moderne Gesellschaft.

Ein Wagen der Straßenbahnlinie 12 fährt durch eine Gasse in Lissabon
In Lissabon gehören sie zum Stadtbild: Die Wagen der Straßenbahnen, die die hügeligen Straßen durchqueren. Bildrechte: dpa

Rumänien

Catalin Dorian Florescu: Der Nabel der Welt, C.H. Beck

Nora flieht aus der rumänischen Provinz in die Schweiz. Simone, ein erfolgreicher Unternehmer, und Houcine, ein marokkanischer Dieb, treffen auf der Turiner Piazza della Repubblica aufeinander. Flucht und Vertreibung und Heimat: Das sind zentrale Begriffe des gegenwärtigen Alltags in Europa. Wie sie politisch eingesetzt werden, hören wir jeden Tag in den Debatten. Wie sie sich anfühlen im Leben, im Dreck und manchmal auch in den Momenten von Rettung und Erlösung, erfahren wir aus den Erzählungen des rumänischen Autors Catalin Dorian Florescu.

Catalin Dorian Florescu auf der Leipziger Buchmesse Deutschland, Leipzig.
Der rumänische Autor Catalin Dorian Florescu. Bildrechte: IMAGO

Schweden

Maj Sjöwall und Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen; Rowohlt-Verlag, aus dem Schwedischen von Johannes Carstensen, Dagmar-Renate Jenich, Eckehard Schultz und Hans-Joachim Maass

Wussten Sie, dass der Skandinavienkrimi Eltern hat? Das Schreiberpaar Sjöwall und Wahlöö hat in den Jahren von 1965 bis 1975 die zehnteilige Serie "Roman über ein Verbrechen" geschrieben – zehn Krimis, die von den bekennenden Marxisten als großes Gesellschaftsporträt angelegt sind und in denen Kommissar Martin Beck nicht allein die Hauptfigur ist. Protagonist ist vielmehr die schwedische Gesellschaft, deren sozialdemokratisches Ticken, deren Moralvorstellungen und Neurosen man in diesen Büchern gründlich verstehen lernt. Das Ausloten der Kriminalität und ihrer Funktion im sozialen Gefüge wurde zur Vorlage für alle nachfolgenden Krimis, die wir als typische Skandinavienkrimis kennen – aber nur wenige kamen bisher an dieses spannende und ideologisch hellwache Vorbild von Sjöwall und Wahlöö heran.

Luftaufnahme der schwedischen Stadt Stockholm mit Blick auf die Altstadt und Segelboote auf dem Riddarfjarden.
Die schwedische Hauptstadt Stockholm aus der Luft betrachtet. Bildrechte: dpa

Slowakei

Michal Hvorecký: Troll; Verlag Klett-Cotta, aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch 

Eine Dystopie aus Osteuropa, die der Wirklichkeit erschreckend nahekommt. Michal Hvorecký, der nicht nur Autor, sondern auch DJ ist, lässt in seinem wilden Science-Fiction-Roman ein Heer aus Trollen auftreten, das das Internet beherrschen und die öffentliche Meinung lenken, während die europäische Gemeinschaft längst zerfallen und durch die Festung Europa ersetzt wurde. Als die deutsche Übersetzung des Romans im August 2018 erschien, war die Slowakei gerade vom Mord an dem jungen Journalisten Ján Kuciak erschüttert worden und wurde Michal Hvorecký zu einer wichtigen Stimme für Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen in seinem Land.

Slowenien

Goran Vojnović: Unter dem Feigenbaum; Folio-Verlag, aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof

Der slowenische Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur Goran Vojnović, 1980 in Ljubljana geboren, erzählt in seinen Romanen von seinem Heimatland Slowenien und dessen Menschen. Mutig und wortgewandt nimmt er in seinen Geschichten die vielen, auch verfeindeten ethnischen Fäden des einstigen Vielvölkerstaates Jugoslawien auf und zeigt, wie die jugoslawische Nachkriegsgeneration tickt. In seinem aktuellen Roman "Unter dem Feigenbaum" schreibt Vojnović gegen nationalistische Feindschaften an und erzählt anhand einer bemerkenswerten Familiensaga wie Sprache, schlimme Erinnerungen, persönliche Handlungen und durchlebte (Kriegs-)Geschichte immer auf die nächsten Generationen wirken.

Ljubljana
Blick in die pittoreske Altstadt Ljubljana. Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Spanien

Fernando Aramburu: Patria; Rowohlt-Verlag, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen

Was bedeutet Spaniern "Heimat"? Wie gegensätzlich sie diese Frage beantworten dürften, lässt etwa der derzeit so heiße Konflikt um den Status Kataloniens erahnen. Immerhin aber kämpfen die Katalanen um Unabhängigkeit (bisher) allein mit politischen Mitteln. Mit blutiger Gewalt haben es dagegen jahrzehntelang Terroristen im Baskenland versucht: Etwa 830 Menschen sind bis Anfang vergangenen Jahres (als sich die ETA formal auflöste) Attentaten der baskischen Extremisten zum Opfer gefallen. Fernando Aramburu erzählt die Geschichte dieses blutigen Kampfes aus der Perspektive zweier rivalisierender Familien – wuchtig, mitreißend, hoch-emotional. Ein Roman ganz weit weg vom gängigen Sonne-Strand-und-Palmen-Klischee

Der Park Guell in einer Sommernacht in Spanien, Barcelona
Der Park Guell in der spanischen Metropole Barcelona. Bildrechte: Colourbox.de

Tschechien

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise, Luchterhand-Verlag

Zwei Männer reisen mit der Eisenbahn durch Mitteleuropa. Wenzel Winterberg, ein 99 Jahre alter Sudetendeutscher und sein tschechischer Pfleger Jan Kraus folgen der historischen und ihrer eigenen Geschichte, anhand eines Reiseführers aus dem Jahr 1913. Sie werden dabei konfrontiert mit den Geistern der Vergangenheit, es geht um Liebe und Verrat. Jaroslav Rudiš lässt Winterberg und Kraus auf dieser Reise lernen, das uns – historisch wie menschlich – mehr miteinander verbindet als uns trennt.

Die Karlsbrücke mit Prager Burg und Veitsdom
Ein Wahrzeichen der Tschechischen Republik und Prags: Die Karlsbrücke. Bildrechte: imago/imagebroker

Ungarn

Péter Esterházy: Harmonia Caelestis; Berlin-Verlag, ins Deutsche von Terezia Mora

Péter Esterházy musste nicht lange suchen, um die Geschichte seines Landes in seinem Opus Magnum literarisch zu verarbeiten. Er musste einfach nur die Chronik seiner illustren Familie aufschreiben. In deren Mittelpunkt steht Esterházys Vater, der so einige Figuren in sich vereint: Don Juan, Nichtsnutz, Magnat, Gelehrter, Verrückter und Tyrann. Doch Péter Esterházy belässt es nicht beim Vaterporträt, sondern berichtet vom Leben seiner adligen Familie unter den Bedingungen der Diktatur, von Enteignung, Aussiedlung, Verarmung und lässt den Leser mit melancholischem Tiefsinn und zärtlichem Humor in Geschichte und Gegenwart Ungarns eintauchen.

Dämmerung über Donau und ungarischem Parlament
Die an der Donau gelegene ungarische Hauptstadt Budapest. Bildrechte: IMAGO/Westend61

Zypern

Joachim Sartorius: Mein Zypern, Mare-Verlag

Von den Phöniziern bis zu den Briten. Zypern hat viele Herrschaften erlebt. Diese Insel besticht nicht nur durch ihre Schönheit sondern war stets aufgrund ihrer strategischen Lage sehr begehrt. Joachim Sartorius, der einige Jahre auf der Insel lebte, unternimmt mit dem Leser einen sehr persönlichen Streifzug durch das Zypern von damals und heute. Er wahrt dabei, als Freund von Zyperngriechen wie Zyperntürken, einen offenen Blick auf die schwierige Situation dieser, bis heute geteilten Insel.

Blick auf Mönchskloster
Zypern trennt sich in einen griechischen und einen türkischen Teil. Bildrechte: Colourbox

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2019, 20:59 Uhr