Nieuwestad Gracht an der Nieuwestad am Abend im historischen Zentrum von Leeuwarden
Die Nieuwestad Gracht im historischen Zentrum von Leeuwarden Bildrechte: IMAGO

Europäische Kulturhauptstadt 2018 Leeuwarden - Schräge Stadt mit schiefem Turm

von Ludger Kazmierczak (WDR), ARD-Korrespondent aus Den Haag

Nieuwestad Gracht an der Nieuwestad am Abend im historischen Zentrum von Leeuwarden
Die Nieuwestad Gracht im historischen Zentrum von Leeuwarden Bildrechte: IMAGO

Wie Pisa hat auch Leeuwaarden einen schiefen Turm. Das passt zur Hauptstadt der Provinz Friesland, die irgendwie anders ist, als der Rest des Landes. Etwas eigenwillig und verschroben. Das fängt schon mit der Sprache an. Für die Friesen heißt Leeuwarden nämlich nicht Leeuwarden, sondern Ljouwert.

Zwei Sprachen in Eintracht

Der Oldehove – Wahrzeichen der Stadt (Turm)
Der schiefe Turm von Leeuwaarden Bildrechte: WDR/Ludger Kazmierczak

Weil der Friese stolz auf sein Land und seine Sprache ist, sind die Städte und Dörfer in der Provinz alle zweisprachig ausgeschildert. Sneek heißt Snits, Harlingen Harns, Sloten heißt Sleat und Hindeloopen Hylpen. Und das sei keinesfalls ein Marketing-Gag, versichert Mirjam Vellinga von der Kulturstiftung Afuk: "Viele Menschen sprechen Friesisch und kennen ihren Ortsnamen auch nur in der friesischen Variante. Da wäre es also verrückt, wenn man das auf den Ortsschildern nicht wiedererkennen würde. Es ist aber auch schön, um zu vergleichen: sind da Übereinstimmungen, wo liegen die Unterschiede? Man kann es natürlich auch als Marketingmittel einsetzen, so wie sie es in Schottland, Wales und Irland auch machen."

Etwa Dreiviertel der 650.000 Provinzeinwohner sprechen neben Niederländisch auch (oder vor allem) Friesisch. Und die Stiftung Afuk sorgt mit Kursen, Buchpublikationen und Literaturübersetzungen dafür, dass die Sprache nicht ausstirbt. Auch an den Grundschulen, so Mirjam Vellinga, werde selbstverständlich "Frysk" unterrichtet. Als Sprache wohlgemerkt - nicht als Dialekt.

Es ist wirklich eine eigene Sprache und eher mit dem Englischen verwandt als mit dem Niederländischen.

Mirjam Vellinga über das Friesische

Deutsch-Friesische Familienbande

Die Namen vieler Geschäfte in der historischen Altstadt von Leeuwarden erinnern bis heute an die engen Bande zwischen Friesen und Deutschen. Vor allem Textilhändler hat es hierher gelockt. Menschen mit deutschen Familiennamen wie Voss, Lampe, Schwaigmann, Drunkmann finden sich hier. Stadtführer Ad Fahner berichtet, das vor 100 Jahren viele Leute aus Deutschland gekommen sind und "der zweite Laden von C&A war hier in Leeuwarden. Clemens und August Brenninkmeijer haben hier gewohnt."

Mit seinen malerischen Grachten, den gemütlichen engen Gassen und den fein herausgeputzten Giebelhäusern erinnert Leeuwarden durchaus an die niederländische Hauptstadt Amsterdam.

Es ist ein bisschen Klein-Amsterdam hier, wenn man das sieht. Und hier da unten, der Bier-Kai, sagen wir, das ist wie in Utrecht. Das hat man nur in Utrecht und in Leeuwarden.

Ad Fahner, Stadtführer

Die Kneipen-Terrasse direkt an der Gracht lädt im Sommer zum Feierabend-Bierchen ein - zum "Borrel". Und wer seinem Magen nach fettigen "Bitterballen" oder anderen Snacks aus der Fritteuse etwas Gutes tun will, der bestellt sich einen Beerenburger dazu, einen echt-friesischen Kräuter-Genever.

Geburtsort von Mata Hari

Mata Hari
Mata Hari Bildrechte: IMAGO

Oberhalb der "Bierkade" an der Gracht verläuft eine Einkaufsstraße, die zum Haus mit der Nummer 33 führt. Es steht leer. Nach einem verheerenden Brand ist das Gebäude gerade erst saniert worden. Ein historisches Schwarz-Weiß-Foto an der Eingangstür zeigt, dass es originalgetreu wieder aufgebaut wurde. So sah es aus, als hier im Sommer 1876 ein Mädchen namens Margaretha Zelle das Licht der Welt erblickte. Unter dem Künstlernamen Mata Hari sollte sie später weltberühmt werden. Ihr Ende war tragisch: 1917 wurde sie von den Franzosen als mutmaßliche Doppel-Spionin hingerichtet.

Mit einer großen Ausstellung versucht das Friesische Museum in Leeuwarden derzeit, sich dem "Mythos und dem Mädchen" anzunähern. Kris Callens, der Direktor des Museums ist davon überzeugt, dass viele Einwohner der Stadt ihre berühmteste, aber nicht immer geliebte Tochter dank der Ausstellung mit anderen Augen sehen.

In einem dieser Briefe schreibt sie: Ich schreite voran in die Zukunft, resolut, aber ich habe das Gefühl, dass es nicht gut ausgehen wird. Im Nachhinein betrachtet, hat sie damit prophetische Kräfte bewiesen.

Kris Callens, der Direktor des Friesischen Museums

Das Fries Museum (2013 eröffnet)
Das Friesische Museum in Leeuwarden Bildrechte: WDR/Ludger Kazmierczak

M.C. Escher - Leeuwardens berühmtester Künstler

M.C. Escher, Relativität - Lithographie
Eines der berühmten Kunstwerke von M.C. Escher Bildrechte: IMAGO

Im April 2018 wird Mata Hari im Museum Platz für den berühmtesten Künstler Leeuwardens machen: Für M.C. Escher, der mit seinen fast mathematisch durchdachten Zeichnungen unmöglicher Figuren zum Meistergraphiker der Illusion wurde. Und noch eine berühmte Persönlichkeit hat im Herzen Frieslands das Licht der Welt erblickt: die erste Frau von Rembrandt, Saskia van Uylenburgh. Ihr Vater war Bürgermeister von Leeuwarden.

Gegenüber von Saskias Geburtshaus liegt das ehemalige Gefängnis der Stadt - bis 2008 ein Knast für besonders schwere Jungs. Nun wird es umgebaut zur Bibliothek, in einigen Zellen kann man sich heute auch die Haare schneiden oder ein Tattoo stechen lassen. Außerdem findet sich in dem ehemaligen Knast das zentrale Informationsbüro zum Kulturhauptstadt-Jahr.

Gelebte Tradition in Leeuwarden ist das "kopje koffie" im Grutterswinkel, ein Lebensmittellädchen aus dem 17. Jahrhundert, das noch genauso aussieht wie vor 100 Jahren. Jahrzehntelang wurde das Geschäft von drei Schwestern betrieben. Heute ist es im Besitz einer Stiftung, die ein kleines Museum daraus gemacht hat. Der Grutterswinkel ist ein authentisches Stück Friesland: gediegen, etwas schrullig, aber sehr liebenswert - so wie sich die Stadt auch als Europäische Kulturhauptstadt präsentieren will.

Wouter van den Berg im Grutterswinkel (Blick in Laden)
Eine Zeitreise kann man im Grutterswinkel machen. In dem kleinen Lädchen sieht es noch so aus wie vor 100 Jahren. Bildrechte: WDR/Ludger Kazmierczak

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 03. Januar 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2018, 18:29 Uhr