Erwin Strittmatter, 1992 und Eva Strittmatter (GER) anlässlich der Leipziger Buchmesse 1997
Erwin Strittmatter (1992) und Eva Strittmatter (1997). Bildrechte: imago/fossiphoto

Sachbuch Briefe zwischen Eva und Erwin Strittmatter: Die Traumfrau und der große Mann

Eva und Erwin Strittmatter waren eins der wichtigsten und populärsten Schriftstellerpaare der DDR. Die Briefe, die sie sich gegenseitig schrieben sind nun als Sachbuch erschienen: "Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel" gibt Einblicke in ihre Liebesbeziehung, aber auch in das Alltagsleben in der DDR der 50er-Jahre und die Zusammenarbeit mit Zeitgenossen wie Bertolt Brecht oder Anna Seghers.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Erwin Strittmatter, 1992 und Eva Strittmatter (GER) anlässlich der Leipziger Buchmesse 1997
Erwin Strittmatter (1992) und Eva Strittmatter (1997). Bildrechte: imago/fossiphoto

"Du Schweigsame", "du Mädchenfrau" oder "Meine Schöne", so nannte Erwin Strittmatter seine (zunächst) Geliebte, später Ehefrau – Eva. Sie nannte ihn "Liebster", "großer Mann" oder auch "mein Mann". Zusammen waren sie das seit den 70er-Jahren bekannteste Schriftsteller-Ehepaar der DDR. Erwins Romane und Evas Gedichte erreichten in der DDR hohe Auflagen, ihr Schriftstellerzuhause im brandenburgischen Schulzenhof ist nach wie vor ein von Strittmatter-Lesern vielbesuchter Ort. Sohn Jakob öffne am Wochenende angemeldeten Besuchern das Hoftor und zeige ihnen die Arbeitsräume von Eva und Erwin, die einer des andern Ich sein wollten, so schreiben die Herausgeber am Ende des Bandes "Du bist mein zweites Ich: Der Briefwechsel Eva und Erwin Strittmatter".

Ich danke Dir, ich danke Dir und will es gern mit allem lohnen, was ich bin und was ich durch Dich noch werden kann. Du bist mein zweites Ich.

Erwin Strittmatter an seine spätere Frau Eva, 15. Juni 1952

Briefe aus der Zeit des Kennenlernens

In den Briefen geht es vor allem um die Jahre 1952 bis 1958, was ziemlich genau die Zeit vom Kennenlernen, vom ersten Liebeszauber bis zur Geburt des zweiten gemeinsamen Sohnes Matthes umfasst. Als Erwin Strittmatter im Jahr 1952 die 18 Jahre jüngere, in Scheidung lebende Eva Wernitz kennenlernt, gehört er – gerade hat er den Roman "Ochsenkutscher" veröffentlicht – zu den großen Hoffnungen der DDR-Literatur. Strittmatter erzählt von den großen Umbrüchen in der Landwirtschaft und spannt immer wieder neue Stoffe über die eigene Biografie, die eine für diese Zeit typische ist: Strittmatter ist auf dem Land aufgewachsen, er begeisterte sich als junger Mann für sozialdemokratische Ideen und war doch im Zweiten Weltkrieg als Angehöriger einer Schutzpolizei-Einheit in den Kriegsdienst eingebunden. Das allerdings wurde erst nach Strittmatters Tod bekannt und führte zu Debatten unter Literaturwissenschaftlern. Eva, seit 1956 mit Erwin verheiratet, wurde in den 70er-Jahren mit ihren gefühlvollen, eher schlicht gehaltenen Gedichten zur meistgelesenen Lyrikerin der DDR.


Die Briefe zwischen Eva und Erwin sind Dokumente einer großen und, vor allem seit der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes, stets neu gefährdeten Liebe. Die Briefe erzählen vom Zauber der ersten Begegnung, von den alltäglichen materiellen Sorgen der Nachkriegszeit und immer mal auch von den politischen Herausforderungen eines ostdeutschen Schriftstellerlebens in den Fünfzigern. Ebenso wichtig wie die Briefe sind dabei der Anmerkungen der Herausgeber, die wichtige zeitgeschichtliche Details erhellen.

Über die Zusammenarbeit mit Brecht, Weigel und Seghers

Das Dichterpaar Eva und Erwin Strittmatter während einer Lesung im Berliner Schloss Friedrichsfelde (undatiertes Archivfoto von 1980)
Das Dichterpaar Eva und Erwin Strittmatter während einer Lesung im Berliner Schloss Friedrichsfelde (undatiertes Archivfoto von 1980) Bildrechte: dpa

Die Liebes- und Sehnsuchtsbekundungen zwischen Erwin und Eva mögen sich dabei kaum von denen vieler anderer Paare aus dieser Zeit unterscheiden; beide erwarten das nächste Zusammentreffen, trösten sich über Alltagsmissstände hinweg und versichern einander ihre Liebe. Das ist rührend und wird doch so recht interessant für den Leser erst durch das, was eben über diese sehr persönliche Zwiesprache hinausgeht. Erwin erzählt von seiner Zusammenarbeit mit Brecht und Helene Weigel; Eva, die als Sekretärin beim Schrifstellerverband arbeitet, soll Anna Seghers für eine große Rede zuarbeiten. Unmittelbar vor den Arbeiteraufständen des 17. Juni 1953 erkennt Erwin schon Zeichen der Unzufriedenheit, ein hinterher von ihm geschriebener Text darf nur in zensierter Fassung erscheinen.

Zum großen Konflikt des Paares wird Evas Schwangerschaft im Jahr 1953, der Erwin, ansonsten doch ein Mann des Fortschritts, mit Anschuldigungen und erschreckender Grobheit begegnet: Er drängt auf eine Abtreibung, sieht sein Leben als Schriftsteller gefährdet; die "Mädchenfrau" Eva aber ist längst zu einer selbstbewussten Erwachsenenfrau geworden und analysiert in einem seitenlangen Brief Erwins Persönlichkeit, um sich am Ende zu ihrem Kind (schon ihr erstes aus ihrer früheren Ehe wächst bei ihrer Mutter auf) zu bekennen. Diese Kämpfe werden sich wiederholen, denn Eva bringt nach Sohn Erwin (er bekommt also den gleichen Vornamen wie sein Vater) noch zwei weitere Söhne zur Welt.

Einblicke in die DDR der 50er-Jahre

Die Briefe in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre werden nüchterner, und es scheint, dass beide bestimmte Rollen ebenso annehmen wie sie sie immer mal wieder auch hinter sich lassen wollen: Erwin, der in Eva vor allem die Anschmiegsame, sich für den "großen Mann" und Autor Aufopfernde sieht; Eva, die wohl längst von einer eigenen (und später ja auch verwirklichten) Laufbahn als Autorin träumt. Zwischendurch, eingestreut in diese Liebeschronik, immer wieder Episoden aus der DDR der 50er-Jahre: Erwin auf Schriftsteller-Reise mit Erich Loest, der in Budapest bis zum Mittag schläft und überhaupt ein etwas liederlicher Autoren-Kollege war. Eva, bedrängt von einer neugierigen Vermieterin, die unerbittlich den Lebenswandel der geschiedenen und womöglich aufs Neue sich in die Liebe stürzenden Frau kritisiert.

Eva und Erwin, so wird in all diesen Briefen deutlich, waren tatsächlich füreinander geschaffen und haben jeder dem anderen dessen Schriftsteller- und DDR-Künstlerleben mitgetragen. Am Ende, so wissen wir heute, waren es zwei Leben mit vielen Ehrungen und Erfolgen und auch mit manchem persönlichen und beruflichen Rückschlag. "Du bist mein zweites Ich" ist eine schöne Extra-Lektüre für jeden Strittmatter-Fan und vielleicht sogar der besondere Reiseführer für einen Ausflug nach Schulzenhof, in die Roman- und Gedicht-Gebiete der Strittmatters.

Infos zum Buch: Erwin Strittmatter, Eva Strittmatter: "Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel"
herausgegeben von Erwin Berner und Ingrid Kirschey-Feix
erschienen im Aufbau Verlag 2019
Gebunden mit Schutzumschlag, 377 Seiten
24 Euro

Eva und Erwin Strittmatter: "Du bist mein zweites Ich - Der Briefwechsel" 7 min
Bildrechte: aufbau

Die unveröffentlichten Briefe einer außergewöhnlichen Liebe zwischen zwei Dichtern, die 1952 begann. Vorgestellt von MDR KULTUR-Literaturkritiker Jörg Schieke.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 30.01.2019 08:40Uhr 07:14 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Januar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2019, 04:00 Uhr

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