Jan Svankmajer - Historia Naturae, 1967
Jan Švankmajer - Historia Naturae, 1967 Bildrechte: ATHANOR – Film production company, Ltd.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden Eva und Jan Švankmajer – Ausstellung in Dresden widmet sich großen Surrealisten

Die Ausstellung Move little hands..."Move!" zeigt Werke des Surrealisten Jan Švankmajer und seiner 2005 verstorbenen Frau Eva in der Kunsthalle im Lipsiusbau Dresden. Jan Švankmajer hat Hollywoodgrößen wie Tim Burton und Terry Gilliam beeinflusst. Kuratiert wird die Schau von Jiří Fajt, dem ehemaligen Direktor der Tschechischen Nationalgalerie, der zuletzt mit fadenscheinigen Gründen vom Kulturminister aus seinem Amt gejagt worden war. Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, hat die Ausstellung kurzfristig ins Programm genommen.

von Birgit Fritz, MDR KULTUR-Landesredakteurin Sachsen

Jan Svankmajer - Historia Naturae, 1967
Jan Švankmajer - Historia Naturae, 1967 Bildrechte: ATHANOR – Film production company, Ltd.

Die Ausstellung Move little hands..."Move!" zeigt eine Retrospektive der tschechischen Surrealisten Jan und Eva Švankmajer, mit Filmen, Pastellen und Gemälden, plastischen Arbeiten und Objekten. Jan Švankmajer ist als der Altmeister des tschechischen Animationsfilms bekannt und hat mit seiner charakteristischen Stop-Motion-Technik unter anderem auf Tim Burton, Terry Gilliam und die Brothers Quay gewirkt.

Berühren erlaubt

Eva Svankmajer - Portrait of Jan, 1969
Eva Švankmajer - Portrait of Jan, 1969 Bildrechte: ATHANOR – Film production company, Ltd.

Die Ausstellungshalle im Lipsiusbau verwandelt sich für die Schau in einen Filmraum, eine Kunstkammer, Galerie, Raritätenkabinett und Marionettentheater.

Aber nicht nur das Auge ist überfordert, es tönt, knarzt, stöhnt und zischt. Klang und Sound gehören dazu, bei vielen der rund 300 gezeigten Werke.

Es ist eine Attacke auf all unsere Sinne, zumal anfassen partiell erlaubt, ja erwünscht ist. Und so tastet man vorsichtig die seltsamen Gebilde und Reliefs mit ihren Borsten, Tentakeln und Fellstücken ab.

Überhaupt ist ja sehr vieles hier allegorisch oder so ein uneigentliches Sprechen. Man muss wirklich eintauchen und sich auch der Imagination hingeben, um überhaupt auf die Spuren dessen zu kommen, in welche Tiefen er uns leiten möchte.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Švankmajers Tiefen sind oft Untiefen, sind Auswüchse des Traums, des Zufalls, der Sexualität, aber auch des Politischen. Der Künstler hat seinen Sigmund Freud, Marquis de Sade und Edgar Allan Poe gelesen. Und Švankmajer, der erst kürzlich seinen 85. Geburtstag feiern konnte, hat die Zumutungen eines autoritären Staates – im besten Fall als grotesk, im schlimmsten Fall als zerstörerisch – erfahren.

Bekannte Filme zu sehen

Jan Svankmajer - Der Tod des Stalinismus in Böhmen, 1991
Jan Švankmajer - Der Tod des Stalinismus in Böhmen, 1991 Bildrechte: ATHANOR – Film production company, Ltd.

Mit seinen Kurz- und Langfilmen, in denen reale, oft sehr bekannte Schauspielerrinnen und Schauspieler und animierten Puppen und Objekte ziemlich übergangslos agieren, wurde er berühmt: 17 Filme sind in der Ausstellung zu sehen.

Als Švankmajer nach dem Einmarsch der Warschauer Truppen zur Unterdrückung des Prager Frühlings nicht mehr drehen konnte, wandte er sich seinen freien Schöpfungen zu: nahe Pilzen machte er gemeinsam mit seiner Frau Eva, die im Jahr 2005 starb, ein ruinöses Barockschloss zur alchemistischen Werkstatt. Jiří Fajt, der Kurator der Dresdner Ausstellung, hat die beiden oft besucht.

Also ich betrachte ihn – und das Werk auch von Eva, weil die war eigentlich seine Muse – ich betrachte die beiden als eine Befreiung. Also, dass was man von denen sieht, ist wirklich eine Art Befreiung. Und das hat also der freie Geist geschaffen.

Jiří Fajt, Kurator der Ausstellung

Werk für die Ewigkeit

Eva Svankmajerova - Surrealist Personality who lost Face, 1995
Eva Švankmajerova - Surrealist Personality who lost Face, 1995 Bildrechte: ATHANOR – Film production company, Ltd.

Der Kosmos der beiden Kunstschaffenden reicht von farbigen Aquarellen und surrealistischen Gemälden von Eva Švankmajer bis zu obskuren Fabelwesen, die Jan Švankmajer aus Skeletten, Muscheln, Tierhäuten erschuf und die den alten Gedanken der fürstlichen Wunderkammern aufnehmen. Schuhe ließ er im salzhaltigen Quellwasser von Karlsbad mineralisieren, jetzt überstehen sie ein mögliches Ende der Zivilisation. Nicht unbescheiden wollte er enzyklopädisch die Welt neu erfassen in Collagen und feinen Drucken. Romane schreibt er auch.

Der magische Ton- und Bilderreigen der Švankmajers ist eher düster, es ist ein schwarzer Humor, der verborgene Wirklichkeiten aufdeckt und dem man nicht so einfach mit Behagen oder Ästhetizismus begegnen kann.

Das Spinnerte hält Švankmajer nicht davon ab, sich genau umzuschauen, eine Poetisierung der Welt betreibt er nicht. Vielmehr fallen sein Fazit und seine Prognose nicht eben optimistisch aus:

Also eigentlich gibt es eine ungerechte Verteilung in der Welt: 80 Prozent von dem, was produziert wird, gibt es nur für die 10 Prozent Auserwählten. Das heißt, der Rest der Bevölkerung kann sich das nicht mehr lange gefallen lassen. Und da habe ich noch gar nicht über die ökologische Situation gesprochen … auch das ist ein wichtiges Thema!

Jan Švankmajer

Die Ausstellung Move little hands... "Move!" – Die tschechischen Surrealisten Jan & Eva Švankmajer
19. November 2019 bis 8. März 2020

Kunsthalle im Lipsiusbau
Georg-Treu-Platz 1, Dresden

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. November 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 04:00 Uhr

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