Kulturgeschichte Die erste Klimaanlage der Welt: Der Fächer feiert sein Revival

Bei der anhaltenden Hitze ist der Fächer wieder ein häufiger genutztes Modeassecoire: Er ist nicht nur als bunter Hingucker auf Musikfestivals, sondern derzeit auch häufig in überhitzten Straßenbahnen und Cafés zu sehen. Aber woher kommt er, der Fächer? Eine Kulturgeschichte.

von Sabrina Gebauer, MDR KULTUR

historischer Fächer
Dieser goldene Fächer wurde in der Grabkammer des Pharaonen Tutanchamun gefunden. Rund um den Halbbogen befanden sich Federn. Bildrechte: IMAGO

Im Prinzip er war die erste Klimaanlage der Welt: Der Fächer. Vor 5.000 Jahren wedelten in Ägypten bereits Diener ihren Pharaonen Luft mit Straußenfedern zu. Der vergoldete Stiel eines solchen Fächers an dem die Federn befestigt waren, wurde im Grab von Tutanchamun gefunden. Aber wedelnde Diener – das konnten sich nur Herrscher leisten – und so galt der Fächer damals als Symbol für Macht und Herrschaft.

Zur gleichen Zeit wie die Pharaonen ließen sich die chinesischen Kaiser und Mandarine befächeln. Die asiatischen Fächer bestanden damals aus einem Stiel, an dem eine feste Scheibe mit Papier oder Federn angebracht wurde, erklärt der Gründer des Deutschen Fächermuseums in Bielefeld, Günter Barisch.

Gemälde - Cleopatra. Königin Ägyptens
Cleopatra, Königin von Ägypten, wird von Dienern mit einem Federfächer abgekühlt. Außerdem vertrieb man so die lästigen Fliegen. Bildrechte: IMAGO

Interessanterweise war der Fächer damals eher ein Symbol der Männer. Einige der ersten Fächer wären auch gar nichts für vornehme Damen gewesen:

Man hat immer schon die Federn vom Vogelstrauß oder auch von anderen Vögeln genommen. Man hat zum Beispiel auch einen ganzen Flügel, etwa von einem Adler abgeschlagen und auch den Flügel zum Wedeln genommen.

Günter Barisch, Deutsches Fächermuseum Bielefeld

Asien war dann auch die Wiege des Fächers in seiner heute bekanntesten Form: dem gefalteten Fächer. Die Japaner hatten zwar Kleider mit weit ausgestellten Ärmeln, in denen sie ihre Fächer verstauen konnten, wenn sie diese nicht benötigten. Dennoch waren die starren Fächer eher unhandlich zu tragen. "Die Erfindung der Japaner, um 820 nach Christi etwa, brachte dann zum ersten Mal Fächer, die man falten konnte", erklärt Barisch. Durch diese technische Neuerung konnte man nun mit einer größeren Fläche wedeln und sie trotzdem immer griffbereit haben. In China wurden die Faltfächer weiterentwickelt, hier kam neben Papier auch Seide zum Einsatz – so konnte ihre Haltbarkeit verbessert werden.

Geisha hält Fächer
Eine Geisha hält einen Fächer, der den ersten, nicht faltbaren asiatischen Handfächern nahe kommt. Bildrechte: IMAGO

Der Fächer als Geheimwaffe der Samurai

In Asien werden Fächer bis heute auch als Requisite für Theater und Tanz benutzt – die stark stilisierten Vorführungen mit Masken und Fächern betonen die Gesten der Schauspieler und verstärken die Dramatik ihres Spieles. Außerdem entwickelten die Samurai-Krieger den Kampffächer als Geheimwaffe – für Überraschungsangriffe war in harmlos anmutenden Fächern eine Dolchspitze versteckt.

Wenn heute bei den Filmfestspielen in Cannes zwei Schauspielerinnen im gleichen Kleid kommen, geht eine nach Hause. Das war früher genauso: Von den guten Fächern gab es immer nur einen.

Günter Barisch, Deutsches Fächermuseum Bielefeld
Gemälde, Maria de’ Medici mit Louis XIII.
Gemälde, Maria de’ Medici mit Louis XIII. - und einem ihrer Fächer. Sie soll ihn nach Paris gebracht haben - Startschuss für den Megatrend in Europa. Bildrechte: IMAGO

Die ungefährliche Form des Fächers kam dank der Seefahrer im 16. Jahrhundert schließlich nach Europa. "Das war ungefähr als der Portugiese Vasco da Gama den Seeweg nach Indien entdeckte. Und der brachte von seinen ersten Reisen aus dem fernen Osten Porzellan, Seidenstoffe, aber auch Fächer mit", erklärt Günter Barisch vom Fächermuseum Bielefeld. Der Siegeszug des Fächers begann in Portugal und kam über Italien schließlich nach Mitteleuropa: "Als Maria von Medici Heinrich IV. von Frankreich heiratete, brachte sie in ihrem Hochzeitsgepäck Fächer mit. Sie kam nach Paris und verzückte die Damenwelt – es kam eine Explosion. Jede Dame brauchte einen Fächer."

Die geheime Sprache der Fächer

Das neue Must-Have kam vor allem aus Paris: Hier wurden die Fächer aufwendig in Handarbeit hergestellt, aus Perlmutt, Elfenbein, Gold und Seide, kunstvoll verziert mit Edelsteinen und Malereien. Der Fächer war ein teurer Luxusgegenstand, ein Statussymbol.

Aber der Fächer war auch ein Kommunikationsmittel. Einerseits wurden wichtige historische Ereignisse darauf abgebildet, zum Beispiel der Flug des ersten Heißluftballons der Brüder Montgolfière 1783 oder der Sturm auf die Bastille während der französischen Revolution. "Es gab doch noch keine Zeitungen", so der Fächerexperte Günter Barisch. Andererseits dienten die Fächer auch der direkten Kommunikation:

Ein Fächer mit Bildern Ludwig XVI., 2012
Fächer aus der Zeit der Französischen Revolution Bildrechte: dpa

Nehmen Sie die Revolutionsfächer aus Frankreich: Da hatten Sie Fächer, die von beiden Seiten bemalt waren. Wenn die Jakobiner kamen, zeigten Sie die eine Seite: 'Hängt den König!' und auf der anderen Seite, wenn die Königstreuen kamen, drehte man ihn um und zeigte: 'Es lebe der König!'

Günter Barisch, Deutsches Fächermuseum Bielefeld
Der Leiter des Fächer Museums Günter Barisch präsentiert 2009 einen Hochzeitsfächer der Prinzessin Wilhelmine von Preußen mit König Wilhelm der Niederlande 1791.
Der Leiter des Deutschen Fächermuseums, Günter Barisch, präsentiert einen Hochzeitsfächer der Prinzessin Wilhelmine von Preußen mit König Wilhelm der Niederlande 1791. Bildrechte: dpa

Auch als Tanzkarten wurden die Fächer genutzt – und es gab sogar eine Fächergeheimsprache, damit sich die jungen Damen auf diskrete Art und Weise mit ihren Verehrern verabreden konnten – ohne, dass die strengen Augen der Gouvernanten es mitbekamen. "Es gab angeblich über 80 verschiedene Ausdrücke, die man mit einem Fächer darstellen konnte", so Barisch. "Wenn eine Dame den Saal betrat und über den Fächer hinausschaute, und sich einen Kavalier aussuchte, winkte sie ihm mit dem Fächer leicht zu, damit er zu ihr kam. 'Ich möchte mich mit dir unterhalten', in dem sie auf den Rand tippte. Sie konnte dann den Fächer öffnen, einzelne Falten antippen, wie bei einer Uhr, und damit bedeutet sie, heute Abend um sechs, sieben Uhr ist das Rendevouz."

zwei Frauen in Barockkleidern unterhalten sich froehlich hinter vorgehaltenem Fächer
Während des Barock war der Fächer ein beliebtes Flirt-Instrument. Bildrechte: IMAGO

Der Fächer ermöglichte es der Damenwelt, sich verführerisch-geheimnisvoll ins Szene zu setzen – schon der Dichter Johann Wolfgang von Goethe konnte sich diesem Reiz nicht entziehen und schreibt im "West-östlichen Diwan":

Zwischen den Stäben blicken ein Paar schöne Augen hervor. Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor; Er verdeckt mir zwar das Gesicht,
Aber das Mädchen verbirgt er nicht, weil das Schönste, was sie besitzt, das Auge, mir ins Auge blitzt.

Johann Wolfgang von Gothe in "West-östlicher Diwan"

Alle die etwas auf sich hielten, hatten Fächer – Und nicht nur Damen, auch viele namhafte Maler, wie  Picasso und Kokoschka, sie bemalten auch Fächer. Doch die Beliebtheit des Fächers hielt sich nicht bis heute. Er wurde zwar noch als Reklamefläche genutzt, etwa um für Kaffee oder Champagner zu werben. Aber im 20. Jahrhundert setzte sein Rückzug ein.

Denken Sie mal an die Goldenen Zwanziger: In der linken Hand hielt die Dame die Zigarettenspitze, in der rechten Hand das Champagnerglas. In welcher Hand sollte Sie dann noch den Fächer halten? Der Untergang des Fächers war mit darauf zurückzuführen, dass die Damenwelt gar keine Hand mehr frei hatte für den Fächer.

Günter Barisch, Deutsches Fächermuseum Bielefeld

Mrs. Harris, 1927
In den Zwanzigern waren Federfächer noch modern - aber bald hatte die Frau des 20. Jahrhunderts keine Hand mehr dafür frei. Bildrechte: IMAGO

Mit zunehmender Hitze sieht man die Fächer hierzulande wieder häufiger – allerdings meist in einer weniger luxuriösen und liebevoll gestalteten Form. Oft sind sie aus Plastik oder dünnem Holz, das mit Stoff beklebt wird. Von der Schönheit dieses Accessoires ist dann nicht mehr zu spüren, als ein erfrischender Luftzug.

Fächer-Ausstellungen

Fächerausstellung in Gotha: Ausstellung "Quand ce coq chantera mon amour finira – Konversationsfächer und geheime Botschaften auf Fächerbildern des 18. Jahrhunderts" im Herzoglichen Museum der Stiftung Friedensstein in Gotha, Fächerkabinett. Zu sehen bis zum 9. September 2018, täglich 10-17 Uhr, Adresse: Schloss Friedenstein, Schlossplatz 1, 99867 Gotha

Deutsches Fächermuseum in Bielefeld: Eines von drei reinen Fächermuseen weltweit; zeigt knapp 200 Fächer, u.a. Fächer der österreich-ungarischen Prinzessin "Sissi", Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag 14.30-17.30 Uhr, Adresse: Am Bach 19, 33602 Bielefeld

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. August 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2018, 04:00 Uhr

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