Sportlicher Senior fährt mit dem Mountainbike durch einen Wald
Seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder attraktiv – fahrradfahren. Bildrechte: colourbox.com

200 Jahre Fahrrad Von der Draisine zum Lifestyle-Objekt

Das Fahrrad: ein einfaches Gerät? Im Prinzip ja. Erstaunlich aber, welche Verwandlungen es in seiner Geschichte erfahren hat. Zunächst verlacht, dann als Spielzeug für den wohlhabenden Adel gefertigt, später als Transportmittel für große Teile der Bevölkerung, schließlich auch als Sportgerät und Design-Objekt. Die kleine Geschichte einer Mobilitätsrevolution.

von Bernd Schekauski

Sportlicher Senior fährt mit dem Mountainbike durch einen Wald
Seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder attraktiv – fahrradfahren. Bildrechte: colourbox.com

Die Revolution war zunächst eine stille, zugleich wohl auch eine einsame Sache: Als sich am 12. Juni 1817 erstmals ein Mensch aufmachte zu einer Rad-Tour, schlug niemand die Pauke, blies keiner die Trompete, es gab kein Spalier und kein Hurra! Der Pionier war ein Mann aus kleinem badischen Adel mit Wohnsitz in Mannheim, Karl Freiherr von Drais, ein technikverliebter Forstmeister ohne Forstmeisterei, damals 32 Jahre alt. Eine Revolution der Mobilität stand wahrscheinlich nicht auf seinem Plan.

Drais hatte aber durchaus vor, mit seiner Erfindung Geld zu verdienen. Ein dramatisches Natur-Ereignis am anderen Ende der Welt schien ihm dabei zur Hilfe zu kommen. 1815 hatte der Vulkan Tambora viele Mega-Tonnen Staub und Asche hoch in die Atmosphäre geschleudert, die sich dann wie ein Schleier um den ganzen Planeten legten. Das darauffolgende Jahr wurde zu einem "Jahr ohne Sommer", das einherging mit Kälte und Missernten. Die Folge: Getreide-Preise stiegen sprunghaft, zahlreiche Menschen litten Hunger. Und auch manche wohlhabende Familien rechneten: Können wir uns unsere Pferde eingedenk des plötzlich teuren Futters leisten?  Drais bot seine Erfindung als Alternative an: Rad statt Gaul. Ein Fortbewegungsmittel, das nicht frisst – bis dahin undenkbar!

"Lauf-Maschine" statt "Fahrrad"

Historische Darstellung des hölzernen Laufrads Draisine
Historische Darstellung des hölzernen Laufrads Draisine – der Vorläufer des heutigen Fahrrads. Bildrechte: dpa

Und wie sah sie aus bei Drais, die mobile Revolution? Sein Konstrukt hatte mit dem, was wir heute Fahrrad nennen, immerhin schon die wichtigsten Elemente gemein: einen Rahmen mit Sattel, der zwei Räder zusammenhielt, und einem – ziemlich ungelenken – Lenker. Als Material verwendete Drais, was in jener Zeit ein Wagner üblicherweise zum Bau von Kutschen und Karren nahm – Holz und Eisen. Das machte das Fahren einer Draisine, wie das Ding bald hieß, zu einer ausgesprochen ungemütlichen Angelegenheit. Doch manch eine der ersten Leichtbaudraisinen wog nicht mehr, als mittelschwere Fahrräder heute: um die 15 Kilogramm.

Dass es sich um ein Novum handelt, war Drais sehr wohl bewusst. Und als Novum wollte er seine Erfindung auch vermarkten. Schon die Wortwahl sollte den innovativen Charakter seiner Schöpfung betonen: Drais sprach lieber von "Lauf-Maschine" statt von "Fahrrad". Seine Kundschaft folgerichtig: technikbegeisterte und wohlhabende junge Männer. Laufrad als Prestige-Projekt – wer was hermachen wollte auf offener Straße, der zeigte sich mit Draisine unterm Hintern. Das Ding war das, was heute für sehr reiche Jungs der Porsche ist!

Ein skurriles Hobby von Exentrikern

Mit so einem Spielzeug für Reiche hätte Drais wahrscheinlich viel Geld machen können. Doch damaliges Patentrecht und die damalige Kleinstaaterei verhinderten das. Der Erfinder hatte ein Patent nur für das kleine Land Baden erworben. Jenseits des Herzogtums, also nur wenige Kilometer entfernt, konnte jeder die Draissche Erfindung fröhlich kopieren – völlig ungestraft. Hinzu kam: die Idee der Mobilität, des Reisens, war den meisten Menschen damals fremd – einfache Land-Arbeiter und kleine Bürger blieben gefälligst ihr ganzes Leben lang dort, wo sie geboren wurden! Reisen als Selbst-Zweck, Fahren nur so zum Vergnügen, dürfte den meisten Menschen unsinnig erschienen sein. Kein Wunder, dass Fahrrad- pardon: Laufrad-Fahren als skurriles Hobby von Exzentrikern gesehen wurde, oft genug auch bespöttelt, verhöhnt, sogar angefeindet – gern mit einer Prise Sozialneid versetzt.

Mit anderen Worten: Drais war mit seiner Erfindung seiner Zeit unglücklicherweise zu weit voraus, um sie in klingende Münze zu verwandeln. Sein eigentlich genialer Coup wurde ihm zur somit zur Fehlinvestition. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Drais in einem kleinen badischen Nest als Gehilfe des Dorfschmieds. Sein  bester Freund hieß Alkohol.

Durchbruch mit Industrialisierung

Erst Jahrzehnte nach dem Tode Drais‘ konnte das Fahrrad seine revolutionäre Kraft richtig entfalten. Zunächst musste Mobilität gesellschaftliches Erfordernis werden. Die Stunde des Fahrrads schlug dann im Zuge der Industrialisierung Europas. Seinen Durchbruch feierte es auf der Welt-Ausstellung in Paris 1867.

Da hatte die Draisine schon ihre erste Evolution erfahren. Als Antrieb dienten nicht mehr Stiefel-Spitzen, sondern erstmals Pedalen an übergroßen Vorderrädern. Eine kreuzgefährliche Kombination: Denn schon bei jeder leichten Bremsung lief der Fahrer Gefahr, vornüber zu stürzen – und wenn er stürzte, dann auch noch aus unangenehm großer Höhe.

Der nächste wichtige Entwicklungsschritt war daher gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Nutzung von Ketten, die die Kraft von der Pedale erstmals aufs Hinterrad übertrugen – das machte das Rad-Fahren um vieles sicherer und in Kombination mit Gangschaltungen auch immer schneller. Innerhalb weniger Jahre wurde so aus einem Freizeitvergnügen wohlhabender Exzentriker ein Massen-Phänomen, das schließlich vordrang bis in alle Regionen der Welt.

Konkurrenz durch "Motor-Wagen"

Sehr bald sollte das Fahrrad jedoch Konkurrenz bekommen: Schon einer der ersten Fahrrad-Enthusiasten im badischen Mannheim war auf die Idee gekommen, einen Motor ans Rad zu montieren. Der Mann hießt Carl Benz – und der sollte mit seiner Idee, ganz anders als Drais, dann auch unternehmerisch überaus erfolgreich werden. Benz sammelte seine entscheidenden Mobilitätserfahrungen auf einem Kurbelveloziped, einem frühen Tretkurbelfahrrad also, mit drei Rädern. Ausgestattet mit einem Verbrennungsmotor ließ Benz diese Mischung aus Drei-Rad und Mini-Kutsche patentieren als "Motor-Wagen".

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hießen die Nachfahren von diesem Ding nur noch "Auto" – und "Benz" war zu einer der berühmtesten Marken weltweit aufgestiegen. Immer mehr Menschen konnten – und wollten! – sich nun aber auch Autos leisten. Und so wie das Auto immer populärer wurde, verlor das Fahrrad immer mehr an Prestige.

"Revival" des Fahrrads

Frau auf einem Elektrofahrrad
Im Trend: Elektrofahrräder Bildrechte: dpa

Erst als gegen Ende das 20. Jahrhunderts Autos immer mehr Städte verstopften und zusehends verpesteten, gewann das Fahrrad wieder an Attraktivität. Zumal nun neue Materialien und Techniken neue Formen und Eigenschaften ermöglichten. Heute können Räder aus Stahl sein, aus Aluminium, aus Kohlefaser, aus Bambus, aus Holz – sie können als Transport-Mittel dienen, als Sportgerät, als Prestige- und sogar als Kunstobjekt. Angetrieben von Ketten oder Riemen in Kombination mit Ketten-, Naben- oder Tretlager-Schaltungen. Sie können federleicht sein oder robust, billig oder luxuriös.

Und all die vielen neuen und alten Fahrrad-Typen wiederum lassen sich seit einigen Jahren gerne erneut durch Motoren beschleunigen. Nur, dass diese neuen Motoren keinen Treibstoff mehr verbrennen und längst nicht mehr so klobig sind wie die von Carl Benz vor rund 150 Jahren. Kleine E-Motoren, sogenannte e-bikes also, setzen einen neuen dominanten Fahrradtrend. Angeblich sogar eine neue Revolution. In Wahrheit wohl eher die Fortsetzung der Mobilitätsgeschichte in immerwährenden konzentrischen Kreisen.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial | 08.07.2017 | 18:05 - 19:00 Uhr

Mit folgenden Themen:

- 200 Jahre Fahrrad: von der Draisine zum Life-Style-Objekt. Kleine Geschichte einer Mobilitäts-Revolution von Bernd Schekauski

- Geliebt, verklärt und missverstanden: Das Hollandrad. Reportage aus Amsterdam von Bettina Baltschev

- China: Radfahren am Rande des Verkehrs-Infarkts. Bericht von Markus Pfalzgraf.

- Radfahrer als Polit-Aktivisten: Hanna Romanowsky unterwegs in Halle als Teil einer "critical mass".

- 200 Jahre nach der Premieren-Fahrt: Das Fahrrad literarisch neu entdeckt. Jörg Schieke auf der Suche durch Bücherregale.

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2017, 13:44 Uhr

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