Dokfilm über eine Familie zwischen Kunst und Politik "Familie Brasch" - Die "Buddenbrooks" der DDR

Die Braschs waren eine perfekte DDR-Funktionärsfamilie. In ihrer Geschichte spiegeln sich Hoffnungen, Träume, Alpträume und böses Erwachen der DDR. Hier kulminieren die großen Konflikte des letzten Jahrhunderts am Küchentisch. Horst Brasch, Antifaschist und jüdischer Katholik, gründet mit Erich Honecker die FDJ. Der älteste Sohn Thomas Brasch wird ein Literaturstar, er träumt wie sein Vater von einer gerechteren Welt, steht aber wie seine jüngeren Brüder Peter und Klaus dem real existierenden Sozialismus kritisch gegenüber. Vater Brasch liefert den rebellierenden Sohn Thomas an die Behörden aus - und leitet damit auch das Ende seiner Laufbahn ein. Die Filmemacherin Annekatrin Hendel porträtiert in ihrer Dokumentation diese zerrissene Familie. Sie trifft die einzige Überlebende, Marion Brasch, sowie zahlreiche Vertraute, Geliebte und Freunde, unter ihnen den Dichter Christoph Hein und den Künstler Florian Havemann. Der Film "Familie Brasch - Eine deutsche Geschichte" ist ab dem 16. August 2018 im Kino zu sehen.

von Rayk Wieland, MDR KULTUR

Eine deutsche Schriftstellerin, allein in New York. Sie stellt hier einen Roman über die Geschichte ihrer Familie vor, deren Mitglieder heute alle tot sind bis auf sie: Marion Brasch. Ein Krimi? Vielleicht, wenn auch alle eines natürlichen Todes gestorben sind, damals in und nach der DDR. Aber es ist kompliziert. "Es gibt von jeder Familiengeschichte eine Erzählung jedes Mitglieds dieser Familie. Jedes Familienmitglied erzählt seine eigene Version“, sagt Marion Brasch.

Ich erzähle meine Version [unserer Familiengeschichte]. Ich bin die letzte, die sie erzählen kann.

Schriftstellerin Marion Brasch

Die meisten sterben jung

Die Autorin Marion Brasch am MDR Messestand
Marion Brasch ist, wie ihr Bruder Thomas, Autorin geworden. Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Die Braschs sind wie die "Buddenbrooks" der DDR, ein Jahrhundertepos. Der Vater, Horst Brasch, jüdischer Antifaschist, mit Erich Honecker Gründer der FDJ, später stellvertretender Kulturminister. Vier Kinder: Thomas Brasch, der älteste Sohn, wird Schriftsteller. Klaus Brasch Schauspieler, Peter Brasch ebenfalls Schriftsteller wie auch Marion, die jüngste. Sie ist Hauptzeugin in eigener Sache in Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Familie Brasch".

"Man könnte sagen, es ist eine wahrlich traurige Familiengeschichte, eine große Tragik. Die meisten sind sehr jung gestorben, das ist die eine Seite", sagt Regisseurin Annekatrin Hendel. "Aber als ich anfing, den Dokumentarfilm zu machen, habe ich mir gewünscht, dass die Leute, die den Film anschauen, sagen: Ach, in der Zeit möchte ich auch gelebt haben."

Klaus, Peter, Marion, Gerda und Thomas Brasch
Familienbild: Klaus, Peter, Marion, Gerda und Thomas Brasch (v.l.) Bildrechte: Edition Salzgeber Verleih

Der Konflikt zwischen Vater und Sohn überschattet die Familie. Und er beginnt früh. Im Alter von elf Jahren wird Thomas auf die Kadettenschule in Naumburg geschickt. Der Drill zerbricht ihn fast. Die flehentlichen Briefe an den Vater, ihn dort herauszuholen, übergibt er ausgerechnet den Offizieren, die ihn schikanieren. Was ein erster Schritt in einer kommunistischen Kaderlaufbahn sein soll, wird auch der letzte. Thomas Brasch hat anderes vor.

Schrifstellerfreundschaft mit Christoph Hein

Der Schriftsteller Christoph Hein hat Thomas Brasch 1961 kennengelernt. "Ich war ein halbes Jahr älter als er. Wir haben uns sehr schnell angefreundet", erinnert er sich. "Wir hatten sehr ähnliche, gleiche Interessen – wollten beide schreiben, schrieben beide."

Christoph Hein
Christoph Hein, Schriftsteller Bildrechte: Edition Salzgeber Verleih

In der Arroganz von 17, 18-Jährigen war uns beiden klar, dass wir demnächst die bedeutendsten deutschen Dichter sein werden.

Schriftsteller Christop Hein über sich und Thomas Brasch

Beide, Christoph Hein und Thomas Brasch sahen sich bereits als große Dichter. Aber daraus wurde erst einmal nichts. Zu DDR-Zeiten konnte Thomas Brasch kaum veröffentlichen: zu pointiert die Kritik am Kleinbürgersozialismus. "Wer vorgestern noch Aufstand rief", schrieb er, "ist heute zwei Jahre älter."

Thomas Brasch, Schriftsteller und Dramatiker.
Schriftsteller Thomas Brasch: Zwischen ihm und seinem Vater herrschte ein schwieriges Verhältnis. Bildrechte: IMAGO

Vater verrät Sohn

1968 marschieren sowjetische Truppen in Prag ein. Thomas Brasch gehört zu einer kleinen Gruppe, die in Berlin auf Flugblättern dagegen protestiert. Als er das seinem Vater erzählt, greift der zum Telefon und ruft die Staatssicherheit. Im Eilverfahren wird er zu über zwei Jahren Haft verurteilt. Der Künstler Florian Havemann, damals Braschs enger Freund und ebenfalls inhaftiert, erinnert sich an die Hilflosigkeit der alten Genossen.

Florian Havemann
Florian Havemann Bildrechte: Edition Salzgeber Verleih

Das Problem war, dass sie sich ja nicht erklären konnten, dass es in ihrem Land Widersprüche gibt, die, wenn man sie wahrnimmt, einen zu einer kritischen, oppositionellen Haltung gegenüber der DDR bringt.

Künstler Florian Havemann

"Die dachten immer, es sind äußere Einflüsse", sagt Havemann. "Die Opposition beginnt aus einer völlig ungeahnten Ecke für die meisten: Es war uns nicht genug Sozialismus."

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Thomas Brasch in "Der Papiertiger", 1977

Enfant terrible der Literaturszene

Es bleibt schwierig. Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 war Thomas Brasch in den Westen ausgereist und resümiert lakonisch: "Abschied von morgen, Ankunft gestern, das ist der deutsche Traum." Sein Roman "Vor den Vätern sterben die Söhne" wird ein großer Erfolg. Und er selbst zu einem Enfant Eerrible der Literaturszene. Historisch der Eklat, als er 1981 für seinen Film "Engel aus Eisen" ausgezeichnet wird und Franz Josef Strauß mit den Worten brüskiert: "Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung. Ich danke der Jury des Bayerischen Filmpreises für die Auszeichnung."

Franz Josef Strauß überreischt Thomas Brasch den Bayrischen Filmpreis.
1982 überreicht Franz-Josef Strauß den Bayerischen Filmpreis an Thomas Brasch. Bildrechte: dpa

Lange Briefe, keine Versöhnung

Der Film "Familie Brasch" nähert sich in langen Interviews mit Zeitzeugen auch den Geschwistern, die stets im Schatten des großen Bruders blieben. Klaus, dem Schauspieler, der 1981 nach einem Medikamentencocktail jung stirbt. Peter, der Gedichte schreibt und Hörspiele für Kinder und der 2001 an einer Alkoholvergiftung stirbt. Und dem alten SED-Funktionär, der nach der Verurteilung des Sohnes auch in Ungnade fällt und seiner Posten enthoben wird. Er versucht daraufhin, sich das Leben zu nehmen. Eine Versöhnung der beiden findet nicht mehr statt. Im Nachlass von Thomas Brasch finden sich lange, verzweifelte Briefe an den Vater, die er nie abschickt.

 "Diese Generation, die aus den KZs kam, aus der Gefangenschaft, aus dem Exil - die waren geschundene Seelen", glaubt Marion Brasch. "Binnen kürzester Zeit haben sie unglaublich viel geschafft. Sie haben dieses Land aufgebaut. Die haben es besser gemacht, am Anfang. Dann hatten sie vielleicht irgendwann keine Kraft mehr. Und da ist dann diese Idee verkommen."

Das letzte Staatsbegräbnis der DDR

Horst Brasch erlebt noch, was aus der Idee wird, für die er sogar den eigenen Sohn verraten hatte. Er stirbt im Sommer 1989, als DDR-Bürger dem Land massenhaft den Rücken kehren. Bei der Beerdigung auf dem "Sozialistenfriedhof", dem letzten Staatsbegräbnis der DDR, eingekeilt zwischen den Bonzen, die Familie Brasch. Auch Thomas ist gekommen, der sagt, das sei eine Frage des Anstands und des Respekts gewesen. Ein Trauerspiel auf engstem Raum. Deutsche Geschichte, letztes Jahrhundert. Lange vorbei, und doch heute noch beklemmend.

Einfach gegen alles, aber wofür?

"Es hat viel mit uns zu tun, weil wir heute ganz einfach gegen etwas sein können, aber wir sind alle nicht mehr für etwas“, sagt Regisseurin Annekatrin Hendel.  "In dieser Familie waren alle für das Gleiche, sie waren nicht gegen den Aufbau des Sozialismus... sie waren nur uneinig, über das Wir." Hendel  findet es interessant, sich heute noch einmal daran zu erinnern. "Und sich nicht nur zu erinnern, sondern auch zu fragen: Wofür sind wir denn?"

Was sehen wir denn, was haben wir für Utopien, wie die Zukunft aussehen soll? Was haben wir denn?

Regisseurin Annekatrin Hendel

Wir haben Erinnerungen: An ein Familienschicksal, das biographisch nicht abgeschlossen ist. Lena Brasch, Tochter von Marion, schreibt als junge Theaterregisseurin die Geschichte fort. Eines ihrer ersten Projekte ist der Familie gewidmet. Es trägt, wie anders, den Titel "Die Revolution und ihre Kinder".

Marion Brasch
Marion Brasch in New York, sie ist die einzige der Familie, die noch lebt. Bildrechte: Edition Salzgeber Verleih

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 02. August 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2018, 04:00 Uhr

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