Corona-Tagebuch "Wuhan Diary" - Tagebuch über eine Millionenmetropole im wochenlangen Shutdown

Wuhan ist eine Mega-City. Eine Stadt, in der weit mehr Menschen leben als insgesamt in Mitteldeutschland: rund 11 Millionen. Vor wenigen Monaten kam sie schlagartig in die Schlagzeilen: Eine Meldung ging um die Welt, wonach in Wuhan ein neuartiger Typ von Corona um sich greift. Die chinesische Führung versuchte zunächst, solche Meldungen zu unterdrücken. Dann aber wurde ganz Wuhan auf einen Schlag abgeriegelt. Eine der bekanntestes Schriftstellerinnen Chinas, Fang Fang, hat den Ausnahme-Zustand miterlebt und in einem vieldiskutierten Online-Tagebuch beschrieben. Nun ist es auf Deutsch erschienen.

nachtleben in Wuhan
Nachtleben in Wuhan - nach dem Shutdown Bildrechte: imago images/Xinhua

"Tagebuch aus einer gesperrten Stadt", heißt es im Untertitel dunkel. Und damit es nicht zu dunkel tönt, tupft die Autorin Pastell-Töne der Poesie in ihren Text hinein.

Zitat aus "Wuhan Diary": "Die Stadt ist von wenigstens hundert größeren und kleinen Seen umgeben. Sie legen sich wie Perlen oder Jadeanhänger auf den Stadtkörper, bei aufkommenden Wind dringt ihr Rascheln und Klingen an dein Ohr. Langjährige Bewohner können es hören, es ist der Widerhall der vom Wind aufgerührten Wellen des Yangtze und der Seen."

Großstadt-Idylle endet von heute auf morgen

Doch von dieser Großstadt-Idylle hat Wuhan rein gar nichts mehr an jenem kalten Januar-Tag, da Peking aus Angst vor dem neuen Virus auf einen Schlag alle Lebensadern Wuhans kappen lässt.

Zitat aus "Wuhan Diary": "Es herrschte eine Eises-Kälte. Noch nie hatte Wuhan einen so leergefegten Eindruck gemacht. (Mich) überkam eine tiefe Trauer, die Leere der Straßen kroch in mein Innerstes. Es war ein Gefühl, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Die Ungewissheit über das Schicksal der Stadt … und die ungewisse Zukunft erfüllten mich mit schwer zu beschreibenden Gefühlen von Angst und Anspannung."

Tag für Tag Zeugnis ablegen

Fang Fang: Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt
Buchcover - Fang Fang: "Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt" Bildrechte: Hoffmann und Campe

Vor allem das Gefühl abgeschnitten, allein, vergessen zu sein, veranlasst Fang, sich der Welt da draußen nun umso vernehmlicher mitzuteilen. Und so legt sie Tag für Tag Zeugnis ab vom Leben in der gesperrten Stadt: Stille auf den Straßen, Gedränge in Krankenhäusern, Jagen nach Schutz-Masken, Rätseln über ein Virus, seine Tücken und Mortalität, wilde Debatten, wie dem Virus beizukommen sei. Ein Bekannter empfiehlt im Brustton der Überzeugung die Methode, wie er sie nennt, vom "Schließen sämtlicher Pforten": "Sie besteht darin, still vor sich herzusagen: 'Alle Kapillaren des Körpers schließen sich! Kälte dringt nicht ein, die hundert Übel haben keinen Zugang, die positiven Abwehrkräfte sammeln sich im Inneren, das Übel ist machtlos!' Allen Ernstes versichert er, das sei eine über die Jahrhunderte tradierte Geheimformel, absolut kein Aberglaube."

Ohnmacht verwandelt sich in System-Kritik

Was wir hier erleben, schreibt Fang, stellt sich vielen nicht unbedingt als Vorhof zur Hölle dar. Chaos beginne aber immer dann, wenn jemand aus der eigenen Familie erkrankt. Ohnmacht und Trauer wandeln sich bei Fang Fang immer wieder in Zorn - und der schließlich in System-Kritik!

Zitat aus "Wuhan Diary": "Hört man sich um, kommt erst jetzt vielen Leuten zu Bewusstsein, dass es nichts bringt, Tag für Tag nur die Stärke unserer Nation zu bejubeln, und dass Kader, die nur in politischen Schulungen herumsitzen und leere Phrasen dreschen … völlig nutzlos sind. Erst jetzt ist vielen bewusst geworden, dass in einer Gesellschaft, der es an gesundem Menschenverstand mangelt, … die Tötung von Menschen kein Gerede bleibt."

Drastische Worte für chinesische Verhältnisse, geradezu gefährlich radikal. Parteitreue Chinesen beschimpfen sie als "Verräterin" und "Marionette des Westens". Die Inkompetenz der Funktionäre in Wuhan ist allerdings so himmelschreiend, dass das ZK die übelsten Bonzen feuert. Die Zentrale in Peking übernimmt militärisch straff. Partei-Chef Xi macht den Anti-Corona-Kampf zur Chef-Sache - in Wuhan, in China, bald auch über China hinaus. So stellt er etwa der Welt-Gesundheits-Organisation staatsmännisch zwei Milliarden Dollar in Aussicht. Und mit dem mächtigen Xi legt sich Fang Fang dann lieber doch nicht an. Jedenfalls nicht offen.

Zitat aus "Wuhan Diary": "Schließlich ist gegenwärtig die Epidemie unser Hauptfeind. Ich will Schulter an Schulter mit der Regierung und den Bürgern von Wuhan mit aller Kraft gegen sie kämpfen. Ich werde alle Forderungen der Regierung an die Bevölkerung mittragen."

Die Risiken des öffentlichen Schreibens in China

Dieses Changieren zwischen gespielter Fügsamkeit und Partei-Tags-Pathos lässt ahnen, unter welchen Risiken eine Autorin in China öffentlich schreibt. Zumal zu Zeiten einer schweren Krise! So spiegelt Fangs Tagebuch zwar manches von dem, was inzwischen auch Menschen anderswo in einem Shutdown erfahren haben wie Ängste und Verschwörungsgeschwätz, Anteilahme und Hilfe. Nur dass die Dimensionen des Shutdowns von Wuhan immer noch unerreicht geblieben sind: in der Reichweite und in der erbarmungslosen Radikalität. Das alles hat Fang die Welt online nachempfinden lassen. Tag für Tag. Bis zum Ende des Shutdowns nach elf Wochen. Fangs Blog: ein erschütternder Erfolg. Und das Buch, das daraus nun entstand: es ist ein einzigartiges Dokument vom Leben zu Zeiten größtmöglicher autoritärer Krisen-Bewältigung.

Informationen zum Buch: Fang Fang: "Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt"
Übersetzt von Michael Kahn-Ackermann
Erschienen bei Hoffmann und Campe
349 Seiten, 25 Euro
ISBN: 978-3-455-01039-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juni 2020 | 07:40 Uhr