Ein leerer Teller und ein Glas Wasser stehen auf einem rot-weiß-karierten Tischtuch.
Muss "Verzichten" auch Entbehrung bedeuten? Bildrechte: imago/imagebroker

Essen Bedeutet Veganismus ständige Fastenzeit?

Kein Fleisch, keine Süßigkeiten, keine oder wenig Milch – was früher nur in der Fastenzeit tabu war, soll heute übers ganze Jahr gemieden werden. Empfehlen zumindest Ernährungsgurus und versprechen sich davon ein längeres Leben. Aber verliert man etwas, wenn der Verzicht zum Dauerzustand wird? Kirsten Dietrich ist dieser Frage nachgegangen.

Ein leerer Teller und ein Glas Wasser stehen auf einem rot-weiß-karierten Tischtuch.
Muss "Verzichten" auch Entbehrung bedeuten? Bildrechte: imago/imagebroker

Geht es nach dem Theologen Kai Funkschmidt, dann gibt es zwei ganz große Lebensbereiche, die von allen Religionen und Kulturen geregelt wird: Sexualität und Essen. Funkschmidt hat sich für die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin mit dem Thema Essen beschäftigt. Dabei ist es für ihn so, dass der Protestantismus eine völlige Anormalität im Religionsleben zeigt: Es gebe keine Speisegebote und Essensgebote. Luther habe zwar das Fasten hochgehalten, aber im Grunde haben wir uns darüber definiert, dass wir dies alles nicht haben.

Solche Prägungen sind langlebig, sie bestehen auch fort, wo die aktive Ausübung von Religion zurückgeht. Der Boom des veganen Lebensstils knüpft an diese Zeiten des streng regulierten Essens an. Wer vegan lebt, verzichtet auf alle tierischen Produkte. Beim Essen geht nicht mehr alles. Das ist eine Einschränkung – die aber auch Halt geben kann, wie mehrere Veganer im Netz über ihre Erfahrungen berichten.

Selbstkontrolle für den eigenen Körper

Vegan
Tofu ist ein Produkt, das auf Soja-Basis beruht. Bildrechte: MDR/Josefine Bauer

Monika Witte ist vor vier Jahren zur Veganerin geworden. Und hatte am Anfang ihre Probleme damit. Sie berichtet, wie sie jedes Mal auf die Zutatenliste geschaut habe: "Kann Bestandteile von Milch etc. enthalten. Da bin ich auch in Gewissenskonflikte gekommen." Inzwischen habe sie jedoch ein entspanntes Maß gefunden.

Selbstkontrolle heiße für sie, tatsächlich immer wieder zu überdenken, was sie ihrem Körper zumute. "Heute bin ich sicher, dass ich ihm nichts Gutes getan habe über mehrere Jahrzehnte." Fasten bedeute für sie auch kein Verzicht – ganz im Gegenteil. "Wenn Fasten bedeutet, sich selbst zu geißeln, sich zurückzunehmen, stark auf etwas verzichten zu müssen, dann sehe ich Veganismus auf keinen Fall als Fastenzeit, sondern als Zeit, sich wirklich eben auf das Wichtige zu konzentrieren", erklärt Witte. So könne man das eigene Leben anschauen und sich darauf fokussieren.

Körperliche Veränderungen

Auch Christian Vagedes, der Gründer der Veganen Gesellschaft Deutschlands, sieht die Vorteile des selbstgewählten Verzichts. Er selbst habe Veganismus von Beginn an nicht als Verzicht, sondern als Gewinn erfahren. "Ich habe da total unideologisch mit experimentiert und festgestellt, dass ich nach wenigen Wochen eine doppelt so lange Wegstrecke joggen konnte. Das hat mich absolut begeistert." Selbstkontrolle sei für ihn eine ganz wichtige Angelegenheit. Ansonsten habe Veganismus aber auch viel mit Freiheit zu tun.

Man kann nur vegan leben, wenn man es aus freien Stücken macht.

Christian Vagedes, Gründer der Veganen Gesellschaft Deutschland

Der Wahn der Selbstoptimierung

Strenge Essenregeln als Ausdruck der Freiheit? Das ist sicher nichts für jeden. Denn feiern, das Leben genießen, es sich gut gehen lassen: das lässt sich eben am einfachsten durch Essen ausdrücken, das üppig und auch oft unvernünftig ist. So sieht es der nicht-vegane katholische Diakon Willibert Pauels.

Mehrere Personen beim Fitnesstraining
Fitness-Studios boomen. Bildrechte: imago/Westend61

Er erklärt, dass es früher vor allen Dingen religiöse Zwänge gab, wie strenge Fastenzeiten oder rigorose Moralgebote. Aber dies sei einfach ausgetauscht worden – durch den Fitnesswahn, durch den Gesundheitswahn, durch Selbstoptimierungswahn. "Also es gibt eine enorme Menge von gesellschaftlichen Zwängen."

Pauels empfiehlt als Gegenmittel dazu das Feiern, den Überfluss – für eine bestimmte Zeit natürlich nur. Pauels ist begeisterter Karnevalist, er geht nach dem Karneval genauso begeistert in die Fastenzeit. Gegenüber dauerhaftem Verzicht ist er misstrauisch. Er sagt: "Wer nie feiert, wird krank. Wer immer feiert, wird auch krank, aber wer nie feiert, wird krank".

Genuss und Überfluss im Veganismus

Aber Moment mal, werfen da Veganer ein: es ist ja nicht so, dass wir immer spaßbefreit am Staudensellerie kauen. Auch wer vegan lebt, kennt Überfluss. Christian Vagedes wirft das Beispiel Kartoffelchips ein – da sei ja kein Tier drin. "Ich kann vegane Würstchen essen, zuhauf, und kann auch als Veganer extrem zunehmen."

Vegane- und vegetarische Wurstersatzprodukte
Vegane- und vegetarische Wurstersatzprodukte. Bildrechte: IMAGO

Auch Monika Witte erzählt, wie sie regelmäßig zu veganen Mitbring-Brunches geht. Da treffen sich Sonntags all jene, die darauf Lust haben, jeder bringe etwas mit und es wird gemeinsam gegessen. "Auch wenn ich mir vornehme, dieses mal nur einen oder eineinhalb Teller zu nehmen, ist das Angebot meist so groß, dass ich viel, viel mehr esse als ich eigentlich vorhatte." Das sei für sie Überfluss: die Auswahl und Vielfalt zu haben.

Vielleicht ist es also eine Frage von Innen und Außen – wer sich ein Leben ohne Schnitzel und Ei nicht vorstellen kann, kann sich Veganismus nur als dauerhafte Zeit der Entbehrung vorstellen. Wer sich bewusst gegen Ei und Schnitzel entschieden hat, so wie Monika Witte, versteht seine Lebensweise als Fülle – und kann in der Fastenzeit dann auf anderes verzichten. Sie versuche, mehr öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder zu Fuß zu gehen, um die Umwelt zu schonen – da sie schon so sehr viel mit dem Auto fahre. Was aber nicht gehen wird: "An Lebensmitteln werde auf nichts verzichten."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2019, 04:00 Uhr

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